interviewWenn Menschen zu Abfall werden

Ein Gespräch mit Zygmunt Bauman, dem Soziologen der Moderne, über nutzlose Menschenmassen, die Revolte in Frankreich und sein neues Buch "Verworfenes Leben"

DIE ZEIT: Herr Bauman, Sie werden nun achtzig. Sie mussten als Kind einer jüdischen Familie aus Polen in die Sowjetunion auswandern, sind als Soldat wieder nach Polen zurückgekehrt, später nach Israel ausgewandert, dann nach England gegangen. In welchem Staat der Welt wären Sie heute gern noch einmal zwanzig?

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Zygmunt Bauman: Ich bin nun seit dreißig Jahren britischer Bürger. England ist ein guter Ort für Flüchtlinge, Emigranten und Staatenlose. Aber die Frage nach dem Staat meiner Wahl habe ich mir so ohnehin nie gestellt. Als ich Polen 1968 nach meiner Entlassung aus der Universität verlassen musste, war ich 42, und nie war ich auf die Idee gekommen, anderswo als in Warschau meinen Ruhestand zu verbringen. Es blieb mir dennoch nichts anderes übrig, als zu gehen. Die Geschichte arbeitet mit der freien Wahl eng zusammen, sie sind kaum voneinander zu sondern.

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ZEIT: Es gibt keine besseren oder schlechteren Staaten als Heimat?

Bauman: Ich habe in einem langen Leben in den verschiedensten Gesellschaftssystemen mit ihren Hoffnungen und Ängsten gelebt. Vielleicht ist es meine einzige Art von Weisheit, sicher zu sein, dass auf Erden eine gute Gesellschaft nicht existiert.

ZEIT: Was wäre das, eine gute Gesellschaft?

Bauman: Eine, die sich nie für gut genug hält, die wachsam gegenüber Ungerechtigkeit, Unglück und Leid, also ruhelos bleibt.

ZEIT: Das sind aber auch die Merkmale moderner Gesellschaften, die Sie zugleich kritisieren.

Bauman: Die Moderne beruhte auf der Überzeugung, dass sich alles aus menschlicher Kraft vervollkommnen lasse. Die Maxime heutiger Politik aber heißt: Es gibt keine Alternative. Leibniz hätte gesagt: Wir leben in der besten der möglichen Welten. Doch ich war Sozialist und hänge immer noch dem sozialistischen Gedanken an, dass die Qualität einer Gesellschaft danach zu beurteilen ist, ob ihre schwächsten Mitglieder ein gelingendes Leben führen können.

ZEIT: Was unterscheidet die heutigen postindustriellen Gesellschaften von ihren totalitären Vorgängerinnen? Was ist heute neu?

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