Medien Der BildFaktor
Das Kartellamt hat vor allem einen Einwand gegen die Expansion der Springer-Gruppe: Die mächtige Boulevard-Zeitung. Doch die Begründungen sind angreifbar
BILD Dir Deine Meinung! So lautete die Aufgabe des Bundeskartellamts in den vergangenen drei Monaten. Seit Mitte August haben die Wettbewerbshüter die geplante Übernahme der Fernsehsender ProSieben, Sat.1, Kabel und N24 durch den Axel-Springer-Konzern erwogen und sind zu dem vorläufigen Schluss gekommen: so nicht! Ihr größtes Bedenken: Die Boulevard-Zeitung ist wirtschaftlich zu erfolgreich und erreicht trotz sinkender Auflage immer noch zu viele Leser, um die Übernahme zu genehmigen. Einen neuen Springer-Konzern, der in Deutschland so groß sein würde wie die Bertelsmann AG, wird es nach jetzigem Stand nicht geben. So klar diese Wertung ist, so überraschend und manchmal unscharf wirken aber einige wichtige Argumente der Wettbewerbshüter.
Die ökonomische Vormacht der »Bild«-Zeitung begründen die Beamten mit der Stellung des Blatts bei bundesweiten Anzeigen. Dabei zählen sie Inserate von Ketten wie Plus oder Lidl mit, in der Zeitungsbranche auch »Schweinebauchanzeigen« genannt, und kommen zu einem unerwarteten Ergebnis: 40 Prozent Marktanteil für den Axel-Springer-Verlag, 30 Prozent allein für die Bild -Zeitung, was eine marktbeherrschende Stellung bedeutet. Einbezogen wurden außer Bild Zeitungen wie Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung oder das Handelsblatt , ein Markt, der für das Kartellamt lange keine Rolle gespielt hat. Deshalb wurden die Daten bei den Verlagen eigens abgefragt. Nur: Wird da zusammengezählt, was zusammengehört? Reklame von Discountern spielt für Bild eine entscheidende Rolle, nicht aber für die anderen. Händler werben nicht alternativ in Bild oder FAZ., sondern in dem Boulevardblatt oder einer Regionalzeitung. Und so bleibt die Frage, ob das Bild schief ist, nach dem Bild den bundesweiten Anzeigenmarkt beherrscht.
Ein Duopol erkennt das Kartellamt auf dem Markt für Werbung im privaten Fernsehen. Zwischen den beiden Senderfamilien – RTL, Vox, RTL2, n-tv auf der einen, ProSieben, Sat.1, Kabel und N24 auf der anderen Seite – finde »kein Binnenwettbewerb statt«, schreiben die Wettbewerbshüter. Es »deuten weitgehend stabile Marktanteile oder Marktanteilsabstände auf ein wettbewerbsloses Oligopol hin.« Beide Senderfamilien vereinnahmen jeweils etwa 40 Prozent der TV-Werbung in Deutschland.
Auch hier macht sich das Kartellamt angreifbar. Denn es ist kaum zu leugnen, dass sich die zwei Senderfamilien sehr wohl einen harten Wettstreit um Kunden liefern. Der amerikanische Konzern Procter & Gamble, der im Fernsehen für Meister Proper, Pampers oder Pringles wirbt, hat einen der größten TV-Werbeetats in Deutschland. Das Geld für Fernsehspots wanderte in den vergangenen Jahren mehrfach zwischen der RTL Group und ProSiebenSat.1 hin und her. In den vergangenen Monaten wechselten auch, um nur einige zu nennen, der Schokoladenhersteller Lindt, Rotkäppchen Sekt und der Autohersteller Smart die Seiten.
Was der Verbund bewirkt, darum geht letztlich der Streit zwischen Kartellamt und Springer. Das Amt argumentiert, dass ein Markt mit zwei beherrschenden Unternehmen »wettbewerbsbeschränkendes Parallelverhalten begünstigt« und »das bestehende Oligopol« verstärkt. Springer besäße nach der Übernahme neben den TV-Sendern auch Zeitschriften, Zeitungen und Radiosender – wie Bertelsmann. Anzunehmen ist auch, dass Bild und ProSieben oder Sat.1 künftig mehr füreinander werben würden als bisher. Und immer mehr Werbekunden verlangen eine abgestimmte Kampagne in mehreren Medien. Das geht innerhalb eines Konzerns leichter (siehe Interview), und deshalb gehen die Wettbewerbshüter jetzt zum ersten Mal auf diesen Trend ein – mit gutem Grund.
