volkskrankheit Angst ist ein wütender Geier
Keine Freude. Ohne Lebensmut. Acht Millionen Deutsche sind depressiv – aber es gibt Hoffnung
Da hockt er nun und denkt – schlaflos – im Kreis herum. Das Zimmer wird enger, der Schmerz dumpfer; der Gram ist ein Geier, der am Leben frisst. Freude? Weggefressen. Lust? Abgebissen. Hoffnung? – ? – Wäre es nicht besser, gleich gar nicht mehr zu sein, als nicht lebendig zu sein? Im klassischen Fall des schwermütigen Heinrich F., der alle Symptome zeigt, die moderne Diagnostiker zur hausärztlichen Versorgung depressiver Patienten aufzählen, tritt als Therapeut der Teufel auf. Mit Magie und Zaubertrank führt Mephisto den alten Grübler in die grandiose Alternative. Doch kaum sind im rastlosen Fortschritt des westlichen Welttheaters Frauen und Reiche erobert, Dämme errichtet, Sümpfe getrocknet und die letzten Geheimnisse beinahe erforscht, da hocken Fausts Erben wieder in der Trauerhöhle.
Ungeachtet der allgegenwärtigen Vorbilder von flexiblen, selbstsicheren, effizienten Zeitgenossen, hat uns die Seelenfinsternis eingeholt. Nach Schätzungen der WHO leiden 300 Millionen Menschen weltweit – und in Deutschland 2,8 Millionen Männer und 5 Millionen Frauen – an depressiven Erkrankungen. Der Risikofaktor für Frauen liegt bei 10 bis 25 Prozent, der für Männer bei 5 bis 12 Prozent. Und die hochgelobten Fortschritte der pharmakologischen Forschung, die magischen Serotoninlösungen mit hilfreichen Muntermachern (»From sad to glad«) scheinen nur bis zur nächsten Sackgasse zu führen. Zwar gehören Antidepressiva zu den weltweit am häufigsten verschriebenen Medikamenten, aber die Zahl der depressiv Erkrankten nimmt weiterhin zu. Laut Gesundheitsreport der Techniker-Krankenkasse (Frühjahr 2005) stieg die Zahl der psychisch bedingten Krankheitstage in den letzten fünf Jahren um 20 Prozent.
Die Depression, so weit sind sich Psychoanalytiker, Psychiater, Soziologen, Biochemiker, Pharmakologen, Politiker und Betroffene einig, ist eine lähmende, Menschen und Kapital verschlingende Volkskrankheit. Mit Johanniskraut, auch das gehört zum Konsens, lässt sich das Problem nicht lösen. Gründlich uneinig dagegen sind sich die Experten, wenn es darum geht, zu erklären, was eine Depression eigentlich sei. Klar, man kann die Krankheit beschreiben, ihre Symptome aufzählen, klassifizieren. Aber die Ursachen? Wer wählt wie, warum und nach welchen Kriterien die Methoden und Mittel zur Behandlung, im besten Fall zur Heilung der Seelenqual?
Zwei Publikationen, die eine aus der Perspektive der »empiristischen Kognitiven«, die andere aus der der »emanzipatorischen Psychoanalytiker«, zeigen fundamentale Unterschiede der beiden Schulen in Theorie und Praxis.
Reicht es etwa, einfach die schwarze Brille abzusetzen?
Der Bericht eines Franzosen macht deutlich, wie ein Patient Krankheit und Behandlung, Pillen und Therapeuten erlebt. Um dann ohne professionelle Hilfe zu versuchen, aus der großen, stummen Verzweiflung den Weg zurück in die eigene Sprache, in die eigene Geschichte zu finden. Ein komplexer Lesestoff, der spannende Fragen für Betroffene aufwirft: Liegt der Ausgangspunkt einer Depression schlichtweg im »erlernten Fehlverhalten«, im »ungünstig erlernten Muster«, wie der Psychiater Ulrich Hegerl vom »Kompetenznetz Depression« und seine Mitarbeiter in ihrem Ratgeber zum Rätsel Depression schreiben? Hilft es, wenn der Patient seine depressiven Denkweisen als ein »hausgemachtes Problem und nicht etwa eine unumstößliche Realität« versteht; wenn er bereit ist, »die schwarze Brille abzusetzen«, die verschriebenen Mittel zu schlucken und »eingefahrene negative Denkmuster zu erkennen, zu überprüfen und zu ersetzen«? Oder öffnen sich die »dunklen Welten der Depression«, wenn ein Mensch frühe seelische Verletzungen, unverarbeitete traumatische Erfahrungen, die Last aktueller gesellschaftlicher Umstände, rundum fehlendes Verständnis seiner Leiden und womöglich die Einflüsse einer genetischen Disposition nicht mehr bewältigen kann? Ist die Depression weniger ein krankhafter Zustand, sondern eher ein Prozess, der abhängig von komplexen inneren und äußeren Bedingungen abläuft, wie Marianne Leuzinger-Bohleber, die Direktorin des Sigmund Freud Instituts Frankfurt, im Sonderheft Depression der wissenschaftlichen Zeitschrift Psyche erklärt? Nach dieser Sicht wäre Depression möglicherweise gar eine »gesunde Antwort« auf wachsende gesellschaftliche Anforderungen, auf ganz realistische Überforderungen, wie sie die Sozialpsychologin Christine Morgenroth – ebenfalls im Psyche- Heft – untersucht.
