iran Unser peinlicher PräsidentSeite 3/3
Das Problem ist nur: Der Mann geht nicht mehr einfach zurück ins Glied. Der Mann hat eine Mission. Der ist beseelt. Schon schließt man in Teheran Wetten ab, wann das Regime den neuen Präsidenten bei einem Attentat zum Märtyrer adelt. Hat es angeblich alles bereits gegeben. Anfang der achtziger Jahre gab es schon einmal so einen Radikalen als Präsidenten. Lange hat er nicht überlebt. Zu viel Ideologie kann sich die Islamische Republik nicht leisten – und schon gar nicht einen Politiker, der an all das glaubt, was das Staatsfernsehen predigt.
Wenn Oppositionelle verhaftet, Bücher verboten oder Zeitungen geschlossen werden, das geht, das kann man dem Präsidenten zubilligen, danach kräht im Ausland kein Hahn, ist ja seit seinem Amtsantritt hundertfach geschehen, ohne dass sich die westlichen Medien empört hätten. Selbst die Steinigungen kann man wieder einführen und Handabhacken und Ähnliches, ist alles im grünen Bereich. Kann notfalls unter dem Label »Dialog mit dem Islam« laufen, Gesprächsrunde »Verständnis für andere Werte«. Aber man kann doch nicht einfach mal so nebenbei sagen, Israel wolle man selbstverständlich vernichten. Jedes Kind in Iran weiß, was das bedeutet.
Auch der Revolutionsführer kennt die Folgen: Iran wird noch mehr isoliert, die Aktienkurse fallen noch tiefer in den Keller, die Arbeitslosenquote steigt noch höher, es wird für Iraner noch schwieriger, ein Visum fürs Ausland zu ergattern. Dem neuen Präsidenten ist das egal. Auf die Wirtschaftskrise angesprochen, sagte er vor kurzem, er sei nicht da, um Arbeitsplätze zu schaffen, sondern dafür zu sorgen, dass der Mahdi bald wiederkehrt. Der Mahdi ist der vor elfhundert Jahren entschwundene zwölfte Imam der Schiiten, der am Ende der Zeit als Messias wiederkehren soll, um die Welt zu erretten und die ewige Gerechtigkeit auf Erden herzustellen.
Das sind die Dimensionen, in denen der neue Präsident denkt: Ewigkeit. Amen. Er scheint nur in all seiner religiösen Ignoranz überlesen zu haben, wie die Welt beschaffen sein muss, damit der zwölfte Imam wiederkehrt. Wie in den messianischen Vorstellungen des orthodoxen Judentums und Christentums errichtet auch der zwölfte Imam der Schiiten erst dann das Paradies auf Erden, wenn sie eine Hölle geworden ist. Wer dem zwölften Imam den Weg bereitet, muss das Leben also zur Hölle machen. Der neue Präsident weiß gar nicht, wie weit er schon vorangekommen ist. Mahdi, bitte bereithalten zur Übernahme.
Navid Kermani, 1967 als Iraner in Deutschland geboren, lebt als Schriftsteller in Köln. Vor kurzem erschien von ihm im C. H. Beck Verlag »Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte«
- Datum 24.11.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
- Kommentare 32
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Ja, es tut mir leid, solche Vergleiche sind auch peinlich, dennoch: Verehrter Herr Kermani, Ihre Argumentation kommt mir, in großen und wichtigen Teilen, bekannt vor. Arbeitslose, zum Applaus gezwungen, Manipulation der Medien, auf Parteitage hingekarrt, Brot und Spiele usw. Ich habe es von der Vätergeneration gehört, die damit auch vieles erklären wollten. An die vielfach zitierte "unschuldige Zivilbevölkerung" oder auch nur "die getäuschten Massen" mag glauben wer will oder wer ein Interesse daran hat, dies so darzustellen. Für die Skepsis werde ich mich nicht entschuldigen.
Irgend was stimmt da nicht! In meiner Kindheit wurde ich christlich wie die meisten hier in Europa erzogen. Aus dieser Zeit habe ich in Erinnerung, daß das Paradies irgendwann in grauer Vorzeit gewesen ist, und aus dem wurden damals unsere Ureltern Adam und Eva vertrieben. Mir und vielen anderen wurde in dieser christlichen Erziehung nicht vermittelt, daß das Paradies wiederkehrt! Man kann höchstens in den Himmel kommen, wenn auch meistens nach Durchschreiten des sog. Fegefeuers. Mir geht es bei der ganzen Sache nicht um religiöses Fachwissen, sondern um das, was die meisten vermittelt bekamen und als Erinnerung an ihren Glauben zurückblieb. Also meiner Meinung nach muß man als Christ nicht zuerst durch die Hölle, um in das Paradies zu gelangen, denn das Paradies ist schon vorbei, lange schon, die ganze Unschuld und so.
Zu Schorsch 1:
Auch in der christlichen Religion gibt es natürlich eine Hölle auf Erden. Sie ist quasi der zu überquerende Vorhof zum Paradies. Besagte Vorstellung des Paradieses im Allgemeinen ist übrigens persischen Ursprungs( weit vor der Islamisierung) und besagt viel über die Kraft und Ausstrahlung der persischen Kultur auf alle Weltreligionen. Im Christentum wird die Hölle auf Erden durch das Erscheinen der apokalyptischen Reiter eingeläutet. Dem folgt das Armageddon. Die Auslöschung der materiellen Welt durch den Antichristen. Wenn allerdings alles gut geht folgt der Katastrophe das Gottesreich, durch die Wiederauferstehung Jesus Christus. Ist alles eigentlich nicht von Belang. Nur der Vollständigkeit halber sei dieses erwähnt, um der korrekten Darstellung des Autors Rechnung zu tragen. Im Übrigen: toller Artikel. Weiß gar nicht was an der Art und Weise des Ausdrucks auszusetzen wäre. Steht doch fett drüber: Polemik
Gruß Merescha
Die Beschreibung des iranischen Prasidenten erinnert sehr an einen gewissen Adolf Hitler, dessen Charakter bisweilen von ernstzunehmenden Beobachtern fast identisch beschrieben wurde (abgesehen von der körperlichen Unreinheit): voller Sendungsbewußtsein, aber im Grunde primitiv und grausam. Nur wollte seinerzeit niemand diese Boebachtungen zur Kenntnis nehmen.
Im Jahr 1988 fuhr ich über Land von Pakistan in den Iran. Meine deutlichste Erinnerung an die Grenze auf der iranischen Seite ist eine große Mauer, auf der in übermannshohen Lettern geschrieben stand:
"Hygiene directly leads to a man's personality"
Fraglich, ob dieser Satz dort heute noch steht.
om mani padme hum
Als das Wahlergebnis bekannt wurde war meine erste Reaktion, jeder bekommt das was er wählt das ist im Iran so UND auch in Deutschland. Deutschland hat den Vorteil, ein hässliches Ergebnis leichter korrigieren zu können aber WILL der Iran überhaupt korrigieren. Ich fürchte nein. Die miserable Politik von Amerika und Israel vor allem haben diese infernalische Entwicklung ins Mittelalter zu verantworten. Leider muß die ganze Welt wieder darunter leiden und bluten. Der Irak läßt herzlich grüßen!
danke, für diesen schönen, traurigen und dennoch hoffnungsvollen artikel.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren