Interview »Ich bin ein Minister für Innovation«

Umweltminister Sigmar Gabriel über strengen Klimaschutz, atomare Endlagerung und den Hang der Grünen zur Bürokratie

DIE ZEIT: Herr Gabriel, Sie sind im neuen Kabinett der Mann für die Umwelt. Uns hat das überrascht, Sie auch?

Sigmar Gabriel: Mich hat die Berufung natürlich auch etwas überrascht. Aber ich komme aus einer Region, die früher massive Umweltprobleme hatte. Das Öko-Institut hat damals in meiner Heimatstadt Goslar hohe Bleigehalte im Blut von Kindern festgestellt, verursacht durch die Hüttenbetriebe der Region. Deshalb bin ich in den Umweltausschuss gegangen, nachdem ich in den niedersächsischen Landtag gewählt wurde. Wenn Sie so wollen, habe ich meine politische Laufbahn als Umweltpolitiker begonnen.

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ZEIT: Sie sind also gar kein ökologischer Nobody?

Gabriel: Das wäre immer noch besser als ein ökologisches Greenhorn.

ZEIT: Haben Sie ein sinnliches Verhältnis zur Natur? Können Sie eine Buche von einer Eiche unterscheiden?

Gabriel: Seien Sie beruhigt, das schaffe ich. Ich glaube übrigens, dass die Frage der Ressortzuständigkeit weniger mit dem politischen Vorleben als mit politischen Managementfähigkeiten zu tun hat. Ich bin ja nicht der Sachbearbeiter für die Unterscheidung von Buchen und Eichen.

ZEIT: Haben Sie früher auch gegen den Bau des nuklearen Endlagers in Gorleben demonstriert?

Gabriel: Ich habe die Sache der friedlichen Demonstranten unterstützt, selbst demonstriert habe ich dort nicht – dafür aber gegen die Einlagerung radioaktiver Abfälle im Schacht Konrad bei Salzgitter.

ZEIT: Ist Gorleben als Endlager geeignet?

Gabriel: Wir wissen nicht, ob Gorleben wirklich die beste Wahl ist. Sich schon jetzt auf diesen Standort festzulegen, halte ich für unvertretbar, nachfolgenden Generationen und den dort lebenden Menschen gegenüber. Richtig ist, dass wir ein nationales Endlager finden müssen, aber nach gewissenhaften Standortvergleichen. Auch die Kernkraftbefürworter sollten das einsehen. Sonst stehen sie womöglich in ein paar Jahren mit der Erkenntnis da, dass sie Milliarden am falschen Standort verbuddelt haben.

ZEIT: Bleibt es beim Erkundungsmoratorium für Gorleben?

Gabriel: Ja, zumindest solange nicht die offenen Fragen zu Gorleben geklärt sind und andere Standorte auf ihre Eignung als Endlager untersucht und mit Gorleben verglichen werden.

ZEIT: Am Ende kann es aber Gorleben heißen?

Gabriel: Wenn Standorte verglichen werden, gehört dazu auch der Vergleich mit Gorleben. So ehrlich muss man sein. Allerdings, einfach zu sagen, in Gorleben haben wir nun mal angefangen, und deshalb machen wir dort weiter – das kann und will ich jedenfalls nicht verantworten.

ZEIT: Zweifeln Sie an der deutschen Sicherheitskultur?

Gabriel: Ich habe zumindest den Eindruck, wir Deutschen sollten zurückhaltender sein mit der Behauptung, hierzulande sei alles am sichersten. Es gibt Hinweise, dass die Standards für die staatliche Atomaufsicht und für das Sicherheitsmanagement in den deutschen Kernkraftwerken nicht mehr Weltspitze sind. Ich will deshalb von einer unabhängigen Behörde prüfen lassen, wie es um die Atomaufsicht und um das Sicherheitsmanagement wirklich bestellt ist.

ZEIT: Damit machen Sie sich keine Freunde.

Gabriel: Die klugen Energiemanager wissen, dass die Bevölkerung die Kernkraftwerke, die ja noch 20 Jahre laufen sollen, nur dann akzeptiert, wenn wir mit dem Thema vernünftig umgehen.

ZEIT: Woher nehmen Sie den Optimismus? In der Atomfrage haben Sie sich nicht einmal mit Ihrem Koalitionspartner einigen können.

