tanzAusweidung der Kampfzone

Sasha Waltz demoliert die Schaubühne und triumphiert mit ihrem neuesten Tanztheaterstück "Gezeiten" von 

Zum Abschied präsentiert die Choreografin ihrem Publikum ein Schreckenspanorama. Sasha Waltz, berühmt für schöne Gruppenbilder und sanfte Kontaktimprovisationen, hat mit dem letzten Coup ihrer Schaubühnen-Karriere alle vorherigen Premieren überboten. Plötzlich erscheinen sie wie Skizzen für ein ehrgeizigeres Projekt: ein Epochengemälde, das das 21. Jahrhundert als morsche Zivilisationsruine darstellt, als abgenutzten Kriegsschauplatz und von ängstlichen Kreaturen bevölkerten Fight-Club. Sie kauern in dunklen Ecken, klettern auf wacklige Tische, verkriechen sich in kaputte Nachtschränke. Und wenn sie sich zu einem dieser typisch Waltzschen Tänzerpulks zusammenrotten, ist es, als wollten sie endgültig in der namenlosen Masse verschwinden. Dann schwankt der vielköpfige Ensemblekörper, umweht von Celloklängen, leise hin und her, durchläuft aber nicht die bewährten Transformationen, bildet keine kuriosen Beulen, löst sich nicht in Tänze auf, sondern zerbröckelt in einzelne Gestalten.

Wer den Verlust ermessen will, den der geplante Weggang der Choreografin und ihrer Compagnie für die Berliner Schaubühne bedeutet, muss sich Gezeiten anschauen. Das Stück enthält die wichtigsten Gesten, Tricks, Signale, die Waltz für ihre gefeierte Trilogie des Körpers erfand, doch deren eigentliche Brisanz erst jetzt zutage tritt. "Wie gehen Menschen mit Bedrohungssituationen um?", hat sich die prominenteste Verhaltensforscherin des neuen deutschen Tanztheaters gefragt. Ihre Antwort überzeugt auch deshalb, weil Waltz die eigene Krise, den Kleinkrieg um städtische Zuschüsse, den sie in den vergangnen Wochen mit dem Schaubühnen-Regisseur Thomas Ostermeier führte, nicht etwa weinerlich hinzu zitiert. Sie bleibt bei den objektiven Weltdesastern, die den Anstoß zu dieser furiosen Inszenierung gaben: dem Tsunami in Asien, dem Terror in London, den Hurrikans in Louisiana, dem Erdbeben in Pakistan… Natürlich ging es nicht darum, tatsächliche Verheerungen naturalistisch nachzuempfinden. Vor dem Hintergrund extremer Ereignisse porträtiert Sasha Waltz eine Gesellschaft, die im Bewusstsein drohender Katastrophen lebt. Gezeiten beschreibt die Situation von Menschen, die sich dem Zufall unterworfen fühlen und deshalb ihre Geschicke nicht mehr selbst in die Hand nehmen. Untätig, ziellos vegetieren sie in einem heruntergekommenen Bühnenraum, dessen schrundige, schimmlige Wände keiner mehr tapeziert und dessen kaputte Wasserrohre nur provisorisch geflickt werden, wenn die Bewohner durstig sind. Denn ihre Haltung ist die Defensive, ihre charakteristische Fortbewegungsart der Rückzug.

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Gleich am Anfang flüchtet ein Mann ohne erkennbaren Grund auf einen hohen Mauervorsprung, ängstlich bedacht, einem anderen Fliehenden zu entkommen, der sich an den ersten wie an einen Rettungsanker klammern will. Dann wieder sieht man mehrere Personen vor einem um Hilfe flehenden Sterbenden zurückweichen. Mit eingezogenen Köpfen, gebeugten Rücken, krummen Schultern pirschen die Figuren durch eine Welt ständiger Eskalationen. Da knattern Hubschrauber, braust Sturm, quillt Rauch. Entsetzlich scheint jedoch nicht so sehr das Inferno selbst, sondern die ihm vorauseilende demoralisierende Wirkung.

"Die Phantasie der Angst", schreibt Friedrich Nietzsche in Menschliches Allzumenschliches, "ist jener böse, äffische Kobold, der dem Menschen gerade dann auf den Rücken springt, wenn er schon am schwersten zu tragen hat." Sasha Waltz’ Protagonisten sind einer des anderen Kobold, und die Last, an der sie zusätzlich tragen, sind sie selbst. Sie haben keinen Gott und keine Hoffnung. Sie leiden an derselben metaphysischen Leere wie die Helden der postutopischen Romane Don de Lillos oder Michel Houellebecqs. Erst wenn sie ihre verzweifelte Fantasie ausschalten könnten, wären sie zum aufrechten Gang in der Lage. Zu Widerstand, Mitleid, Solidarität.

Dann könnten sie so schaumleicht tanzen wie im zweiten Teil von Gezeiten. Da beschwört Waltz das Ideal eines angstfreien Lebens – im Gegensatz zu einem von diffuser Gewalt durchherrschten Dasein. Doch lange hält sie sich mit dem gefälligen Choreografieren nicht auf. Denn letztlich bezweckt sie die totale Demontage des Theaters: Erst wird das kipplige Armenhausmobiliar zerschlagen und am Ende sogar der Fußboden herausgerissen. Die Zerstörungsorgie ist ja der einzige Ausweg der Figuren aus ihrer zähneklappernden Untätigkeit. Nur wo sie die Katastrophe selbst forcieren, fühlen sie sich ihr nicht länger ausgesetzt.

Sasha Waltz hat an ihre berserkerhafte Schaubühnen-Ausweidung einen Spendenaufruf für die Erdbebenopfer in Pakistan geknüpft. Das führte prompt zu dem Missverständnis, der ganze Abend sei als Appell an die Barmherzigkeit der Zuschauer gemeint. Gezeiten ist jedoch ein expressionistisches, kein Agitprop-Stück. Es kommt eine Figur darin vor, die eine andere mit dem Hammer streichelt. Eine Figur, die ihre Hosen auf den Tisch nagelt. Ein Mädchen, das sich Ziegelsteine ins Haar flicht. Diese apokalyptischen Menschen taugen zur Identifikation genauso wenig wie seinerzeit die abstürzenden Dachdecker aus Jakob van Hoddis’ Gedicht Weltende. Sie sind aber geeignet zu beweisen, dass man noch auf andere Art gesellschaftskritisch sein kann als Thomas Ostermeier in seiner Schauspielsparte. Mit Gezeiten bereitet Sasha Waltz sich selbst eine würdige Abschiedsfeier. Und sie beschämt die Stadt Berlin, die nun bald keine einzige fest engagierte Compagnie für zeitgenössischen Tanz mehr hat.

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