Österreich Muss Fernsehen dumm sein?
Eine ganze Woche währten die Huldigungen. Gerd Bacher, 80, Interviews von Alpha bis Omega, Mittagessen im Kanzleramt, eine Jubeldoku im ORF, die dennoch immerhin sehenswert war.
Gleich zu Beginn stellte darin der Jubilar eine interessante Frage, die dann aber leider nicht mehr weiter behandelt, geschweige beantwortet wurde: Muss Fernsehen, zumal es öffentlich-rechtlich ist, dumm sein? So dumm?
Die Antwort liegt für Bacher wohl auf der Hand: Nicht wenn er es ist, der an der Orgel die Register zieht. Sein Fernsehen, daran lässt er keinen Zweifel, sei stets das Gegenteil von dumm gewesen. Also nicht notwendigerweise klug, aber eben nicht so schrill, so peinlich, so hemmungslos feldbuschig.
Doch der Mann, der, wenn es stimmt, was man so liest, das Fernsehen in Österreich erst erfunden hat, betrachtet sein Lebenswerk aus einer Perspektive, die es gar nicht mehr gibt und nie hätte geben sollen. Sein Fernsehen sendet in dem Bewusstsein eines Alleinvertretungsanspruches. Es ist ein Götze, der keine anderen neben sich dulden mag. Ein Stück Religionsersatz, und wer’s glaubt, wird selig. Allen anderen ist die Hölle gewiss, darin die ewige Dummheit brodelt.
Diese Praxis hat, siehe Radio Vatikan, eindeutig Vorteile. Keinerlei Ketzerei, kein Prollprogramm. Aber sie entspricht nicht der Rolle, die ein modernes Massenmedium in einer demokratischen Gesellschaft einzunehmen hat, in der alles Rechthaben vom Seher ausgeht – und nicht vom Gebührenzahler. Die Vorstellung, Fernsehen sei eine Schule der Nation, eine Belehrungs- und Erklärungsanstalt, nährt sich aus der utopischen Idee der wohlmeinenden Diktatur, die davon überzeugt ist, es müsse eine hohepriesterliche Fürsorgeherrschaft über das unmündige Gewusel der Menscheit errichtet werden. Der Gedanke, so verführerisch er sein mag, ist in Wahrheit totalitär.
In einer demokratischen Gesellschaft ist Fernsehen kein Medium der Aufklärung, sondern ein Jahrmarkt konkurrierender Attraktionen. Die müssen nicht dumm sein, sind es aber meist. Nicht weil quotengeile Leute Programm verantworten, sondern weil die Quote Fernsehen erst geil macht. Es ist nämlich ein Massen medium und als solches mit intellektueller Pornografie durchsudelt.
- Datum 24.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
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Aus der "Perspektive, die es gar nicht mehr gibt und nie hätte geben sollen", wie der Autor meint, dürfen hie und da, das ist mein Eindruck, immer noch allerhand Fernsehleute Nicht-Dummes, z.B. Dokumentarisches oder Historisches oder Aktuelles, in die Welt setzen - und dafür auch noch ganz besonders geschätzt werden bei einem Gutteil des Publikums, z.B. bei BBC, CBC, PBS, Euronews, Arte - und Gottseidank zuweilen auch (noch) bei ORF, ARD, ZDF, SRG usw.
Als einer, der viele Jahre lang versucht hat, nicht-dummes Fernsehen zu machen und dabei nicht das Gefühl hatte, völlig am Markt vorbei zu produzieren, habe ich noch nie verstanden, warum oft auch kluge Zeitungen sich so Mühe geben, genau der massenmedialen Verdummung hinterherzurennen, von der ihre Leserschaft davon- und ihnen zugelaufen ist.
Wahrscheinlich bin ich immer noch zu dumm. Irgendwie glaube ich halt doch an die Nutzen und Sinn stiftende, um nicht zu sagen Lustgewinn mit sich bringende Wirkung menschlichen Bemühens um Verstehen, Aufklären, Erziehen usw. - auch und gerade in den Medien.
Das gibt mir die Naivität, dem ZEIT-Autor zuzurufen: Habt doch mehr Verständnis für Euere eigenen aufklärerischen Stärken als für die vermeintliche Überlegenheit der Kollegen von der Unterhaltungsfakultät! Schreibt doch, wenn schon, öfter über die vielen Fernsehsendungen mit Niveau, die es gibt (ohne sie gleich zu "verreißen")!
Wertet, besser noch, den im allgemeinen weniger dummen Verwandten, das Radio, weiter auf! Das Medium, was sage ich, der Freund, der auch laut Umfragen im allgemeinen sympathischer, bescheidener, unaufdringlicher, schneller, vielseitiger, flexibler und billiger und persönlicher daherkommt.
Nicht umsonst erzielt der Hörfunk insgesamt in mehreren europäischen Ländern klammheimlich längst wieder höhere Tagesreichweiten, Einschaltquoten und damit auch Werbemarktanteilszuwächse als sein immer völlig verfetteter, immer verwirrterer und immer verwirrenderer Big Brother.
Das Come-Back des Radios rührt sicher auch daher, dass es sich besser mit Autofahren und sonstiger Mobilität vereinbaren lässt, mit Computer- und sonstigen mehr oder weniger angenehmen Betätigungen.
Aber das allein kann es nicht sein. Persönlich treffe ich immer mehr Menschen, denen einfach ihre Intelligenz zu schade ist für Fernsehen. Und ihre Zeit. Ja, DIE ZEIT!
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