Einige ältere Herren mit Oberlippenbärten lächeln milde in die Kamera. "Rentner, die hart geschuftet haben und jetzt ihr Leben genießen", tönt die Erzählstimme des kleinen Films. Gerade hat der Zuschauer junge Türken aus Zügen aussteigen sehen – in Schwarzweißbildern der fünfziger Jahre. Einwanderer der ersten Stunde, die Schwerindustrie hatte sie mit Blaskapellen empfangen. Jetzt sitzt einer ihrer kleinen Enkel auf einer Schaukel, die Sonne scheint über Marxloh. "Der Erhan ist mein bester Freund", sagt sein blonder Schaukelnachbar. "Die Zeit ist reif", dringt die Filmstimme ins Puderzuckerbild, "eine Moschee wird gebaut, die auch aussieht wie eine Moschee, die jeder erkennt, denn es gibt ja nichts zu verbergen." Es soll die größte Moschee Deutschlands werden, es soll wahr werden, was der Titel des kurzen Werbefilms verheißt: Das Wunder von Marxloh. Auf der Weseler Straße in Duisburg-Marxloh BILD

Computeranimationen lassen Dimension und Pracht des osmanischen Bauwerks erahnen, das Ende 2006 eröffnet werden soll: 34 Meter hoch wird die Minarettspitze in den Himmel ragen, 23 Meter das byzantinisch inspirierte, silberfarbene Kuppeldach. Die von blauen Mosaiken gezierten Gebetsräume – unten Männer, im Obergeschoss Frauen – werden 1200 Gläubige fassen. "Dialog und Begegnung auf Augenhöhe, es wurde höchste Zeit", schließt der anonyme Erzähler.

Zülfiye Kaykin stellt den Fernseher aus. "Auf Augenhöhe", wiederholt sie. Wir sitzen in einem mit Rosen bemalten Büro-Container an Marxlohs größter Integrationsbaustelle. Die Grube für die Ditib-Merkez-Moschee ist ausgehoben, das Fundament gelegt. "Ich habe mich immer unwohl gefühlt in den heruntergekommenen Hinterhof-Moscheen", sagt Zülfiye Kaykin, die in Marxloh aufgewachsen ist. "Das habe ich als absolut unwürdig empfunden."

Die 36-jährige Muslimin ist Mitglied der 600 Gläubige zählenden Marxloher Ditib-Gemeinde, welche die Moschee für knapp vier Millionen Euro baut. Sie ist außerdem Geschäftsführerin des Trägervereins für eine 1000 Quadratmeter große Begegnungsstätte, die im Untergeschoss der Moschee eingerichtet werden soll. In diesem 30-köpfigen Verein demonstrieren die lokale Politik, Schulen, die Universität, türkische Geschäftsleute, etliche Initiativen und Vereine aus Marxloh sowie die Kirchen Geschlossenheit.

Eine Idee der Ditib-Gemeinde war die Begegnungsstätte jedoch nicht. Der Gedanke kam von örtlichen Politikern. 3,2 Millionen Euro bewilligten das Land Nordrhein-Westfalen und die Europäische Union für den Bau des Zentrums für interkulturellen Austausch im Untergeschoss der Moschee. Dort wird ein Islamarchiv mit deutschen und türkischen Texten eingerichtet, zudem sollen Seminarräume, ein Info-Center und ein Restaurant enstehen. Es ist diese Begegnungsstätte, die die Moschee zu einem Vorzeigeprojekt macht.

Die ersten Spaten stachen der damalige Landesvater Peer Steinbrück und sein Städtebau-Minister Michael Vesper in die Erde. Die Marxloher Ditib-Gemeinde gilt als offen und dialogbereit. Ihre führenden Vertreter beschworen bei diversen Anlässen die Treue zum Grundgesetz. Sie verzichten auf den Muezzin-Ruf, um deutsche Anwohner nicht zu provozieren, sie sagen, im Gemeindeleben herrsche Gleichberechtigung von Frauen.

"Ich trage kein Kopftuch und spiele trotzdem eine führende Rolle in der Gemeinde", sagt Zülfiye Kaykin und versichert, es gefalle ihr nicht, dass in Marxloh immer mehr junge Mädchen schon vor der Pubertät Kopftuch tragen. Sie täten es als Folge von verletztem Stolz: "Wer es peinlich findet, als Türke im Klischee-Ghetto Marxloh zu wohnen, und beschämend, eine modrige Moschee zu besuchen, der grenzt sich schon aus Trotz möglichst sichtbar von einer Mehrheitsgesellschaft ab, die Anerkennung versagt."

Doch die gescholtene Mehrheitsgesellschaft reagiert nicht mit Abwehr, im Gegenteil, sie streckt immer wieder die Hand aus. Seit knapp einem Jahr arbeitet Jürgen Kiskämper als Islambeauftragter der Duisburger Polizei. Er wurde nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh berufen, um die Beziehungen zwischen Muslimen und der Polizei zu verbessern. Er ist es, der auf die Moscheevereine zugeht, etwa um Eltern anzubieten, über Gewalt- und Drogenprävention zu informieren. Oder um Jugendliche für eine Ausbildung bei der Polizei zu begeistern, die gezielt Muslime zu gewinnen versucht.

Es sind rührige Bemühungen, das Image der Polizei unter den Muslimen zu verbessern. Eine Charmeoffensive, die inzwischen von vielen Beamten auch auf Türkisch vorgetragen werden kann. Mit offenen Armen wird Kiskämper dennoch nicht überall empfangen.

"Manchmal fehlt schlicht der Integrationswille, dann wird mein Kontaktangebot abgelehnt, weil die Angesprochenen einfach keinen Wert darauf legen, mit der Polizei etwas zu tun zu haben."

Er vermisse bei Migranten noch zu oft die Bereitschaft, selbst Integrationsangebote einzufordern und wahrzunehmen, seufzt Kiskämper. Doch der 44-Jährige resigniert nicht, es gebe doch auch immer mehr Erfolgserlebnisse, die ihn in seiner Arbeit bestärkten.

"Marxloh ist ein Stadtteil, in dem sehr, sehr viel Positives passiert, in dem mit Elan Netzwerke zwischen dialogbereiten Moscheevereinen und verschiedenen Integrationsangeboten entstehen."

Die Zusammenarbeit mit dem Moschee-Bauherrn Ditib als Kontaktvermittler zu anderen Gemeinden sei dabei "aus polizeilicher Sicht sehr fruchtbar", sagt der Hauptkommissar. Dass die Zahl der Kopftuchträgerinnen in Marxloh sichtbar zugenommen hat, sei auch ihm nicht entgangen: "Die Religiosität der Muslime hat sich verändert, sie ist strenger geworden."