Psychologie Königinnen der Finsternis
Wird ihr seelischer Druck unerträglich, fügen sich Borderline-Patientinnen Schmerz zu. Erst jetzt nimmt die Psychiatrie die Krankheit ernst
Montagmorgen, Damentoilette der Station P2 der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Kiel. Melanie K.* hat sich mit einer Rasierklinge lange, tiefe Kerben in den Oberarm geschnitten. Sie wird auf der P2 wegen einer »Borderline«-Persönlichkeitsstörung behandelt. Die Theorie besagt, dass Selbstverletzungen den Betroffenen helfen, eine schier unerträgliche emotionale Spannung abzuleiten. Die Kranken sind gewissermaßen so außer sich, dass sie sich Schmerz zufügen müssen, um in die Gegenwart »zurückzukommen«.
Auf der anderen Seite ist ihr Bewusstsein nicht so getrübt, dass sie sich nicht mehr an Regeln halten könnten. Melanie K. weiß, dass es verboten ist, blutend auf der Station herumzulaufen, weil das die anderen Patientinnen in eine Krise treiben könnte. Sie will ihren Therapieplatz nicht riskieren. Sie klingelt nach dem Pfleger, lässt sich verbinden, fährt zum Nähen in die Chirurgie.
Es ist diese Widersprüchlichkeit, die Freunde und Angehörige von Borderline-Patienten am meisten irritiert: Was tun diese mit Absicht, worüber haben sie keine Kontrolle? Warum fügen sie sich überhaupt Verletzungen zu? Kirstin Bernhardt, die 36-jährige Oberärztin der Station P2, stellt sofort klar, dass es hier nicht um Patientinnen geht, die sich nur ein bisschen zusammenreißen müssten, um keine Probleme mehr zu haben: »Wir sprechen über Menschen, die unter einem ungeheuren Leidensdruck stehen.« Die meisten haben mehrere Selbstmordversuche und unzählige Klinikaufenthalte hinter sich. »Ihre Krankenakten füllen Regalmeter«, sagt Bernhardt.
In der medizinischen Diskussion wird die Persönlichkeitsstörung Borderline mit einer ungünstigen Kombination biologischer und sozialer Faktoren erklärt: Wer genetisch vorbelastet ist, als Embryo im Mutterleib durch Alkohol geschädigt wurde und in der Kindheit oder Jugend ein tief verstörendes Erlebnis hatte – sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung –, ist besonders gefährdet. Ähnlich verheerend wie ein sexueller Übergriff können totale Missachtung, Abwertung oder Überforderung von Kindern durch ihre Eltern wirken.
Männliche Kranke richten Aggressionen eher nach außen – und landen im Knast
So war es bei Zoe, die gerade das dreimonatige stationäre Therapieprogramm der Kieler Klinik beendet hat. Sechzehnmal hat sie versucht, sich umzubringen, zum ersten Mal mit elf, nachdem ihre Mutter sie verprügelt hatte, weil dem Mädchen beim Abwaschen ein Glas runtergefallen war. »Ich war ein richtiges Asozialen-Kind«, sagt die mittlerweile 19-Jährige, und dass sie dabei ein schiefes Lächeln zeigt, darf man ebenso als Erfolg ihrer Therapie werten wie die Tatsache, dass sie gerade ihr Abitur in Angriff nimmt.
Sie kann heute distanziert über ihre Geschichte sprechen, über die immer neuen Männer der Mutter, die vielen Geschwister von unterschiedlichen Vätern (um die Zoe sich zu kümmern hatte); über den sexuellen Missbrauch durch den Mann ihrer Tagesmutter, die Überforderungsgefühle, wenn die Mutter der Zehn-, Elf-, Zwölfjährigen die komplette Hausarbeit aufbürdete. Und über die ständigen Selbstmordgedanken, die Magersucht, den Alkohol, die Tabletten, die Kliniken, Selbstverstümmelungen, Kliniken, Drogen, Kliniken.