Gabriel: Richtig, die Union hat eine prinzipiell andere Auffassung. Deshalb war auch kein Kompromiss möglich, und deshalb bleibt es beim geltenden Recht. Ich hoffe, dass sich nun alle nicht nur an den Wortlaut, sondern auch an den Geist des Atomgesetzes halten. Das wird sich spätestens dann zeigen, wenn wir über mögliche Anträge der Betreiber zu entscheiden haben, die Restlaufzeiten von einem Kraftwerk aufs andere übertragen wollen.

Leser-Kommentare
    • OIKOS
    • 24.11.2005 um 0:05 Uhr

    Herr Gabriel ist noch neu im Amt. Was er sagt, klingt wie Trittin auf Schmalspur.

  1. Das Klima kann nicht geschützt werden, denn es ist nur ein rein theoretisches Konstrukt! Der Mittelwert der Wetterdaten aus den lezten 30 Jahren hat immer und wird auch immer schwanken. Die momentane Erwärmung in bestimmetbn Regionen hat nichts mit dem CO2-Ausstoß zu tun und ist übrigens nur von Vorteil!
    Hier soll wieder einmal zum Zwecken der Einnahmenerhöhung "eine Sau durchs Dorf gejagt". Die Sau heißt dann nicht mehr "Ökosteuer" sondern Emmissionsabgabe.

  2. Was treibt einen vierzehnjährigen Teenager auf die Straße um zu demonstrieren? Im Falle von Sigmar Gabriel war es, wie man überraschend erfahren konnten, der Militärputsch in Chile. Und wie ging es weiter?

    Der Lebendslauf von Herrn Gabriel verrät leider nur noch in dürren Zeilen den Zeitpunkt des Eintrittes in die SPD, den Abschluß der Berufsausbildung (mit 30 Jahren!), die Ministerpräsidenten Jahre und die Berufung zum Umweltminister am 22. November 2005.

    Warum ist es entscheident zu erfahren, dass Herr Gabriel gegen den Militärputsch in Chile demonstriert hat? Und das auch noch mit 14 Jahren. Die Information als solche eröffnet mehr Fragen, als das sie klärend das Bild von Gabriel abrundet. Welche Positionen hat Gabriel in den folgenden 32 Jahren noch vertreten? Gab es keine wichtigere politische Aktion, die zusätzlich oder statt dessen hätte Erwähnung finden könnte?

    Manchmal empfieht es sich Punkte, die man in das CV aufnimmt, daraufhin zu überprüfen, ob sie etwas verraten, was man doch lieber verdecken möchte.
    Selten so herzlich gelacht.

    Mit freundlichen Grüßen

    Maria Damhorst

    • sbo78
    • 27.11.2005 um 22:04 Uhr

    Sehr geehrter Herr Bundesumweltminister,

    ich wünsche Ihnen viel Kraft und Ausdauer in der Durchsetzung Ihrer Ziele - denn ich teile diese Ansichten mit Ihnen. Als nicht-grüner Umweltminister haben Sie außerdem eine deutlich bessere Chance, die innovative und - in Deutschland - Arbeitsplätze schaffende Seite einer konsequenten Klima- und Umweltpolitik in den Köpfen der Bürger zu verankern.

    PS: Wie wäre es mit einer Energieverbrauchs-abhängigen Steuer auf Verpackungen und ähnliches? So wird der (überflüssige) Ressourcenverbrauch eingedämmt und jeder Unternehmer kann sich überlegen, wieviel Müll er mitverkauft. Die Einnahmen sollten dann in der entsprechenden Forschung investiert werden - in innovativen Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen können.

  3. Vielleicht noch eine Anregung für Herrn Gabriel, diesmal die Atomkraft betreffend.

    Sir David King, der wissenschaftliche Chefberater von Tony Blair, hat gerade heute (am 27. 11. 2005) in einem Geheimpapier den Bau von 20 (i. W. Zwanzig) neuen Atomkraftwerken in Grossbritannien befürwortet, um aus der absehbaren Energieabhängigkeit von Erdgas, aber auch von der Lieferabhängigkeit durch die Mitteloststaaten und Russland heraus zu kommen.

    Herr Gabriel hält ja immer noch am Abschalten der deutschen Atomkraftanlagen fest. Nicht einmal eine Fristverlängerung will er genehmigen.