An wen soll sich der Informatiker Hans P., 33, wenden, wenn er »plötzlich« nicht mehr schlafen kann, kaum mehr zur Arbeit gehen mag, wenn er jede alltägliche Kleinigkeit als »übermächtige Bedrohung« empfindet? Was soll aus der 16-jährigen Maria werden, die trotz äußerlich intakter Familie (Vater Oberarzt, Mutter Lehrerin), unablässig nach Aufmerksamkeit und Zuwendung sucht, nur Ersatz und Betäubung (Drogen, Selbstverletzung) findet und in die Depression abstürzt? Was kann die Akademikerin Frau A. tun, die intelligent, gebildet, sozial integriert und beruflich erfolgreich ist und doch angesichts des plötzlichen Endes einer großen Liebesgeschichte, von Verzweiflung überwältigt, suizidal wird? Die das Gefühl hat, ihr werde bei lebendigem Leibe eine hart erarbeitete »zweite Haut« abgezogen – darunter nichts als Horror?
- Datum 24.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
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Vielen Dank, Frau Wehrmann, für ihren knappen, aber klaren Aufriss der gegenwärtigen Situation in der Behandlung depressiver Menschen.
Gottseidank sind die Praktiker (Therapeuten) nicht
dem Schubladendenken einer Behandlungstechnik verpflichtet, sondern arbeiten, wenn sie es ernst meinen, eklektisch und individualistisch, im Sinne ihrer Patienten. Mögen sich auch Schulen unversöhnlich gegenüber stehen, wer im Alltag der Beziehung mit depressiven Patienten nur einem Muster folgt, versteht meist nicht viel und hilft daher auch nicht sehr.
Ganz ohne Zweifel, es gibt die "Wunderheilung", ich habe es erlebt. - Patienten nehmen, nach entsprechender Diagnose, ein modernes oder älteres Antiddepressivum, mit
Wirkung z.B., auf den Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin Stoffwechsel, auch kombinatorische Wirkprinzipien sind erfolgreich, und sind nach 14 Tagen bis 4 Wochen wieder "fast" wie vor dem Fall ins Gemütselend. - Aber wer länger im Geschäft ist, der weiss um die Begrenztheit der pharmazeutischen Hilfen.
Gleiches gilt natürlich auch für kognitions- und verhaltenstherapeutische Ansätze und für die analytischen Theapien.
Aus eigenem Erleben und Handeln kann ich sagen, dass der wesentliche Ansatz für eine stabile Hilfe bei fast allen psychischen Krankheiten oder Störungen, die ja zu Chronifizierungen oder phasischem Auftreten neigen, eine verlässliche und belastbare Beziehung ist.
Das muss nicht unbedingt ein "Heiler" sein. Allerdings sind, zumindest bei den fortgeschrittenen und schweren Fällen der
Depression, oftmals Familien- und Beziehungstrukturen
hoffnungslos zusammengebrochen und Therapeuten müssen sich
daher ersatzweise anbieten. Das ist verdammt anstrengend, löst Allmachts- und Ohnmachtsgefühle aus und fordert viel Empathiefähigkeit, zumal die eigenen Kommunikations- und Sprachmuster nur selten zu denen der Patienten passen und
daher fast immer eine "Übersetzungsleistung" nötig wird.
Die stabile Beziehung wird umso wichtiger, je stärker verstanden wird, welch grosses autoaggressives und fremdaggressive Potential in depressiven Menschen ist, die
den äusseren, "normalen", gesellschaftlich akzeptierten Formen von Gewalt oft nicht viel entgegensetzen können und
sich dann selbst und manchmal ihre jeweilig Nächsten strafen.
