London

Wie es den 500 Häftlingen in Guantánamo so geht? Hervorragend, wenn man der US-Regierung glauben darf. Kürzlich übersandte das US-Außenamt dem UN-Anti-Folter-Komitee einen Bericht über den Alltag im Lager. Die "feindlichen Kämpfer", wie die Gefangenen von den USA genannt werden, wohnten in "klimatisierten Schlafsälen", abends gäbe es " family style dinners", die Möglichkeit zur Erholung an der frischen Luft – bei Brettspiel und Fußball. Verstümmelte bekämen Prothesen, Analphabeten würde in Schulklassen das Lesen und Schreiben gelehrt – damit sie auch "mit ihren Familien und Freunden kommunizieren können". Und wer das nicht wollte, darf mit Vernehmungsbeamten auch den Film Gladiator schauen.

Und Übergriffe? Ja, die habe es in Guantánamo auch gegeben. Doch von Folter könne keine Rede sein. Ein Wachmann wurde abgemahnt, weil er einen Gefangenen mit Wasser bespritzte. Ein Militärfriseur habe zwei Häftlingen einen "umgekehrten Irokesenschnitt" verpasst, weil die sich über die Einheitsfrisur im Lager beschwerte. Einem vorlauten Gefangenen wurde beim Verhör der Mund verklebt, ein anderer wurde mit ätzenden Putzmitteln überschüttet. Eine Vernehmungsbeamtin habe bei einer Vernehmung "sexuell anstößige Bewegungen" gemacht. Sie erhielt von den Vorgesetzten "zusätzliches Training".

Sonst keine weiteren Vorkommnisse? Doch. Die USA verweigerten den UN vergangenen Freitag definitiv den lange geplanten Besuch des Lagers, in dem Verdächtige unter Missachtung der Genfer Konventionen und der Anti-FolterKonvention seit knapp vier Jahren ohne rechtsstaatliches Verfahren festgehalten, verhört und vermutlich auch misshandelt werden.

Der UN-Sonderberichterstatter über die Folter, Manfred Nowak, ein renommierter Wiener Rechtsprofessor, sollte gemeinsam mit vier anderen UN-Ermittlern den Misshandlungsvorwürfen nachgehen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erinnert daran, dass sogar CIA-Chef Porter Goss im März dieses Jahres zugegeben habe, das aus südamerikanischen Folterkellern bekannte "waterboarding" sei eine "professionelle Befragungstechnik". Gefangene werden dabei so lange unter Wasser getaucht, bis sie zu ertrinken glauben.

UN-Ermittler Nowak wurde schließlich nach langen diplomatischen Verhandlungen zu einem eintägigen Inspektionsbesuch nach Guantánamo eingeladen. Allein die Auflagen für den Besuch waren unannehmbar für ihn. Einerseits sollte etwa der ebenfalls angekündigte UN-Experte für das "Recht auf Gesundheit" zu Hause bleiben. Das hätten die UN noch hingenommen. Doch mit Häftlingen, so wurde Nowak erklärt, dürfe gar nicht gesprochen werden.

"So nicht", sagte Nowak und verzichtete vergangene Woche auf die Inspektion. Er ist überzeugt, dass "die USA in Guantánamo offenbar etwas zu verbergen haben". Sogar in Chinas Gefängnissen, die Nowak im Auftrag der UN vergangenen Dienstag besuchte, durfte er mit Gefangenen vertraulich sprechen. Nowak: "Es ist eine auch von den USA immer eingeforderte Grundbedingung, dass es bei Haftbesuchen Gespräche mit Häftlingen geben muss. Sonst hat das alles doch keinen Sinn!"