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), entwickelt von der amerikanischen Psychiaterin Marsha Linehan, nach der in Kiel, aber auch in Berlin, Heidelberg, Mannheim, Aachen und Freiburg behandelt wird, setzt bei den Symptomen der Krankheit an: Zunächst soll sich, dringend, das Verhalten der Patientinnen ändern – damit sie sich nicht umbringen oder schweren körperlichen Schaden zufügen. Erst später, wenn sich ihr Zustand stabilisiert hat, wird über eine Traumatherapie nachgedacht. »Die DBT ist das am besten empirisch validierte Behandlungskonzept«, sagt der Mannheimer Borderline-Experte Martin Bohus.
In gewisser Weise hat Borderline die klassische Hysterie als seelische Frauenkrankheit abgelöst; mindestens siebzig Prozent der Betroffenen sind weiblich. Überwiegend tritt die Krankheit oder eine ihrer Vorstufen zwischen dem 12. und 45. Lebensjahr auf; von allen Frauen in dieser Altersgruppe sind laut Schätzungen gut vier Prozent betroffen. Männliche Erkrankte richten ihre Ausbrüche eher gegen die Außenwelt als gegen sich selbst. Sie sind häufiger in Gefängnissen zu finden als in Krankenhäusern – auch wenn ihre Störung die gleichen Ursachen hat wie die der Frauen.
- Datum 24.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
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Sehr geehrte Frau Gaschke,
ich bin Dipl. Psychologin und psychologische Psychotherapeutin i.A. und habe mich sehr über Ihren Artikel gefreut. In meiner klinischen und ambulanten Tätigkeit bin ich häufig auf Patientinnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung getroffen. Wunderbar, dass im Resort Wissen ein Artikel über diese Störung auf der Aufmacher Seite erscheint, gerade nachdem auch in den letzten Monaten der Kinofilm Allein diese Erkrankung beschreibt, so dass sie dem Laien zugänglicher wird. Etwas irritiert war ich allerdings, als ich in der Schlagzeile las Erst jetzt nimmt die Psychiatrie die Krankheit ernst. Wie kommen sie darauf? Herr Bohus, den sie in ihrem Artikel zitieren, hat bereits 1995 eine DBT Ausbildung bei Frau Linehan absolviert und dann 2002 bei Hogrefe ein eigenes Therapiemanual veröffentlicht. Ich selber arbeite seit 2000 im stationären Setting und allen Kollegen dort, war das Störungsbild seit längerem bekannt. Auf welchen Zeitraum beziehen sie sich? Meiner Meinung nach wird damit ein falsches Licht auf die aktuelle stationäre psychotherapeutische Versorgung geworfen.
Weiterhin bin ich mit der Darstellung der poststationären Versorgung: In Einrichtungen etwa, wo die Betreuer nur in der Woche tagsüber Dienst tun die Abende und das krisenanfällige Wochenende werden mit Telefonkontakten überbrückt..... sehr unzufrieden. Ein zentrales Therapieziel bei Frau Linehan ist die Stärkung der Selbstregulation und der Eigenverantwortung. Inwieweit soll eine Borderline Patientin dies lernen, wenn 24 Stunden am Tag ein/e professionelle/r Betreuer/in vor Ort ist. Zudem ist dies in einem teilstationären Setting mit einem Pflegesatz von 60 Euro am Tag, was aktuell vom Sozialamt für so eine Maßnahme gezahlt, wie Sie es in ihrem Artikel schreiben, nicht zu finanzieren. Das, was die von Ihnen zitierten Kollegen, fordern würde einer 24stündigen Therapie gleichkommen, was dann einem Tagesatz von 1440- 1680 Euro entsprechen würde. (Eine ambulante Therapiestunde kostet nach aktuellen KV-Sätzen je nach Bundesland 60-70 Euro, dies x 24 1440-1680). Meiner Meinung nach, kann ihre Aussage hier auch so verstanden werden, dass es das Queen-of-Darkness-Syndrom unterstützt. Wieder einmal wird den Patientinnen verdeutlicht, dass sie auch im finanziellen Budget nicht adäquat unterstützt werden. Diesmal aber nicht aus einer Missbilligung heraus, sondern weil es schlicht weg nicht realistisch finanzierbar ist. Viele meiner Kollegen bemühen sich im Rahmen der ihnen gegebenen Möglichkeiten ihre Patientinnen und Patienten adäquat zu unterstützen mit enger Zusammenarbeit und Vernetzung, insofern auch hier die Frage: Wie kommen Sie darauf? Meiner Meinung nach werfen Sie damit auch ein falsches Licht auf die aktuelle ambulante psychotherapeutische und stationäre bis teilstationäre sozialtherapeutische Versorgung.