    Man darf gespannt sein, wie lange die Koalition dies noch durchhalten wird?

    Und die Engländer gehen sogar noch weiter. Wie der heutige (27. 11. 05) "Telegraph" schreibt, denkt man sogar darüber nach, die Kohlengruben in England wieder zu reaktiviert.

    "
    Jasper Copping (Telegraph) 27. 11. 2005

    Britain's coal industry could enjoy a resurgence with new mines created and existing pits
    re-opened in an effort to tackle the country's deepening energy crisis. "

  4. Inzwischen haben Vertreter Kanadas, bisher eine der eifrigsten Verfechter des Kyoto-Abkommens erste Verbindungen aufgenommen mit den Ländern des Asia-Pacific Partnership on Clean Energy Technologies. Auch Russland zeigt Interesse.

    Für die deutsche Umweltpolitik und speziell Herrn Gabriel ergibt sich eine interessante Fragestellung:

    (1) Wenn absehbar ist, dass Kyoto in dieser Form, dh. verbindliche CO2-Reduzierungen, nicht fortgeführt wird, welches Konzept hat dann die Bundesrepublik ? Will sie dann weiter einseitig CO2 reduzieren?

    (2) Welchen Zweck hat dann die Erfüllung der Auflagen für die Bundesrepublik aus dem jetzt gültigen Kyoto-abkommen, wenn andere Länder, wie z.B. Spanien oder Irland, die bisher weit über ihren Limits liegen, ihre Vorgaben nicht erfüllen und auch nicht dazu gezwungen werden können ?

    Das Kyoto-Abkommen sieht für die nicht vertragserfüllenden Ländern die Möglichkeit vor, die nicht reduzierten Mengen in einem fortgeführten Abkommen, etwa Kyoto-II,dann zu reduzieren, aber mit einem gewissen Strafaufschlag.

    Was passiert aber, wenn es kein zweites Abkommen gibt? Hat dann die Bundesrepublik, vielleiht zusammen mit England und Luxemburg, ihre CO2 Auflagen erfüllt, zu teilweise immensen Kosten für einzelne Industriezweige, aber auch für die Verbraucher, ohne dass selbst eine theoretische Annahme besteht, dass diese CO2-Minderung irgendeine Wirkung gehabt hat?

  5. Gabriel wird in Monatreal eine andere Situation vorfinden als die er sich es so vorstellt.

    Das Prinzip der verbindlichen Reduktionsziele von CO2 gemäss dem Kyoto-Abkommen wird nicht verlängert werden, aus vielfältigen Gründen.

    Selbst die EU wird nicht in der Lage sein, als Gesamtheit das vorgegebene Reduktionsziel zu erfüllen.
    Tony Blair, derzeit Ratspräsident , hat die Situation recht einprägsam erklärt : Auf einer von Clinton einberufenen Konferenz in New York im Oktober in Anwesenheit von Condoleeza Rice hat Blair erklärt, dass sich seine Ansicht in den vergangenen Jahren weitgehend geändert habe. Kein Land wird Reduktionsziele akzeptieren, wenn dadurch sein Wirtschaftswachstum gefährdet wird. Notwendig seien technische Verfahren, um CO2 zu vermindern. Dies ist exakt die amerikanische Auffassung.

    So wird denn die englische Umweltministerin als Sprecherin der EU in Montreal mit freiwilligen, nicht mehr verbindliche Reduktionsziel einverstanden sein.. Damit ist das Prinzip des Kyoto-Abkommens , Caps and Trade, aufgegeben.

    Die USA haben zusammen mit Australien, Süd-Korea, Indien, China und Japan die Asia-Pacific Partnership on Clean Energy Technologies gegründet, die keine verbindlichen Reduktionsziele vorsieht sondern technische Entwicklungen zur Reduzierung von CO2. Diese Länder emittieren 45 % des weltweiten CO2 und sind nicht bereit, sich Reduktionsziele vorschreiben zu lassen.

    Eine Reduktion von CO2 der EU ohne diese Länder ist wirkungslos.

    Dies sollte auch Herr Gabriel wissen und sich frühzeitig überlegen, was das für Deutschland bedeutet. Die Bundesrepublik alleine wird die Welt nicht retten.

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