November-Blues
Harald Martenstein über die dunkelste Zeit des Jahres
Jedes Jahr um diese Zeit bekomme ich die Spätherbstdepression. Sie kommt im November, sie geht kurz vor Weihnachten. Die anderen trinken Glühwein, rufen »hipp, hipp, hurra!« und kaufen Geschenke. An einer schäbigen Glühweinbude der Vorstadt aber, dort, wo Herr Schimmelpilz und Fräulein Dauerregen Vermählung feiern, lehnt ein alter, einsamer Mann, es regnet seit Tagen Adjektive, auf seiner geflickten Brille klebt feuchtes Laub, und in seinem strähnigen Haar lernen Rattenbabys das Klettern. Er denkt: »Winter mag’s werden im Lande. Grau kriechen die Gedanken. Ein Jahr geht hin und kömmet wieder nimmermehr.«
Nun nimmt er einen Schluck aus seinem schadhaften Glühweinbecher und spricht ein Kind an, ein zerlumptes kleines Mädchen, das statt mit einer Puppe mit einer zerbrochenen Bierflasche spielt. Er sagt: »Seit Jahren versuche ich, zwei Aphorismen zu veröffentlichen. Es passt nie. Erster Aphorismus: Was bei einem Bauarbeiter die Muckis sind, das ist bei einem Autor das Ego. Zweiter Aphorismus: Zwei Menschen, die versuchen, eine gemeinsame Linie zu finden, sollten nicht beide Kokser sein.« Das Mädchen weint stumm in seine Bierflasche.
Der alte Mann sagt: »Eine Kolumnen-Auswahl sollte als Buch herauskommen, damals. Den Klappentext hätte ich selber schreiben können. Aber das Gefühl, ich könnte parteiisch sein, lässt mich beim Selbstlob nie ganz los. Der Verleger schrieb also den Text, unter anderem: ›Mit der nicht geringen Lebenserfahrung eines geschulten Beobachters erklärt der tapfere Endverbraucher Martenstein, was wir von all den Konfusionen, die uns Tag für Tag begegnen, zu halten haben.‹ Im Laufe der Jahre hat sich mein ursprünglich neutrales Verhältnis zu diesem Satz, den ein freundlicher Mann mit den besten Absichten niederschrieb, zugespitzt. Fast täglich denke ich: Ich bin doch gar kein ›geschulter Beobachter‹. Ich bin als Beobachter Autodidakt. Meine Lebenserfahrung ist gering, eine ›nicht geringe Lebenserfahrung‹ würde ich Fidel Castro bescheinigen oder Mick Jagger. ›Tapfer‹ bin ich von allen Eigenschaften am allerwenigsten, ›konfliktscheu‹ trifft’s besser. Ich ›erkläre‹ auch nichts. Ich weiß gar nicht, wie erklären geht.«
Der Adjektivregen wird dichter. Das zerlumpte Mädchen legt eine abgegriffene Münze auf den klebrigen Tresen der heruntergekommenen Bude, nimmt eine neue Bierflasche in seine winzigen Hände und blickt auf. In diesem Moment erkennt der Alte, dass es sich gar nicht um ein Mädchen handelt, sondern um den Zwerg aus dem Film Wenn die Gondeln Trauer tragen. Der alte Mann sagt: »Ohne nennenswerte Lebenserfahrung und mit ungeschulter Beobachtungsgabe kann der konfliktscheue Endverbraucher Martenstein natürlich nicht erklären, was wir von den Konfusionen, die uns Tag für Tag begegnen, zu halten haben. So hätte der Satz heißen müssen.« Der Zwerg sagt: »Weihnachten geht’s uns allen wieder besser.« Dann stoßen wir an.
- Datum 24.11.2005 - 13:00 Uhr
- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
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