Die UN werden den Guantánamo-Bericht trotzdem erstellen und der UN-Generalversammlung präsentieren. Im März schon soll das Dossier fertig sein. Vergangene Woche besuchte Nowak deshalb auch eine ungewöhnliche Konferenz in London. Auf Einladung von amnesty international und der britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve versammelten sich erstmals freigelassene Guantánamo-Häftlinge, aber auch Angehörige von Inhaftierten, die seit Jahren von den USA darüber im Unklaren gelassen werden, ob ihre Söhne, Ehemänner oder Väter tatsächlich etwas verbrochen haben. "Es geht uns hier nicht darum, ob die Leute im Lager schuldig sind oder nicht. Ob sie gefährlich sind, müssen Gerichte klären. Es geht um das Epizentrum eines rechtlichen Schattenreiches, in dem Menschen ohne Anklage jahrelang eingesperrt werden", sagt amnesty-Generalsekretärin Irene Khan. Der Menschenrechtskommissar des Europarates, Álvaro Gil-Robles, bemerkte bei der Konferenz, dass es für die kritische Öffentlichkeit "fast schon normal geworden ist, dass Menschen in diesen schwarzen Löchern verschwinden".

Die ehemaligen Häftlinge fordern nun die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien: ein faires Verfahren vor einem unabhängigen Richter, das Verbot, unmenschlich behandelt oder gar gefoltert zu werden, das Recht auf Familie und körperliche Unversehrtheit.

Fast alle hier erzählen, die Amerikaner hätten ihnen bei der Verhaftung die Kleider vom Leib geschnitten, sie wie Tiere angebrüllt, sie in Gitterkäfige gesteckt, ihnen schwarze Säcke übergestülpt, ihnen die Augen verbunden, sexuelle Erniedrigungsrituale angewandt und sie so lange verhört, bis sie Dinge gestanden, die sie nachweislich nicht begangen hatten. Shafiq Rasul zum Beispiel, britischer Staatsbürger, Nike-Turnschuhe, wallender Bart, Angestellter in einem Elektroladen in den West Midlands. Er gibt an, von Truppen des afghanischen Generals Dostum verhaftet und mit 200 anderen Gefangenen in Anwesenheit amerikanischer Truppen in einen Container gesperrt worden zu sein. Der Vorfall sorgte für internationales Aufsehen. Dostums Truppen hätten Luftlöcher in den Container geschossen. Nach 18 Stunden seien jedoch 180 Häftlinge erstickt. Dann wurde Rasul an die USA übergeben und nach Guantánamo überstellt. Der Brite sagt, er sei dort nackt fotografiert, geohrfeigt, mit Medikamenten vollgepumpt und wochenlang – auch von britischen Geheimdienstleuten – verhört worden. Danach habe er fälschlich ein Treffen mit hochrangigen Al-Qaida Leuten gestanden. Auch der Brite Asef Iqbal gestand – nach einem Folterverhör, wie er sagt –, Al-Qaida-Terroristen getroffen zu haben, obwohl er zum fraglichen Zeitpunkt nachweislich in einem Londoner Polizeigefängnis saß. Die britische Anwältin Gareth Pierce vertritt die beiden Briten und sagt: "Es wurde keine Methode ausgelassen, ihren Willen zu brechen."

Amnesty-Chefin Irene Khan behauptet, rund 200 Häftlinge befänden sich seit über hundert Tagen wegen der unerträglichen Haftbedingungen im Hungerstreik. Reprieve-Chef Clive Stafford Smith, der mehrere Inhaftierte und Entlassene in "Gtmo" besuchen durfte, erhielt den Brief des Inhaftierten Sami al-Hadsch, laut Smith ein Al-Dschasira-Journalist. In dem Schreiben, datiert auf den 2. November, berichtet der Gefangene, Hungerstreiker seien "an Armen und Beinen ans Bett gefesselt", Soldaten würden ihnen ohne Betäubungsmittel Schläuche durch die Nase treiben, um Zwangsernährungen durchzuführen. "Kein unabhängiger Kontrolleur sieht, was hier passiert", schreibt al-Hadsch. Shakker Aamer, ein anderer Gefangener, wünscht in einem Brief, datiert am 7. November, "endlich nicht mehr zwangsernährt zu werden". Er werde ständig mit Neonlicht angestrahlt, dürfe die Sonne nicht sehen, leide an Gehörschäden, weil es ständig unterträglichen Lärm gebe. "Ich würde gerne einfach still bei mir sein und sterben", schreibt Aamer.

