Im Bewegungsbad Marienfelde im Südwesten Berlins gehen die Jogger ins Becken. Zehn Damen, ein Herr. Frau Minkenberg ist dabei, das Ehepaar Möhring, Frau Gutzke. Wie jeden Mittwoch und jeden Montag. Im brusttiefen Wasser geht es im Kreis, erst mit der Strömung, dann gegen die Strömung. Das tut den Aquajoggern gut.

»Oberkörper schön durchstrecken!«, ruft Christian, der dunkelblonde Coach der Gruppe, der früher mal Amateurboxer war und jetzt Medizin studiert. Er hat eine CD mit Popmusik in das Abspielgerät gelegt. Die Damen mögen Christian.

Viele von ihnen kommen, weil sie es an den Gelenken haben und ihnen eine Arthrose in der Hüfte sitzt oder im Rücken – oder im Knie. Marianne Minkenberg zum Beispiel. Die Ärzte haben ihr eine fortgeschrittene Kniegelenkarthrose attestiert, und ein wenig sieht man es, wenn sie am Beckenrand geht. Steifer, wackliger ist sie geworden, die Frau mit den kurzen grauen Haaren und dem schwar-zen Badeanzug. Aber genau das ist das Wunderbare an der Gymnastik im Wasser, dass hier die Glieder leichter und die Gelenke beweglicher sind und die Jugend ein wenig zurückkehrt. Ist das Hüftgelenk erheblich geschädigt(1) ... BILD

Mindestens fünf Millionen Deutsche gelten als arthrosekrank, und die meisten Experten erwarten, dass die Zahl weiter steigt. Je älter die Gesellschaft, so die simple Rechung, desto häufiger die Arthrose. Tatsächlich ist Arthrose, die vor allem Knie und Hüften, Hände oder Wirbelgelenke befällt, ein Paradebeispiel für das, was Mediziner als degenerative Leiden bezeichnen: Begünstigt beispielsweise durch Gelenkfehlstellungen, Übergewicht oder schwere körperliche Arbeit, werden über Jahre hinweg die schützenden Knorpelkappen der Gelenke geschädigt. Die Vorstellung von der Arthrose als Verschleißerkrankung ist irreführend, denn dann müssten Gelenke, die am meisten geschont werden, am längsten halten. Das Gegenteil ist der Fall: Ein regelmäßig belastetes Gelenk hält am besten durch. Die Arthrose ist eher die Folge eines Ungleichgewichts zwischen Belastung und gestörtem Knorpel.

Schmerzen beim Treppablaufen sind oft erste Zeichen der Krankheit. Später kommen knöcherne Umbauprozesse hinzu, die Gelenke werden steif. Mitunter endet der Krankheitsprozess in einer schweren Gehbehinderung. ... ist ein Implantat oft die letzte Chance, die Beweglichkeit im Gelenk zu erhalten. Die so genannte Total-Endoprothese (TEP) ersetzt die Gelenkpfanne (2) und den Gelenkkopf im Oberschenkel (3) . Für die Implantation der Endoprothese müssen die Ärzte durch große Muskelpartien schneiden (5) . Der große Zugang erschwert die Rehabilitation nach der Operation. Wenn möglich, versuchen die Chirurgen deshalb, mit einem kleinen Schnitt auszukommen. BILD

Szenenwechsel, Dresden, Flughafen. Während in Berlin die Aquajogger ihre Runden drehen, arbeitet ESIM in einer Werkhalle der IMA Materialforschung und Anwendungstechnik GmbH: Er pufft und rollt und dreht die Kugel in der Pfanne. Fünf Millionen Mal.

ESIM ist der vielleicht modernste Hüftsimulator der Welt. Wiener Wissenschaftler haben den mannshohen, mit Steuerungstechnik voll gepackten Kasten vor ein paar Jahren entwickelt, um besser prüfen zu können, wie schnell eine künstliche Hüfte im Körper eines Arthrosekranken verschleißt. Seit einigen Jahren müssen Kunstgelenke solche Verschleißtests nach einheitlicher ISO-Norm durchlaufen, bevor sie eine Zertifizierung bekommen. Die Arthrosemedizin braucht Ersatzteile – betriebsfest und abriebsarm.

Hüft- und Knieprothesen werden im Airbus-Labor getestet

Tatsächlich ist die Dresdener IMA – die auch einen Airbus A380 auf Materialverschleiß prüft und deren Vorläuferinstitut zu DDR-Zeiten schon den Trabi testete – eine der wenigen unabhängigen Prothesenprüfstellen in Deutschland. Zu ihren Kunden zählen vor allem kleinere Hersteller, die selbst über keine Testlabors verfügen, aber dennoch mithalten wollen im dynamisch wachsenden Prothesenmarkt. So gibt es allein für künstliche Hüften inzwischen mehr als 300 verschiedene Fabrikate. Nach einer Analyse der Unternehmensberatung Frost & Sullivan könnte der europäische Gesamtumsatz mit Hüft- und Knieprothesen in den kommenden fünf Jahren auf knapp zwei Milliarden Dollar jährlich steigen. Und auch für die Kliniken gehört der Gelenkersatz zum Kerngeschäft: Jedes Jahr, so schätzen Experten, werden in Deutschland rund 100000 Hüftgelenke und fast noch einmal so viele Knie bei Arthrosekranken ausgetauscht – mit steigender Tendenz. Eine TEP setzen die Orthopäden
auch dann ein, wenn der
Schenkelhals durch Osteoporose
geschwächt und zum Beispiel bei
einem Sturz gebrochen ist(4)
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»Sehen Sie!«, sagt Steffen Vater, der junge IMA-Ingenieur mit dem offenen roten Hemd, und hält eine Kunsthüfte hoch. Sie besteht aus zwei Teilen – der künstlichen Gelenkpfanne, die an eine Nussschale erinnert, und dem Prothesenschaft mit dem kugelartigen Kopf. Beide Teile werden in eine spezielle Halterung eingespannt. Dann kann ESIM sie bearbeiten.