Depressiven Menschen in dieser Situation nur Pillen oder
stukturierte schulmäßige Programme anzubieten, ist, meiner
Ansicht nach, ein Kunstfehler.
Fast alle grösseren Behandlungszentren in Deutschland werben
in der Öffentlichkeit mit sogenannten "integrativen" Theapieansätzen. Auf dem Papier sieht die Welt der psychiatrischen und psychotherapeutischen Hilfen ganz geordnet und ICD,DSM oder OPD -systematisiert aus, aber in der Realtität herrscht Unterversorgung und Ungleichbehandlung im Vergleich zu inneren Erkrankungen mit Volkskrankheitscharakter, sowohl stationär, als auch ambulant. Aus der Schwierigkeit "Depression" als Krankheitsbild gültig zu fassen, hat man eine hinterfragenswürdige Tugend gemacht und diagnostiziert nun nach Zahl, Schwere, Dauer und Häufigkeit von Symptomen.
Aus dem verständlichen Eifer um wissenschaftliche Anerkenntnis, einem immer noch wirksamen Minderwertigkeitskomplex gegenüber anderen medizinischen Fachrichtungen und der damit einhergehenden Selbstentlastung, geben so manche klinischen
Institute dem verhängnisvollen Hang nach, jedem hilfesuchenden depressiven Menschen ein "Stoffwechselsyndrom" als Erklärung und Lebenshilfe anzubieten.
Selbst so grundständig anerkannte Gebiete wie die innere Medizin und die Neurologie zweifeln wissenschaftlich stärker
an ihren "Wahrheiten", als die Psychiatrie und Psychologie und bekennen sich zunehmend zu Torheiten und Trugschlüssen in der Behandlung.
Zum Schluss möchte ich mir noch einen "stadtplanerischen Gedanken" gestatten. Demut vor dem je individuell gewachsenen Bestand an Bausubstanz und kritischer Blick
auf das eigene Tun sind schwere, aber auf Dauer lohnende und
erfolgreiche Mühen. Auch ich leide an den Ergebnissen der jeweils zum Stand der Forschung erklärten Leitsätzen der Stadtplanung ("autogerechte Stadt", "Zwischenstadt",etc.pp.) und ihrer bürokratisierten kommunalen Ausführung.
Wenn ich derartige Artikel lese, werde ich regelmäßig das Gefühl nicht los, die moderne Psychologie und die aktuelle Psychiatrie hätten mindestens ebenso viele Probleme, wie ihre PatientInnen. Nur, dass sie sich keine Therapie dagegen verordnen lassen wollen.
Ein Mensch, der solchen Ärzten in die Hände fällt, kann einem eigentlich nur leid tun. Jeder Schamane, nehme ich an, würde mit Rauch und Rasselgeklapper in ähnlichem Umfang Wunder bewirken, wie unsere langjährig und teuer ausgebildeten Selenklempner. Der Patient, scheint es, ist in ihren Augen eher Versuchskaninchen und Crashtestdummy, als Partner. Drei Ärzte, vier Meinungen, aber kein wirkliches Wissen. Und was das Schlimmste ist: keinerlei Demut. Sie agieren auf Teufel komm raus, wohl wissend, dass sie kaum etwas wissen. Aber Zweifel? Niemals! Eine schlimme Vorstellung, wie ich finde. Sie könnte einen glatt depressiv machen, wenn man einschlägig gefährdet wäre.
Was, wenn die Depression nun tatsächlich eine Art Erschöpfungszustand ist, eine normale, in gewissem Umfang sogar sinnvolle Reaktion des Körpers auf permanente Überforderung und Fehlbelastung? So eine Art Bandscheibenvorfall im Gehirn? Nutzt es dann tatsächlich etwas, immer und immer wieder die krankheitsauslösenden Probleme durchzukauen? Werden die chemischen Prozesse im Gehirn durch die viel gepriesene "Gesprächsarbeit" tatsächlich andere? Nutzt es dem Bandscheibenpatienten, wenn er seine defekte Wirbelsäule mit Gymnastik traktiert? Hat das erbarmungslose Suchen nach einem einzelnen traumatischen Auslöser der Krankheit wirklich mehr Sinn, als die Suche nach einem viralen Erreger im Falle der kaputten Bandscheibe? Wenn ja, dann doch wohl höchstens auf Basis des Placebo-Effektes. Behaupten ja die Mediziner auch tatsächlich unisono (und seltsamerweise ungeachtet sonstiger Differenzen), der Patient müsse unbedingt an sie glauben, damit der Erfolg einträte.
