Weltpolitik Macht der MoralSeite 3/3
Ein Kräftegleichgewicht bleibt die beste Bremse der Versuchung
Krieg allein im Namen der Demokratie führen, wie es einst der amerikanische Präsident Woodrow Wilson proklamiert hat? Das wäre im Sinne der These von den friedfertigen Demokratien absurd, und auch Wilson ist aus gutem realpolitischem Grund – und nicht zum Behufe der Umerziehung – in den Krieg gegen das deutsche Kaiserreich gezogen. Aber der gute Neorealist, der stets Ziele und Mittel gegeneinander abwägen und dabei noch die Konsequenzen bedenken muss, findet auch andere Wege, um Idealpolitik mit Realpolitik zu versöhnen.
Wie es funktionieren kann, haben Bush und seine Außenministerin in diesem Jahr vorexerziert. Zusammen mit Paris hat Washington den Druck ausgeübt, der Syrien aus dem Libanon vertrieben hat. Demokratie hat nun zumindest eine Chance in Beirut. Washington hat auch gezeigt, wie man Reform- und Bündnisinteressen miteinander vereint. Dass Condoleezza Rice Ägypten, einen Quasi-Alliierten, während ihrer Nahostreise im Frühjahr 2005 nicht besucht hat, war eine Demonstration und hat den ewigen Präsidenten Mubarak dazu animiert, erstmals mehrere Kandidaten zu den Präsidentenwahlen im September zuzulassen. Auch hat die amerikanische Verweigerung gegenüber Jassir Arafat, gefolgt vom gemeinsamen Druck der EU und der USA auf seine Nachfolger, die wundersame Entwicklung befördert, die sich in lauter freien Wahlen unter den Palästinensern niedergeschlagen hat.
So schließt sich gänzlich unerwartet der Bogen zwischen Thukydides und Bush: Wer heute Realist sein will, muss auch Idealist sein. Jedenfalls sind Ideal- und Realpolitik keine festen Feinde. Anders als Hobbes und Machiavelli haben wir inzwischen gelernt, dass Krieg und Frieden nicht nur eine Macht-, sondern auch eine Systemfrage ist.
Der Realismus behält Recht mit seiner These, dass Gelegenheit Kriege macht, dass ein Kräftegleichgewicht noch immer die beste Bremse der Versuchung ist. Doch spätestens seit dem Terror der Französischen Revolution wissen wir, dass der Despotismus nur selten dem Status quo gehorcht. Daraus folgt: Demut vor Diktatoren verrät nicht nur die eigenen Werte. Es ist auch schlechte Realpolitik in einer Welt, in der die Verfasstheit der Staaten deren Verhalten stärker prägt, als es sich Hobbes und Kollegen je vorstellen konnten. Es ist allerdings auch schlechte Realpolitik, den regime change zum alleinigen Kriegsgrund zu machen, ohne dabei Kosten und Konsequenzen und harte strategische Interessen zu bedenken. Wer um der Demokratie willen Krieg führt, führt erst einmal Krieg. Das war bei Kant und Tocqueville nicht eingeplant.
Eine längere Version dieses Textes ist im »Merkur« erschienen
- Datum 10.10.2007 - 13:26 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
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Früher war es das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen sollte. Nach Josef Joffe ist es jetzt das demokratische Wesen (oder das amerikanische Wesen?). Demokratie als eine Monstranz, die man vor sich herträgt, ohne nach ihren Inhalten zu fragen. Nach der Verpflichtung des Journalisten zur Wahrheit zum Beispiel, die unabdingbar ist für die Bewahrung der Demokratie. Aber wo der Zweck die Mittel heiligt, die Demokratie also Lüge, Folter und Krieg, gibt es diese Verpflichtung nicht mehr. Herr Joffe schrieb in der Zeit 12/2003, als der Krieg im Irak begonnen hatte: "Gewisslich werden die USA dann die Beweise finden, die den UN-Inspektoren entgangen sind." Wo sind die Beweise, Herr Joffe? Bei allem Leid, dass der Krieg über die Menschen bringt, ist diese Frage keine Lappalie!
Worauf der Autor leider nicht eingeht, ist dass die Atomwaffen nun auf der Ebene der Staaten eine neue Realität geschaffen haben, so wie einst die Pistolen die Kraft- und Machtverhältnisse zwischen den einzelnen Menschen veränderten. Jeder Staat mit Atomwaffen kann einen anderen und auch größeren Staat nun so schwer und dauerhaft beschädigen, dass kein vertretbarer Sieg mehr möglich ist. Machiavelli und Hobbes sind damit überholt, wie ja Kleinstaaten wie Nordkorea zeigen, die nun den USA die Stirn bieten. Unter so gleich mächtig gewordenen Staaten gelten heute die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der sog. Spieltheorie. Die Untersuchungsergebnisse zu den Gewinnaussichten verschiedener Kooperationsstrategien gehen dahin, eine Strategie des Gleichziehens zu empfehlen, mit der Kooperation zu beginnen und die Kooperation auch immer wieder anzubieten, denn es zeigt sich, dass beide Seiten durch eine Kooperation mehr gewinnen als wenn eine Seite verliert.
(Mehr z.B. in B. Nalebuff und A. Brandenburger: Coopetition kooperativ konkurrieren. Campus, Frankfurt 1996)
Grüße,
kruzifix
....(Sie brauchen den äußeren Feind, um ihre Unterdrückungsregime abzusichern und das Volk nach innen wie nach außen zu mobilisieren.(aus dem Text)).
Braucht die Demoktratie denn nicht diesen äusseren
Feind? Bis 1989 war es der warschauer Pakt.Seit der nicht
mehr besteht musste ein neuer Feind gefunden werden.
Nun wird hinter jedem Geschehen zuerst ein
terroristischer Akt vermutet.
Und natuerlich sind seit '89 alle Terroristen und
kulturpolitisch zurueckgebliebene Menschen,Anhänger
des Islams.
Mitinterresant ist, bis 1989 musste sich der
Westkapitalismus als das humanere Wertesystem verkaufen
gegenueber dem Ostblock.
Seit diese Referenz nicht mehr besteht,fällt die
soziale Marktwirtschaft geradezu in sich zusammen.
Ist der Text nun eine idealisierte oder reale Begründung eines Angriffskrieges durch eine Demokratie auf ein nichtdemokratisches Land ohne wirlich bedroht zu sein?
Ist dann Krieg das beste realpolitische Mittel zur Verbreiterung der Demokratie? Was ist diese Demokratie dann noch Wert? Und geht es nicht auch anders?
Die vorgeblich "demokratischen" Staaten finden auch im Autor des Artikels einen willigen Gefolgsmann der Öffentlichkeit schafft für das Unfassbare. Bald muss man sagen: "Wir alle haben davon gewusst und dies gilt in der Zeit "demokratischer" Machtkämpfe und -gelüste global. Sagen Sie nicht, Sie hätten davon nichts gewußt!
Beherzigenswert, wie fast alles, was Joffe schreibt. KAter
Kleines Detail am Rande: "Clubs" ist Kreuz und nicht Pik ("spades").
George W. Bushs wahre »Befreiungstheologie« lautet nicht "Demkratie fuer alle Iraker" sondern "Irakisches Oel alles fuer mich". In ihrem "wunderschoen" logischen, von so vielen weisen Denkern geschmuecktem Gedankegebaeude machen Sie die wahren Antriebsgruende des Herrn Bush verschwinden und vergessen: Geld durch Oel fuer sich und seinen Clan; ja klar, zuerst die Eigeninteressen befriedigen, aber leider nicht die aller Amerikaner sondern nur die von Bush und Co!
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