Die US-Behörden, die mit solchen Beschwerden konfrontiert werden, sagen, diese Vorwürfe seien erfunden oder stark übertrieben. Im Übrigen würden solche Fälle von Militärtribunalen gewissenhaft untersucht. Ein im Sommer verfasster Untersuchungsbericht werde nicht veröffentlicht. Die einzige unabhängige Instanz, die das Lager besuchen darf, ist das Rote Kreuz. Die Organisation ist zwar zu absolutem Stillschweigen verpflichtet, sie schlug allerdings schon vor zwei Jahren Alarm – was sehr ungewöhnlich für die zur Neutralität verpflichtete Organisation war. Die Haftbedingungen und Selbstmordraten, sagt das Rote Kreuz, seien "unerträglich".

Der Brite Ruhal Ahmed versteckt sich hinter einer Wand, weil er nur unter der Bedingung erzählen will, dass man ihn dabei nicht sieht. Er schäme sich für die ihm zugefügten Erniedrigungen, die er nicht weiter im Detail beschreiben könne. Im Lager habe er als Dolmetscher gearbeitet, sei bei unangenehmen Antworten geschlagen worden. Seine Existenz sei heute ruiniert, er bekomme keinen Job mehr. Ähnliches berichtet der Russe Rustan Achmjarow. Er sei von pakistanischen Behörden an Amerikaner "verkauft" worden, 18 Monate in Guantánamo gesessen und habe sich dort Hepatitis B eingefangen. In seiner Heimat sei er für immer stigmatisiert: "Wenn ich mich irgendwo bewerbe, wird sofort die Polizei gerufen."

Es mögen zum Teil Islamisten sein , die hier ihre subjektive Sicht des Lagers schildern. Gewaltbereite Kriminelle sind sie offenbar nicht. Sie alle haben gemeinsam, dass ihnen auch nach Jahren im Lager keine Straftat nachgewiesen werden konnte. Moasam Begg, ein klein gewachsener Brite, besuchte in den Neunzigern mehrmals Ausbildungslager in Afghanistan, reiste während des Bosnienkrieges auf den Balkan und wurde schließlich verhaftet, weil er Kontakt zu den Attentätern des 11. September gehabt haben soll. Straftaten habe er keine begangen, versichern heute die Behörden. Er saß zunächst im US-Gefängnis im afghanischen Bagram, dann drei Jahre in Guantánamo, ehe er Anfang dieses Jahres freigelassen wurde. Begg sagt, er fühle sich schuldig, die Lager überlebt zu haben, und er wolle die Lage "gerecht" schildern, um seinen "Brüdern" zu helfen. Ja, es habe in den Lagern anständige Beamte gegeben, auch Veteranen, die ihm erzählten, selbst gefoltert worden zu sein. In Bagram habe er aber beobachtet, wie zwei Häftlinge buchstäblich erschlagen wurden. Tatsächlich hält auch der Bericht des State Departments an die UN fest, dass zwei Häftlinge in Afghanistan von mehreren Soldaten zu Tode geprügelt worden waren. 28 Soldaten, so der Bericht, hätten "Konsequenzen" zu erwarten. Auch Afghanistans Präsident Hamid Karsai verurteilte das Verbrechen.

Moasam Begg erzählt dann noch die Geschichte mit dem Iguana. Bei seiner Ankunft in Guantánamo hatte er von dem besonderen Schutz gehört, den das seltene Chamäleon hier genieße. 10000 Dollar Strafe koste es, das Reptil mutwillig zu töten. Die internationalen Tierschutzgesetze würden nämlich auch hier auf der Militärbasis gelten. Moasam Begg sagt: "Ich verlange, dass eure internationalen Schutzgesetze auch für uns gelten."