Medien Lustiges Völkchen

Die Deutschen haben keinen Humor? Ach was, sagt Luke Harding, Deutschland-Korrespondent des »Guardian«

Seit zwei Jahren lebe ich als Engländer in Berlin und kann bestätigen: Ja, die Deutschen haben Sinn für Humor. Und nicht nur das – sie stehen sogar auf englische Witze. läuft mindestens vier, fünfmal pro Jahr im Fernsehen. Im Videoladen bei mir um die Ecke findet man die komplette Originalausgabe der Comedy-Serie Und Tausende Deutsche strömen derzeit in die Kinos, um sich anzusehen. Deshalb verblüfft es mich doch einigermaßen, dass der englische Verband der Fußballfans plant, zur WM im nächsten Jahr seine Mitglieder in T-Shirts mit dem Aufdruck (Bloß kein Wort über den Krieg!) nach Deutschland zu schicken.

Die Londoner möchten mit diesem Satz aus der Kultserie Fawlty Towers diejenigen Deutschen für sich gewinnen, die glauben, englische Fans seien alle pöbelnde Halbstarke. Der Satz geht zurück auf eine der erfolgreichsten britischen Sitcoms der siebziger Jahre über einen jähzornigen britischen Hotelbesitzer, der von John Cleese gespielt wird. Der Spruch »Don’t mention the war!« stammt aus dem berühmtesten Sketch der TV-Serie. Während des Frühstücks fällt Hotelier Cleese mit einer Verbalattacke über eine Gruppe ahnungsloser deutscher Touristen her – »Ihr habt angefangen! Ihr habt Polen überfallen!« –, bevor er im Stechschritt aus dem Zimmer marschiert. Nun wollen die englischen Fans den Klassiker von Cleese auf Tausende Postkarten und T-Shirts drucken lassen, zusammen mit den Ergebnissen von Englands berühmten (und seltenen) Fußballtriumphen über Deutschland, dem 4:2 im WM-Endspiel von Wembley 1966 und dem 5:1 in München 2001. Nicht gerade eine besonders versöhnliche oder bescheidene Geste. Aber jenseits jeglichen Unmuts, den dieser Modegag hervorrufen könnte, ist er vor allem ein Beweis dafür, dass die Englandfans ein trauriger Haufen von Versagern sind.

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Während sich die Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt haben, scheinen die Briten noch immer hoffnungslos in der Vergangenheit festzustecken. Die Deutschen haben sich umfassend mit ihrem nationalsozialistischen Erbe auseinander gesetzt, ein wunderbares Holocaust-Mahnmal mitten in Berlin errichtet und sogar den Oscar-nominierten Blockbuster Der Untergang hervorgebracht, der Hitlers letzte Tage im Bunker nachstellt. Mehr noch, die postmodernen, postnationalistischen Deutschen von heute lieben britische Sitcoms. Sie verstehen sogar ihren Witz. Ein deutscher Partygast kann Monty-Python-Sketche ebenso gut zum Besten geben wie sein langweiliges bürgerliches Pendant in Großbritannien. Die Deutschen lieben sogar eine Figur wie Basil Fawlty. Die komplette Fawlty Towers- Reihe gibt es bereits auf DVD. (Deutsche Kritiker wiesen übrigens darauf hin, dass der Schauspieler Andrew Sachs, der den beschränkten spanischen Kellner Manuel spielt, gar kein Spanier, sondern, jawohl, deutscher Herkunft ist.)