N. Schwebe
Dipl. Psychologin
Psych. Psychotherapeutin i.A.
Hamburg
Ein interessanter Beitrag, der allerdings leider nur die Oberfläche ankratzt. Natürlich kann man nicht alle Probleme dieser Krankheit in einem solchen Artikel behandeln. Allerdings wurde kein Wort über die Angehörigen dieser Leidenden verloren. Ehemänner und Ehefrauen, aber wahrscheinlich mehr die Ehemänner unter uns, leiden an den Auswirkungen dieser Krankheit fast genauso entsetzlich wie die eigentlich Betroffenen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Soviel den Patienten geholfen wird, so wird den Angehörigen, die sich meistens mit aller Liebe, Hingabe und Zuneigung um die Geliebte kümmern möchten, kaum geholfen gar denn geglaubt wird. Während des Klinikaufenthaltes meiner Ehefrau, wurde mir erst gesagt wie ich mich in gewissen, aber bestimmt nicht in allen Situationen verhalten könne. Zuvor, also während den ambulanten Besuchen beim ehemaligen Psychiater meiner Ehefrau und vor dem Klinikaufenthalt meiner Ehefrau, wurde mir sogar gesagt ich hätte mich nicht einzumischen. Es gäbe da nichts für mich zu verstehen oder lernen und ich solle mich doch gefälligst aus der Behandlung heraushalten, denn ich wisse ja eh nicht worum es geht . Irgendwie verfehlte dieser Psychiater den Punkt, denn er musste ja nicht mit meiner suizidgefährdeten Ehefrau 24 Stunden am Tag leben. Ich schon und so wuchs für mich der Stress der Ungewissheit ins Unermessliche, bis ich zur gleichen Zeit der Einlieferung meiner Ehefrau einem Nervenzusammenbruch erlag und mich selber für 10 Tage in ein anderes Spital einliefern musste. Der Psychiater brauchte meine Ehefrau ja nur zu behandeln und durfte dafür tüchtig Kohle von der Krankenkasse einziehen. Auch der zweite ambulante Psychiater ist nicht viel besser, allerdings in anderer Hinsicht. Zwar hat er versucht uns beide in sogenannter Partnertherapie zu helfen, aber wie der Artikel es schildert: »Behandle die Patientin so, wie du möchtest, dass deine Schwester oder beste Freundin behandelt wird.«. Er schenkte meiner Ehefrau alle Aufmerksamkeit der Welt, stellte meine Observationen und Sorgen in die Ecke und sogar in frage, sodass ich alle vierzehn Tage zu Josef K. wurde. Ich musste mich beim gemeinschaftlichen Partnertherapie-Termin mit der Ehefrau für Sachen verantworten die sie erzählte, erfand und schlichtweg vorlog und ihr Psychiater mahnte ich müsse mich selber bei der Nase nehmen und meiner Ehefrau (ohne Einschränkungen wohlgemerkt!) die Freiheit geben das zu machen was sie wolle, auch wenn es für mich heisst schlaflose Nächte zu verbringen, weil sich meine Ehefrau weis Gott wo rumtreibt, oder um halb drei Uhr Morgen stockbesoffen nach Hause kommt. Angeblich dürfe ich nichts zu ihr bezüglich ihres Verhaltens sagen und fragen. Aber genug meiner Qualen, ich bin mir sicher, dass es tausend andere gesorgte Ehemänner und Ehefrauen mit ähnlichem Kummer gibt und meiner kein Einzelfall ist. Jedenfalls sei nur soviel gesagt, es ist nicht nur damit geholfen den an Borderline-Syndrom Leidenen zu helfen. Es muss auch für die Verwandten und Familienangehörigen erstklassige Betreuung geben und diese fehlt derzeit gänzlich. Selbsthilfegruppen gibt es ja. Nur reichen diese nicht aus. Wenn man instinktiv versucht seine splitternackt auf dem Balkon stehende Ehefrau vor dem Sprung zu retten, zieht oder schleift diese wieder vom Balkon und wird selber prompt von ihr beim Psychiater einer groben Tätlichkeit bezichtig, so übersteigt dies doch den Verstand der meisten Menschen die ich bisher in meinem Leben kennengelernt habe. Erstrecht, wenn der Psychiater noch meint ich hätte meine Ehefrau nicht zu Boden zerren, ziehen oder schleifen dürfen. Borderline-Leidenden wird erst richtig geholfen werden können, wenn auch deren Angehörige einen Zehnpunktekoffer mit auf den Weg bekommen. Nicht nur um ihren Geliebten zu helfen, sondern auch um sich selber besser vor falschen Anschuldigungen und anderen gefährlichen Irrungen und Wirrungen der Borderline-Leidenden schützen zu können.
