Das »Übliche«. Dieses Stichwort verdanke ich einer Kollegin. Wir hatten uns ein paar Monate nicht gesehen, als ich sie eines Tages per Mail zum Abendessen einlud. Sie komme gern, und wenn es recht sei, so wolle sie eine Freundin mitbringen, die an ähnlichen wissenschaftlichen Fragen arbeite wie mein Mann. Mein Mann, mailte ich zurück, werde am Abendessen nicht teilnehmen, »wir haben uns getrennt«. – »Das Übliche?«, so ihre lakonische Reaktion. »Ja, das Übliche«, schrieb ich.

»Setz dich mal hin«, sagt die Freundin ein paar Tage später am Telefon, »ich will dir was vorlesen.« Es ist ein längerer Ausschnitt aus der Autobiografie von Madeleine Albright. Die ehemalige Außenministerin der Vereinigten Staaten berichtet von einem schwarzen Tag in der Geschichte der Stadt Washington, an dem eine U-Bahn verunglückte und ein Flugzeug kurz nach dem Start abstürzte. Dieser schwarze Tag im Jahr 1982 habe in ihrem Leben bereits ein paar Stunden zuvor begonnen: Ihr Mann teilte ihr beim Frühstück mit, dass er mit ihr zu reden habe. Worum es ging, konnte sie schon am gepackten Koffer sehen, mit dem er zu dieser frühen Morgenstunde die Treppe heruntergekommen war. Er wolle ein neues Leben beginnen, erklärt der Gatte, und sich mit einer jungen Frau im Südwesten der Vereinigten Staaten ansiedeln. Den »Prinzgemahl« an ihrer Seite zu spielen – damit sei es nun endlich und endgültig vorbei. Doch damit war Albrights Geschichte noch nicht zu Ende. Ein paar Monate später taucht der Mann wieder auf, mit dem bekannten Koffer in der Hand. An diesem Tag werde der Pulitzer-Preis vergeben, sagte er ihr – falls er den erhalte, wolle er zu ihr zurückkehren. »Er hat den Preis natürlich nicht bekommen«, schreibt Albright.

»Du siehst«, so schließt die Freundin, »wir sind in allerbester Gesellschaft.«

Es ist immer dieselbe Geschichte: Die Männer sind zwischen Ende 40 und Anfang 60. Nie verlassen sie uns ohne eine andere Frau im Hintergrund. Die Damen, zu denen sie fliehen, sind 15 bis 20 Jahre jünger als wir – und stehen schon allein deshalb noch am Anfang möglicher Karrieren. Meine Geschichte mit Hans – so wollen wir ihn in Erinnerung an die Männer in Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht nennen –, meine Geschichte mit Hans ist natürlich ganz anders. Zumindest aus der Sicht von Hans. Keiner der involvierten Herren scheint in der Lage zu sein, den trivialen Zuschnitt des Geschehens zu erkennen. Dabei ergibt sich bei allen individuellen Unterschieden immer dieses Muster.

Hans ist ein Mann, der mit einer Frau zusammenlebte, die beruflich etwas erreicht hat; sogar mit einer Frau, die – in den Augen der Welt – irgendwann an ihm vorbeizog. Jahrelang lebte das Paar in der Illusion, dass der Blick der Außenwelt ihnen beiden nichts anhaben könnte. Und doch gehört zur Geschichte von Hans, dass er sich genau dann von seiner langjährigen Gefährtin trennt, wenn diese auf der Karriereleiter eine Sprosse höher steigt. Wobei es gleichgültig ist, ob Hans bereits auf dieser Sprosse sitzt oder nicht.

Vor allem in akademischen Kreisen sind die Geschichten von Hans inzwischen Legion. Noch vor zehn oder zwanzig Jahren waren die verlassenen Frauen Lehrerinnen oder Krankenschwestern, die den Gatten in den harten Jahren des beruflichen Aufstiegs ernährt und die Kinder großgezogen hatten. Der Mann verließ sie dann irgendwann und tat sich mit der klügsten Assistentin, Aspirantin, Doktorandin zusammen. Dieses Muster gibt es immer noch. Doch daneben hat sich ein neues etabliert. Heute gibt es sogar in unserem Land ein paar Frauen, die in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Karriere gemacht haben.

Da die Etappen einer akademischen Karriere besonders streng festgelegt sind, zeigt sich hier das Muster am deutlichsten. Irgendwann schaffte sie die Habilitation, während er einfach nicht fertig wurde. Irgendwann bekam sie den Lehrstuhl, während das bei ihm nicht klappte. Irgendwann taten sich für sie neue Möglichkeiten auf, während er stecken blieb. Irgendwann schaffte sie einen Schritt, der ihm vorbehalten bleiben sollte. Fast wie ein Naturgesetz stellt sich dann die junge Frau ein, die dem angeschlagenen und in seinem Selbstbewusstsein so sehr gekränkten Mann die gehörige Bewunderung entgegenbringt. Hals über Kopf verlässt er uns und tut sich mit einer Frau zusammen, die zu ihm aufblickt. Endlich ist er wieder richtig Mann.