Aber wäre es tatsächlich, wie das Kartellamt schreibt, für Axel Springer möglich, Strategien zu verfolgen, die »eine Verstärkung der marktbeherrschenden Stellung auf dem Lesermarkt ergeben«? Hier geht es wieder um Bild, den Dreh- und Angelpunkt der Argumentation. Bild hat derzeit einen Marktanteil von 80 Prozent bei Boulevardzeitungen. Was soll der Verbund da bewirken?
Springer bleiben nur wenige Wochen, um die Bedenken des Kartellamts zu zerstreuen. Der Zwischenbescheid macht ein Gerichtsverfahren vor dem Bundesgerichtshof wahrscheinlicher. Dann hieße es für die Richter: BILD Dir Deine Meinung!
- Datum 24.11.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
- Kommentare 6
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"Was soll der Verbund da bewirken?" Wenn BILD einen Marktanteil von 80 Prozent bei Boulevardzeitungen hat.
Das ist doch eine ganz dämliche Frage vom Autor.
Ein Marktanteil muß täglich verteidigt werden. Er ist nicht zementiert. Die nächsten fünf Prozent Marktanteilszuwachs wären besonders Profitabel.
Warum Will Springer denn die Expansion um jeden Preis?
Angreifbar ist der Autor? Verleger-Journalismus? Demnächst ein Job bei BILD oder Welt?
Anders als der Artikel zum Ausdruck bringt, geht es dem Kartellamt nicht nur um Werbe-Kampagnen, sondern um Kampagnen aller Art.
Da kein Politiker, kein Promi sich schämt, seine Ausgüsse in diesem Kloakenblatt inmitten von Voyeurismus, Scheinheiligkeit und schlüpfrigen Werbeanzeigen (Omasex und geile Schlampen) zu verbreiten, im Gegenteil dort gelegentlich Kolummen unterhält, würde eine Ausweitung auf die TV-Medien eine katastrophale Wirkung erzeugen.
Deutschland steht ohnehin politisch, kulturell, finanziell am Abgrund. "Dank" der jahrzehntelangen Medien-Kampagnien (nicht nur von Bild, besonders von ARD und ZDF) ist es reformunfähig, aufgrund von linken Medienkampagnien wurde die ohnehin nur spärlich vorhandene Freiheit des Individuums einer Diktatur der geistig minderbemittelten Masse (im Fachjargon Deomokatie genannt) geopfert.
Ein Verbund Bild/Sat1/Pro7 würde den letzten Schritt in die internationale Bedeutungslosigkeit dieses Landes bedeuten. Schon jetzt werden deutsche Medien wegen ihrer einseitigen, voraussehbaren politischen Kampagnen international nur noch als Witzblättchen betrachtet.
Die Begründungen des Kartellamts sind keineswegs angreifbar, nur dann, wenn sie aus dem Kontext gerissen werden; aber das ist ja medientypisch... und bedarf keines weiteren Kommentars.
Die wirtschaftlichen Argumente der Kartellbehörde werden hier wohl zu recht zerpflückt. Leider kann die Behörde nur so argumentieren, denn den marcktbeherrschenden Einfluß auf das Meinungsbild eines weiten Teils der Bevölkerung kann die Behörde kaum fassen. Jedem, der sich ein wenig mit Politik beschäftigt, wird sehr unwohl bei dem Gedanken, dass dieselben Leute, die heute die Bild machen, evtl. morgen auch Fernsehen machen. Dieses Unwohlsein befällt mich nicht beim Gedanken an den Bertelsmann-Konzern. Wieso wohl?
Sehr geehrter Hamann,
große Konzern bringen bestimmte Zeitungen und Fernsehsender durch Inserate und Werbung in eine wirtschafliche Abhängigkeit. Damit wird die vierte Instanz( die Presse, Privatversehen)auch zur politischen Macht.