Dass Borderliner-Frauen tätowiert und gepierct sind und ihre Räumlichkeiten im Gothic-Stil einrichten, mag zwar des öfteren vorkommen, aber das zu pauschalisieren ist schon sehr einseitig und ist schlicht ein Vorurteil. Abgesehen davon wird der falsche Eindruck erweckt, Borderline gäbe es primär in der Gothic-Szene bzw. diese sei ein Teil des Übels.
Ich habe mich gefreut, dass die Zeit einen Artikel über die Krankheit "Borderline" verfasst hat. Leider ist der Artikel m. E. etwas einseitig ausgefallen, denn nicht alle die an dieser Krankheit leiden, schneiden sich. Ein ebenso wichtiger Punkt ist der Substanzmittelmißbrauch, wie beispielsweise Drogen-, Ess-, Kauf- oder Internetsucht. Mit diesen ebenso werden Anspannungen reduziert oder die innere Leere überspielt. Gerade dieses selbstschädigende Verhalten führt häufig zu finanziellen Problemen, Wohnungslosigkeit oder zum Ausschluss aus dem Arbeitsleben. Das Schneiden oder Ritzen, wie es auch genannt wird, ist für Nicht-Betroffene zwar unverständlich, aber die Anfälligkeit zum Suchtverhalten lässt ein normales Leben überhaupt nicht zu. Dieses Alles-oder-Nichts-Verhalten, ein normales Maß gibt es nicht, führt zu einem unvollstellbarem Leiden der Betroffenen. Außerdem verstellt es den Blick auf das männliche Leiden, da sich ja hauptsächlich Frauen diese Verletzungen zu fügen. Wie viele Männer werden mit Gefängnis bestraft und gehörten eigentlich in die Psychiatrie. So sind z.B. viele Stalker auch an Borderline erkrankt, ohne dass das je erwähnt wird. Borderline ist eben keine "typische Frauenkrankheit": Männer verhalten sich nur anders als Frauen.
Ebenso stört mich, dass die nur die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in ihrem Artikel Erwähnung findet. Sicherlich ist sie ein Mittel diese Krankheit zu überwinden, aber die Krankenkassen bewilligen z. B. nach einem stationären Auffenthalt nur 80 Stunden ambulante Therapie. Danach muss der Betroffene 2 Jahre warten, um dann wieder 80 Stunden beantragen zu können. Gerade Menschen mit Borderline brauchen häufig eine Langzeittherapie. Wenn man eine Verhaltenstherapie anfangen will, sollte man sich darüber im Klaren sein. Die Tiefenpsychologie ist eine weitere Therapieform, in der die Betroffenen lernen, mit den Symptomen besser umgehen zu können. Zumal auch von den Krankenkasse wesentlich mehr Stunden bewilligt werden. Leider gibt es keine oder nur wenige Studien, die die Erfolge oder Nichterfolge dieser Therapieform messen. Anders ist das bei der Verhaltenstherapie. Deshalb wird sie auch gerne als das Mittel zur Heilung dargestellt und dies besonders von Verhaltenstherapeuten. Nur auf Nachfrage wird dies auch ihnen bestätigt.
Nebulös fand ich die Aussage, das Borderline-Erkrankte eine genetische Veranlagung haben. Was meint die Autorin damit? In der Literatur heißt es, das u.a. Menschen mit einer bestimmter Persönlichkeitsstruktur (emotionale Instabilität und hohe Sensibilität bei intensivem Gefühlsleben) erkranken, wenn das soziale Umfeld nicht auf diese genügend eingeht. Gerade diese Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit, Grenzen und Stabilität.
