Leidenschaft? Freundschaft!

Simron Jit Singh aus Neu-Delhi arbeitet als Humanökologe

Ein Inder in Wien: Simron Jit Singh, 35, studierte in Neu-Delhi und in Schweden. Danach Feldforschung auf den Nikobaren im Golf von Bengalen, deren »kulturelles Erbe nach dem Tsunami« Thema seines zuletzt erschienen Buches ist. Seit 1999 arbeitet der Humanökologe am Institut für Soziale Ökologie.

Überraschung Es ist angenehm hier. Gemütlich. Wie sauber diese Stadt ist. Der Hundedreck auf den Gehsteigen – ach, der stört mich nicht. Als Inder achte ich darauf, wo ich hintrete. Ich schaue auf den Boden beim Gehen. Nicht in die Luft. Das hilft, meistens.

Wien ist reich an interessanten Menschen. Ich arbeite, lese und beobachte die Menschen. Als Humanökologe fasziniert mich der gesellschaftliche Stoffwechsel: Ein soziales System ist wie ein Organismus, der durch den materiellen und energetischen Austausch mit seiner natürlichen Umwelt und mit anderen sozialen System verbunden ist. Da fällt in dieser Stadt schnell auf, wie fokussiert die Menschen sind. Für den Austausch mit Freunden haben sie wenig Zeit.

In Indien sind wir out of focus, wir haben Zeit für alles. Freundschaft ist allgegenwärtig. Wenn ich in ein neues Viertel übersiedle, erwarten mich dort Freunde – meine neuen Nachbarn werden für meine Familie kochen, bis unser Herd endlich angeschlossen ist.

Nun stellen Sie sich das einmal in Wien vor. Hier müssen Sie viele Jahre investieren, bis sich eine Freundschaft entwickelt. Das ist ein Ausleseprozess. Die Menschen müssen mit ihren Ressourcen sehr sparsam umgehen. Die wenige Zeit, die sie haben, verteilen sie daher auf wenige Freunde. Das hat mich überrascht in einer Stadt, in der Freundschaft scheinbar wichtig ist.

Guter Ausländer Trotz alledem habe ich am Anfang keine Freunde gefunden in Wien. Ich war sehr einsam. Mit meinem schlechten Deutsch wurde ich als schlechter Ausländer identifiziert. Die Leute waren unfassbar unfreundlich zu mir. Ich war schockiert. Inzwischen habe ich einen Trick. Ich spreche kein schlechtes Deutsch mehr, sondern gutes Englisch. Und siehe da: Sie kompensieren ihr schlechtes Englisch mit viel Freundlichkeit. Sie sehen in mir einen guten Ausländer. Sie halten mich vielleicht für einen Diplomaten, jedenfalls für jemanden, um den man sich bemühen muss.

Die drei oder vier wirklichen Freunde, die ich in Wien heute habe, verbindet etwas Großes mit mir. Sie sind leidenschaftlich. Sie haben, was den meisten hier fehlt: Passion. Mit denen kann ich meine Leidenschaften teilen, aber auch meine Leidenschaftlichkeit. Das sind richtige Freunde, keine indischen.

Ich bin vorsichtig geworden, das Wort Freundschaft geht mir nicht mehr so leicht über die Lippen. Das ist gut. Aber diese Melancholie hier, die traurige Seele dieser Stadt… Ich muss aufpassen, dass ich kein Wiener werde. Dass ich meine Passion nicht verliere.

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Leser-Kommentare
  1. der artikel beinhaltet viel wahres, das ich - aus weiblicher perspektive - auch erlebt habe. ich stimme nicht allem zu, aber ich muss sagen, dass es mich sehr erfreut, einen derartigen artikel zu lesen. die NRI literatur (und filme!) werfen immer einen blick auf familienschicksale. aber die einzelnen aus dem mittelstand, die in europäischen (und amerikanischen) städten leben, werden selten thematisiert.
    danke fuer diesen beitrag!

    sonali

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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  • Schlagworte Ausländer | Neu-Delhi | Freundschaft | Schweden | Indien | Tsunami | Stadt | Focus | Wien
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