Monty Python ist in deutschen Schulen längst Unterrichtsstoff

Es wäre übertrieben, die Deutschen zu Weltmeistern der Komödie zu küren – Fußball könnt ihr eben doch besser. Aber auch hierzulande gibt es ein paar wirklich witzige Shows. Da ist zum einen der unnachahmliche Talkmaster Harald Schmidt, der in seinen Late-Night-Possen das Witzige mit dem Surrealen verbindet. Da sind zum anderen politische Satiriker wie Elmar Brandt, dessen Gerhard-Schröder-Parodie zum Schreien komisch und treffend ist. Meine deutschen Freunde schwärmen für Erkan und Stefan, deren Show an beliebte britische Sitcoms wie The Kumars und Goodness Gracious Me erinnern, die beide von britischen Schauspielern asiatischer Herkunft der zweiten und dritten Generation geschrieben und dargestellt werden. Und nicht zuletzt ist da Dinner for One . Für mich ist es äußerst schwierig, meinen englischen Freunden zu erklären, warum sich Jahr für Jahr Millionen deutsche Fernsehzuschauer am Silvesterabend einen Sketch in Schwarzweiß ansehen. Das Stück ist in Großbritannien gänzlich unbekannt, obwohl es auf ein englisches Theaterstück zurückgeht. Erst der Film, Anfang der sechziger Jahre in Hamburg gedreht, wurde ein Erfolg. Auch wenn die Schauspieler und der ausgestopfte Tiger britischer Herkunft sind, so bleibt das Ganze doch ein deutscher komödiantischer Geniestreich.

Deutsche Englischlehrer verwenden Monty Python’s Ritter der Kokosnuss mittlerweile als Unterrichtsmaterial für ihre fortgeschrittenen Schüler. Ich frage mich, ob England es jetzt mit deutschen Komödien versuchen sollte, um die sinkende Zahl der Studenten wieder zu erhöhen, die sich für Deutschunterricht interessieren. Jedes Jahr werden es weniger. Ich muss meinen englischen Freunden wiederholt versichern, dass Deutschland auch in anderer Hinsicht zur Normalität zurückgefunden hat. Euer einstmals unbesiegbares Fußballteam verlor vor einigen Wochen 1:2 gegen die Türkei, und im Freundschaftsspiel gegen China habt ihr nur ein mittelmäßiges 1:0 geschafft. Eure Fußballmannschaft ist inzwischen fast – aber noch nicht ganz – so schlecht wie unsere! Wenn die englischen Fans jemals ihr Image als dumme, grobschlächtige, eindimensional denkende Störenfriede loswerden wollen, müssen sie auf den Fawlty Towers- Slogan verzichten und sich ein paar neue Sprüche ausdenken. Vielleicht könnte Harald Schmidt da weiterhelfen?

Leser-Kommentare
    • hagego
    • 02.04.2008 um 16:09 Uhr

    So eine Eloge!"Thank you, Mr. Harding!"      Wer hört denn nicht gern Schmeicheleien über sich? Und nun hat der Deutschland-Korrespondent des "Guardian", Luke Harding, dem gesamten deutschen Volk ein Kompliment wegen ihres Humors gemacht!      Ein Engländer sagt so etwas über das Volk der Dichter, Denker und auch Richtigsteller!      Deutschland steht (oder stand?) immer in dem zweifelhaften Ruf, "alles" zu überprüfen, zu relativieren und zu objektivieren. Wir setzen (ich setze - siehe diesen Artikel!) lieber An- und Abführungsstriche, weil wir damit unsere gerade gemachte Feststellung wieder relativieren. "Vielleicht ist es doch gar nicht so ganz, wie eben beschrieben..." "Vielleicht sollte man noch bedenken, dass..."      Auch deutsche Journalisten haben sich oft schwer getan, ihre Meinung frank und frei vor laufender Kamera zu äußern. Wenn ich an die Runden - noch unter Werner Höfer - im "Internationalen Frühschoppen" denke: Don Jordan, amerikanischer Korrespondent vermittelte ohne "Wenn und Aber", was er von den Ansichten seiner Landsleute hielt. Aber auch, was er von der politischen Großwetterlage der Deutschen hielt. Die deutschen Journalisten waren, viel ausgewogener, aber eben auch viel "unentschiedener".      Ein Deutscher hat - aus leidvoller Erfahrung - mit einem entschiedenen "Vielleicht" zu antworten. Damit drückt er aber zugleich das "Ja" und das "Nein" auf die Seite.      Auch hier, in Old Germany, haben wir Humor. Viele dieser "Visitenkarten" müssen wir noch entdecken. Robert Gernhardt, Werner Finck, Vicco von Bülow, Horst Haitzinger, Dieter Hildebrandt - um nur ein paar zu nennen.

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