So eine Nacht in Tokyo. Im Winter, der Atem macht Wolken in der Luft, die Hände sind klamm und wohl dem, der ein warmes Bett hat, in einer solchen Kälte. Wer schon einmal in Tokyo war, weiß, dass es die Stadt ist, in der man sich am einsamsten fühlen kann, auf der Welt. Allen, die noch nicht dort waren, empfehle ich Wong Kar-Wais Film: Fallen Angels. Der spielt zwar in Hongkong, aber die Asiaten sehen ja eh alle – nein falscher Text.

Wong Kar-Wais Filme vermögen oft, was Haruki Murakami mit den meisten seiner Bücher gelingt, sie wirken nach, wie eine wunderbare, seltsam leichte und traurige Melodie, von der man nicht möchte, dass sie endet, die man aufnimmt und in Endlosschleife immer wieder hören will, weil man sich ohne sie noch viel einsamer fühlt.

Nacht also in Tokyo – Mari ist 19 und allein, auf diese unfassbare Art, wie es einem geschieht, wenn man sich in einer scheinbar ordentlichen Familie nicht zu Hause fühlt. Sie verbringt eine Nacht in einem Diner und trifft auf einen jungen Posaunisten, der sich vor allem durch seine Unauffälligkeit auszeichnet. Sie reden aneinander vorbei, sie essen Salat mit Huhn, der Posaunenspieler geht, eine Ringerin kommt und holt Mari als Übersetzungshilfe in ihr Love Hotel, wo eine chinesische Prostituierte zusammengeschlagen wurde, die blutig und so verloren ist, wie man es vermutlich ist, als junge Prostituierte in einem fremden Land. Maris schöne Schwester Eri liegt die ganze Zeit über in einem merkwürdigen fischgleichen Schlaf. Mari hat keinen Bezug zu ihrer Schwester, der Posaunist hätte gerne einen zu Mari, doch die wird wenig später Tokyo verlassen, um ein Jahr in China zu studieren, und so weiter.

All die kleinen verpassten Gelegenheiten, die das Leben formen, die es zu so etwas Traurigem werden lassen, das klingt nach einer Fortsetzung der ewig schönen Murakami-Melodie: "Mari wischt sich die Tränen ab. Über irgendetwas – was es konkret ist, weiß sie nicht – empfindet sie schreckliches Bedauern. Als hätte sie etwas nicht Wiedergutzumachendes angerichtet." Das sind die kleinen, feinen Murakami-Sätze, an die sich die Leser und Fans des japanischen Autors so gewöhnt haben. Nach denen man süchtig wird, wie eben nach einer Lieblingsmusik. Miniaturen aus der Welt des immerwährenden Herbstes.

Auch in Afterdark geht es wieder um traurige, verlorene Gestalten, um Mädchen, die immer schlauer sind als die Jungs, es geht um Jazz und Ernährung. Aber irgendetwas ist in diesem 2004 im Original veröffentlichten Roman ein klein wenig missglückt. Die Idee, die Murakami vermutlich hatte, ist so eine, wie man sie durchaus haben kann, als Autor, nachts, irgendwo in der Großstadt: die Schicksale, in neonbeschienenen Hotels, die kleinen Momentaufnahmen von Leben, die vertropfen in Sekunden, die Hunde, die in Pfützen spielen, das sollte man doch erzählen, von außen, von oben, wie einen Film sollte man das erzählen. Und das tut Murakami dann leider auch, ohne, wie es scheint, die Erzählstruktur noch einmal zu überdenken und eventuell wegen: ist so originell dann doch nicht – zu verwerfen.

Seine Sprache wirkt in diesem Roman ungewohnt schlicht, die Poesie, die seine Werke sonst auszeichnet, findet sich nur an wenigen Stellen. Eher überwiegen ein wenig zu banalphilosophische Abhandlungen über Murakamis Lieblingsthema: die innere Unterwelt. "Wir können uns aus unserem Körper lösen, ihn zurücklassen und zu einem ideellen Blickpunkt ohne Materie werden. Dies ermöglicht es uns, jede Mauer zu durchqueren und die tiefsten Abgründe zu überfliegen. Bei unserer Reise durch die Mauern und über Abgründe verzerrt sich die Welt, reißt auf, bricht und löst sich völlig auf."

Bei allem Respekt, den ich dem Ausnahmetalent Murakami entgegenbringe, dieses Buch wirkt ein wenig wie von Nick Hornby umgeschrieben. Liegt es am Gebrauch des Präsens – dass der Text etwas unmelodiös klingt, dass sich die übliche Murakami-Schwermut nicht einstellen mag beim Lesen? Oder bin ich enttäuscht, weil der Meister meine Erwartungen nicht erfüllt hat? Dann sei mir verziehen, denn Erwartungen nicht zu erfüllen, das ist unter vielem anderem die Aufgabe eines Künstlers.

"Was ich sagte, erreichte ihr Bewusstsein nicht. Zwischen Eri und mir war so etwas wie eine transparente Schwammschicht, und die Worte aus meinem Mund wurden davon zum größten Teil aufgesogen. Das heißt, in Wirklichkeit hat sie das, was ich gesagt habe, gar nicht gehört. Und ihre Worte kamen auch nicht richtig bei mir an, das war schon seltsam." Dieses Zitat beschreibt sehr gut, wie es mir mit der Lektüre von Murakamis neustem Buch ging. Zum Glück wird es ihn nicht belasten, wenn zum Beispiel in der Schweiz (wo auch immer die ist) oder in Berlin oder in Dinslaken ein Autor mäßig begeistert von seinem neuen Werk ist. Zum einen hat er so viele brillante Romane geschrieben (deren Genuss ich wirklich nur jedem Leser dieses Textes empfehlen kann), und zum anderen sitzt er bestimmt schon wieder an einem neuen Buch, auf das ich mich jetzt schon sehr freue.