Manchmal werde ich den Verdacht nicht los, Psychiater hätten womöglich in gar nicht geringer Zahl einen (krankhaften?) Hang zur Macht und das unstillbare Bedürfnis, den "schmutzigen Geheimnissen" wildfremder Leute auf die Spur zu kommen. Soll ja schließlich auch einzelne Frauenärzte geben, die - nun, das gehört vielleicht nicht unbedingt hier her. Schade, dass ich bereits begeisterter Stadtplaner bin. Manchmal würde ich nämlich gern Psychologie studieren. Nicht, um in Erinnerungswunden herumzustochern. (Das würde ich, wenn ich es denn im Einzelfall tatsächlich unumgänglich fände) glatt den Patienten selbst überlassen wollen.) Eher schon, weil ich nicht glauben kann, dass es keine besseren Wege geben soll, Depressionspatienten wieder auf die eigenen Füße zu stellen. Individuellere Wege, aufrecht begehbare Rück-Wege aus ihrer totalen Erschöpfung. Schließlich hat ja auch jeder seinen ganz eigenen, besonderen Weg hinein gefunden. Und zwar ganz ohne Arzt - wenn auch nur sehr selten ganz ohne die Hilfe angeblich wohlmeinender, kluger und gebildeter Ratgeber.
Das ist ebenfalls mein Eindruck. Psychologen lernen im Studium scheinbar vor allem, dass sie auf der "richtigen Seite" stehen und die anderen haben die "uangemessenen" Symptome. Das Leitmotiv scheint Macht. Als ob sie dafür ausgebildete werden, immer Recht zu haben. Es lohnt sich ja für sie. Können sie sich nicht permanent über die Zuwendung und Anerkennung des Klienten aufwerten? Jeder Suchende sollte m. E. bei der Therapeutensuche achtsam sein. Es ist zu bedenken, dass es immer um Konstrukte und Hypothesen geht, die dem Patienten als Behandlungsmodell angeboten werden. Das vergisst so mancher Fachmann bald. Das betrifft auch die Psychiater, würde man diese Berufsgruppe mal diagnostisch überprüfen und beobachten, ich glaube, die Ergebnisse wären sicher sehr interessant. Aber genau das vermeiden sie ja, sie stehen ja auf der richtigen Seite.
Das ist ebenfalls mein Eindruck. Psychologen lernen im Studium scheinbar vor allem, dass sie auf der "richtigen Seite" stehen und die anderen haben die "uangemessenen" Symptome. Das Leitmotiv scheint Macht. Als ob sie dafür ausgebildete werden, immer Recht zu haben. Es lohnt sich ja für sie. Können sie sich nicht permanent über die Zuwendung und Anerkennung des Klienten aufwerten? Jeder Suchende sollte m. E. bei der Therapeutensuche achtsam sein. Es ist zu bedenken, dass es immer um Konstrukte und Hypothesen geht, die dem Patienten als Behandlungsmodell angeboten werden. Das vergisst so mancher Fachmann bald. Das betrifft auch die Psychiater, würde man diese Berufsgruppe mal diagnostisch überprüfen und beobachten, ich glaube, die Ergebnisse wären sicher sehr interessant. Aber genau das vermeiden sie ja, sie stehen ja auf der richtigen Seite.
Das Paradoxe an der Depression ist
das die tiefschwarze Schieflage der Selbstwahrnehmung der Betroffenen durch die rosarot getrübte Brille, mit der die behandelnen Mediziner die Erfolgsaussichten Ihrer Behandlungsmethoden wahrnehmen,
nicht kompensiert werden kann.
Das ist ebenfalls mein Eindruck. Psychologen lernen im Studium scheinbar vor allem, dass sie auf der "richtigen Seite" stehen und die anderen haben die "uangemessenen" Symptome. Das Leitmotiv scheint Macht. Als ob sie dafür ausgebildete werden, immer Recht zu haben. Es lohnt sich ja für sie. Können sie sich nicht permanent über die Zuwendung und Anerkennung des Klienten aufwerten? Jeder Suchende sollte m. E. bei der Therapeutensuche achtsam sein. Es ist zu bedenken, dass es immer um Konstrukte und Hypothesen geht, die dem Patienten als Behandlungsmodell angeboten werden. Das vergisst so mancher Fachmann bald. Das betrifft auch die Psychiater, würde man diese Berufsgruppe mal diagnostisch überprüfen und beobachten, ich glaube, die Ergebnisse wären sicher sehr interessant. Aber genau das vermeiden sie ja, sie stehen ja auf der richtigen Seite.
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