interview Wenn Menschen zu Abfall werdenSeite 4/4
Bauman: Vor 250 Jahren hat das Erdbeben von Lissabon die Zeitgenossen mit einer Erfahrung konfrontiert, die der des Tsunami unserer Tage gleicht. Das Erdbeben bedeutete in der Philosophie das Ende der Theodizee. Die Idee des allmächtigen, fürsorgenden Gottes ließ sich nicht länger aufrechterhalten. Dieser Gott hatte in der Naturkatastrophe zwischen Frommen und Sündern keinen Unterschied gemacht. Das Erdbeben von Lissabon führte öffentlich noch einmal das biblische Buch Hiob auf. Seither entstand die Idee, die Natur in die Hände des Menschen zu nehmen und sie seiner Vernunft anzuvertrauen. Katastrophen wie der Tsunami oder der Hurrikan treffen uns heute wieder wie blinde Mächte, und viele reagieren darauf nun mit der großen Vereinfachung, die Gott für sie bedeutet. Gott? Es ist der Hunger nach dem Absoluten, das Bedürfnis nach Reinheit, die sich in der Wiederkehr der Religion ausdrücken. Die Erschöpfung in einer Welt, die so unverständlich ist, führt zu dem Bedürfnis, die Freiheit wieder gegen Sicherheit eintauschen zu wollen. Sigmund Freud hat in seinem Werk Das Unbehagen in der Kultur gesagt, Zivilisation sei ein Abtausch zwischen Freiheit und Sicherheit. Das Pendel schlägt abwechselnd in die eine oder andere Richtung aus, unaufhörlich. Wir experimentieren endlos mit diesem Dilemma.
ZEIT: Die monotheistische Idee einer Schöpfung, in der keine Kreatur Abfall ist und keine nutzlos, trägt also für Sie nicht mehr?
Bauman: Sie ist ein schöner Traum, den wir nicht aufhören werden zu träumen. Nur ist er unerfüllbar. Der Zufall, die Ambivalenz, die Uneindeutigkeit, all diese unangenehmen Eigenschaften der Freiheit sollen ein Ende haben. Aber die Freiheit bekommt man nur um den Preis der Ungewissheit.
Das Gespräch führte Elisabeth von Thadden
- Datum 17.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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