Hunde, wollt ihr ewig leben?
Haug von Kuenheim über die Vergreisung der Haustiere
Da haben wir es. Nun werden auch Hunde immer älter. Eine volkstümliche Zeitung brachte es auf den Punkt: Methusalem-Komplott jetzt auch bei Hunden. Ein krummbeiniger Dackel von 20 Jahren werde bald keine Seltenheit mehr sein.
Die Tierärzte reiben sich die Hände. Die altersbedingten Bresthaftigkeiten bei Dobermännern, Pudeln und Zwergpinschern nehmen zu. Rheuma, Diabetes, Krebs, Zähnewackeln, Harthörigkeit, Inkontinenz – worunter wir Älteren leiden, ist dem Hund nicht fremd. Auch Formen der Demenz sind zu beobachten. Golden Retriever im Greisenalter erkennen ihre Herrschaften nicht mehr und schnappen nach der Hand, die sie streicheln will. Irgendwann, der Tag wird nicht mehr fern sein, ertönt der Ruf: Hunde, wollt ihr ewig leben?! Noch ist er nur auf das alternde Tier beschränkt, aber wie lange noch?
Ethikexperten werden schlüssig nachweisen, ein überlanges Leben unserer Vierbeiner sei Quälerei, ein Ende durch Menschenhand Erlösung. Offenbar naht auf diese Weise auch das Ende von Daisy. Die Yorkshireterrierin des gemeuchelten Schneiders Moshammer hechelt mit stumpfem Fell und glasigen Augen dem Chauffeur-Erben hinterher. Sie sei ja nun schon zwölf Jahre und stressgeplagt, lässt dieser verlauten. Wir können uns nur allzu leicht ausmalen, was er mit dem beklagenswerten Hündchen vorhat: Ab in den Himmel zu Mosi.
Es ist schon ein Weilchen her, da wollte der Leiter eines Berliner Tierheims uns, die wir über 65 Jahre alt sind, keinen Hund mehr an die Hand geben. Schließlich solle das Tier sein Herrchen nicht überleben.
Dabei gibt ein Haustier alleinstehenden Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden. So steht es im vierten Altenbericht der Bundesregierung. Es könne über den Verlust einer geliebten Person hinwegtrösten und helfen, Kontakte zu knüpfen. Es bewahre vor Vereinsamung, emotionale Bedürfnisse würden befriedigt, und gleich, ob Pinscher oder Papagei, häusliche Tiere stärkten das Selbstwertgefühl von uns Alten. Und gibt es einen angenehmeren Partner als den, der mit gespitzten Ohren zuhört und niemals widerspricht? Der sich zu uns auf oder ins Bett legt und nichts will?
Zugegeben, es scheint ein unauflösbares Dilemma zu sein. Ein alleinstehender alter Dackel, der sein greises Frauchen überlebt, ist mindestens so übel dran wie diese, die jenen überlebt. Die Gesellschaft ist gefordert! Wieder einmal.
* Haug von Kuenheim ist 71. Nach 40 Jahren bei der ZEIT – unter anderem als Leiter des Modernen Lebens und stellvertretender Chefredakteur – privatisiert er heute
- Datum 24.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
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