Das hat unangenehme Folgen auf die Beeinflussung der Bevölkerung zu politischen Themen.
Medien könen sich zu sogenannten Königsmördern aufdrehen,
wie im Fall Gerhard Schröder.
Das Bundeskartellamt tut mehr als gut daran, die Übernahme durch Springer zu verhindern.
Das Bundeskartellamt geht mir nicht weit genug.
Für mich beginnt ein Monopol wer mehr als 2Zeitungen besitzt, oder mehr als einen Fernsehsender besitzt.
Anderseits müßten diese kleinen Medienunternehmen vor
Übernahmen gesetzlich geschützt werden.
Die Meinungsvielfalt wird durch die sogenannte Oberschicht
immer mehr eingeschränkt und Fusionen und Übernahmen sind da nur störend für eine ernstgemeinte Demokratie.
Also wer zerschlägt den Bertelsmann-Konzern?
Die Kartellgesetze müssen in der Medienbranche
besonders streng geregelt werden.
Lothar Glöckner
Der BILDFaktor ist gegen die Demokratie in Deutschland und Europa gerichtet. Der Springer-Verlag ist an Macht und Einfluß interessiert, nicht an einer funktionierenden Demokratie. Nur so ist auch das Phänomen Merkel, die Kanzlerin von Friede Springers Gnaden, zu verstehen. Warum der Autor diesen Artikel in der Zeit veröffentlichen durfte ist mir nicht klar. Es heißt doch: "Wir prüfen regelmäßig."
Das ärgerliche am Rechtsstaat ist, dass er mitunter auch Dinge gleich behandeln muss, die gar nicht gleich sind. Jedenfalls dann, wenn es für die Behandlung der offensichtlichen Ungleichheit keine gesetzlichen Regelungen gibt.
Jeder halbwegs vernünftige Mensch, der BILD und eine echte Zeitung nebeneinander legt, erkennt den Unterschied sofort. Bild ist einfach schlecht. In fast jeder Beziehung. Sie ist weder objektiv, noch ist sie seriös. Sie ist auch nicht unabhängig. Und anspruchsvoll ist sie gleich gar nicht. Sie appelliert an diejenigen "Instinkte" der Menschen, welche die Gesellschaft sonst die "niederen" zu nennen pflegt. Stimmungsmache, nicht Ausgewogenheit ist ihr Hauptgeschäft. Und zu allem Überfluss rühmt sie sich all dieser "Qualitäten" auch noch öffentlich. Sie ist stolz darauf, aus der Dummheit der Menschen mehr Kapital schlagen zu können, als andere aus ihrem Verstand. Sie gefällt sich darin, ein permanentes Ärgernis für Leute zu sein, die Dummheit hassen und fürchten, weil sie mitunter lebensgefährlich sein kann. Das alles ist nicht verboten. Verboten ist es lediglich, einen 50% Anteil an aller Produktwerbung zu besitzen.
Vermutlich ist es vollkommen gleichgültig, zu welcher Entscheidung das Kartellamt in der Springer-Frage kommt. Der Schaden entsteht nämlich nicht in erster Linie auf irgendwelchen Bankkonten reicher Leute (Springer-Juristen sind schließlich um einiges cleverer, als der durchschnittliche BILD-Leser). Der Schaden entsteht in der sogenannten "Mitte der Gesellschaft". Da, wo die Demokratie eigentlich ihr Zentrum haben sollte: in den Hirnen und Herzen der "Durchschnittsmenschen". Aber für Hirne und Herzen ist das Kartellamt nicht zuständig. Und auch sonst schert sich keiner darum.
So lange es noch Werbekampagnen wie "Du bist Deutschland" in sämtliche Medien schaffen, weil man ja etwas gegen das angeblich unerklärliche, dafür aber um so peinlichere und außerdem kontraproduktive Stimmungstief der Deutschen tun muss, haben wir alle etwas von Springer und seinem Wurstblatt, nicht wahr? Und wenn es nur die Schadenfreude ist, falls sich herausstellt, dass im Grunde schon Hitlers Öffentlichkeitsarbeiter der Meinung waren: "DU BIST BILD und wir wissen das".
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