Ich wünsche mir mehr Artikel über diese Krankheit; es besteht nach wie vor Aufklärungsbedarf in der Bevölkerung.
anonym
Hamburg
Oder wieso kommt die "Zeit" auf einmal auf das Thema Borderline? Dazu noch in so nett feuilletonistischer Manier? Hat "Brisant" Sendepause, oder ist der "Brigitte" der Diätplan gestohlen worden? Der Artikel ist so oberflächlich, wie die darin beschriebene Therapieform. Es ist einfach lächerlich anzunehmen, man könne mit Umprogrammierung von Symptomen eine Krankheit lindern. Leben ist die Krankheit zum Tode, hat Kierkegaard festgestellt. Niemand weiß das besser, als ein Borderliner. Und Frau Linehan und ihre Jünger bewirken letztlich so viel wie Klementine bei Verstopfung.
Sagt mal: ein Betroffener, der nicht im Knast gelandet ist. :D
Nicht, dass ich kritisch wirken möchte, aber die Relevanz der letzten Beiträge ist nicht wirklich nachvollziehbar und Zynismus ist wirklich fehl am Platze. Seien wir doch einmal froh, dass ein solcher Artikel überhaupt erschienen ist und das Problem in der Presse erwähnt worden ist.
Sigmund Freud, der sein Leben lang darum gekämpft hat, dass die Bedeutung der Sexualität für die Genese von psychischen Störungen anerkannt wird, zu unterstellen, er habe Missbrauchs-Opfer nicht ernst genommen, ist schon ein starkes Stück. Man muss nicht Freudianer sein, um Freud zu zugestehen, dass er der erste war, der den Zusammenhang zwischen (sexuellen) Traumatisierungen in der Kindheit und späteren neurotischen Störungen gesehen hat und sein Leben lang gegen schwerste Widerstände diese Meinung beibehalten hat. Ein Fünkchen Wahrheit liegt in der Anspielung auf Freud dennoch: Er hat im Laufe seiner Forscherlaufbahn die Erkenntnis gewonnen, dass nicht alle Erinnerungen, die Patienten haben, auch tatsächlich so stattgefunden haben müssen. Diese Haltung wird durch aktuelle Forschungsergebnisse zum "Falschen Erinnern" bestätigt. Beispielsweise hat manches Kind mit vermeintlicher Missbrauchserfahrung entsprechendes nur lange genug von Erzieherinnen etc. suggeriert bekommen. Aber trotz dieser Erkenntnis ist Freud nie davon abgewichen, dass (traumatische) Erinnerungen, selbst wenn sie so nicht stattgefunden haben, von zentraler Bedeutung für den Patienten sind und hat sie deshalb bedingungslos ernst genommen.
Zusammenfassend bearbeitet dieser Artikel also ein wichtiges Thema, dass allerdings mehr Sachverstand erfordert hätte. Sonst unterliegt man der Versuchung die Diskussion um die Borderline-Störung genau so zu beschreiben, wie die Patienten häufig erleben: Schwarz-Weiß. Es ist aber komplizierter.
Ich weiß gerade nicht, was ich denken, noch fühlen soll... Es kann gut sein, dass meine Antwort nicht sehr objektiv ausfallen wird, da ich selber betroffen bin und genau das mein wunder Punkt ist - solche Artikel... von Menschen, die... nein, es tut mir Leid, ich möchte hier niemandem etwas Böses unterstellen. Aber dieser Bericht spiegelt leider nur annähernd wieder, wie sich Betroffene fühlen. Es wird von irgendwelchen Therapieformen geredet, die Betroffene vielleicht erst nach Jahren des Leidens in Erwägung ziehen, weil sie vorher einfach keine Kraft dazu haben... und wenn ich von mir ausgehen darf - manchmal würde es schon helfen, wenn man zu irgendeiner festen Einrichtung gehen könnte, mit "normalen" Menschen (die zwar über Borderline etc. aufgeklärt sind, sich aber nicht wie die Übermenschen und Menschenkenner schlechthin aufführen), die einem nur zuhören. Denn meist kann und will man nicht mit Angehörigen reden...
Vielleicht ist dieser Kommentar überflüssig, was produktive Kritik angeht - aber vielleicht ist er ein Stück menschlicher, als der Artikel selbst...
Liebe Grüße
Mia
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