Wahnsinnige Gewinne
Eine neue Generation von Unternehmern spielt mit dem sozialen Frieden. Eine Polemik
Ist Anstand eine ökonomische Tugend? Nein, sagt der Ökonom. Und da nun diese Gesellschaft sich der Logik des ökonomischen Denkens unterworfen hat, herrscht, vom Aufschrei der Betroffenen abgesehen, eine erstaunliche Ruhe, wenn der Chef des Unternehmens X oder des Konzerns Y der Öffentlichkeit mit stolzgeschwellter Brust verkündet, man habe einen sensationellen Gewinn erzielt, und im gleichen Atemzug ebenso stolzgeschwellt wissen lässt, man werde Tausende von Mitarbeitern entlassen. Die sich häufenden Siegesmeldungen der Bosse bedeuten, wie jeder wissen kann, die Niederlage zahlloser beruflicher Biografien. Wenn ein Unternehmen Verluste macht, lautet die Antwort: Entlassungen. Wenn ein Unternehmen Gewinn erzielt, lautet die Antwort neuerdings erst recht: Entlassungen.
Wie soll man das nennen, wenn nicht Wahnsinn? Dessen Methode besteht darin, den Gewinn um jeden Preis zu steigern, und sie ist insofern vernünftig, als sie ökonomisch ist. Der Gewinn dient der Befriedigung der Aktionäre und der finanziellen Bevorratung für schwierige Zeiten. Die Reduzierung der Belegschaft dient der Steigerung der Produktivität. Dies sei, so sagt der Ökonom, angesichts des wachsenden globalen Konkurrenzdrucks zwingend geboten. Und wir, die Nichtökonomen, nehmen diese Weisheit zur Kenntnis, je nach Interessenlage beflissen oder beklommen.
Es ist an der Zeit, von Anstand zu reden. Der Chef eines Unternehmens trägt für jene, die von ihm abhängen, Verantwortung. Seine Aufgabe besteht nicht allein darin, Effizienz und Kurswert zu steigern und im Falle des Erfolgs die Prämie zu kassieren, im Falle des Misserfolgs die Abfindung. Er hat ebenso die Aufgabe, das Schicksal der ihm Anbefohlenen zu bedenken und das Gemeinwohl im Auge zu behalten. Anständig ist es, für den erzielten Gewinn jenen zu danken, die ihn erarbeitet haben, sie daran teilhaben zu lassen und ihn in neue Arbeitsplätze zu investieren. Unanständig ist es, die Verkündung des Gewinns mit der Androhung weiterer Grausamkeiten zu verknüpfen.
Selbst wenn Anstand keine ökonomische Tugend sein mag, so ist er doch die Tugend, auf der unser aller Zusammenleben beruht. Sie wächst nicht von selbst nach. Sie bedarf des gelebten Vorbilds durch die Elite, gerade der ökonomischen. Die aber hat sich dramatisch verändert. Der Zigarren schmauchende Unternehmerpatriarch, den die politische Satire zu verspotten pflegte, hatte immerhin das Eigeninteresse, in der Stadt, zu deren Honoratioren er sich zählte, geachtet und vielleicht sogar geliebt zu sein. Massenentlassungen ohne Not hätte er gescheut. Er gab sich gern philanthropisch, und nicht selten war er’s auch.
Diesen Unternehmer, man darf es nicht vergessen, gibt es noch, auch wenn er Zigarren kaum mehr raucht. Geliebt wird er selten, geachtet schon. Inzwischen aber sind wir Nichtökonomen – ernüchtert durch das haarsträubende Gebaren gewisser Wirtschaftslenker – durchaus so weit, die Wiederkehr des alten Patriarchen zu ersehnen.
Der neue Typus nämlich, den der amerikanische Soziologe Christopher Lasch in seinem Buch Die blinde Elite beschrieben hat, ist bedenkenlos fixiert aufs ökonomische Kalkül. Gestählt in den Ausbildungslagern der Business Schools, ist er ein Ministrant des Kapitals. Von Grund auf heimatlos, fühlt er sich in der weiten Welt zu Hause, in den klimatisierten Arealen der Abflughallen, Hotelzimmer und Vorstandsetagen, und wo immer er sich befindet, agiert er weltumspannend. Anständigkeit mag er im privaten Umgang für erstrebenswert halten, im Job ist sie ihm keine handlungsleitende Tugend mehr. Er arbeitet im zeitlich und sachlich begrenzten Auftrag, den er auf Gedeih und Verderb erfüllen muss. Ein Verantwortungsgefühl für die Kommunität einer Stadt, einer Region, eines Landes wird er nicht empfinden, es kann erst gar nicht entstehen.
»Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« So lautet Artikel 14 des Grundgesetzes. Das ist kein Gebot, für dessen Einhaltung Polizisten sorgen könnten. Dass es Beachtung findet, ist die Sache aller, zuvörderst der Elite. Es schadet dem Gemeinwohl, wenn Unternehmer ausschließlich das Partikularinteresse der Eigner verfolgen und die Rationalisierungskosten einem Staat aufladen, der zusehends verarmt. Noch hält das soziale Netz, aber die Maschen sind größer, die Fäden dünner geworden.
Es müsste aber auch ein ökonomisches Kalkül sein, die Folgen in Rechnung zu ziehen, die es haben wird, wenn sich das ökonomische Kalkül absolut setzt. Man muss nicht brennende Vorstädte abwarten, um endlich zu erkennen, dass erfolgreiches Wirtschaften eine gedeihliche Gesellschaft benötigt. Schon jetzt sind die Anzeichen psychischer und sozialer Verwahrlosung erschreckend sichtbar, und es wäre, wenn die Entwicklung anhält, auf Dauer sinnlos, sich in eingezäunten Bezirken zu verschanzen.
Wir leben nicht mehr in Zeiten, da das Wünschen noch geholfen hat, und es wäre ebenfalls blind, den Sieg des Partikularinteresses über das Gemeinwohl lediglich ein paar allzu sichtbaren Vorstandsvorsitzenden zuzuschreiben. Auch sie sind Räder im Getriebe. Motor des Getriebes ist die vorherrschende Mentalität ichsüchtiger Vorteilsmehrung, die nicht wissen will, auf wessen Kosten sie Vorteile sammelt. Nicht selten auf eigene. Jeder Schnäppchenjäger, der den Laden an der Ecke verkommen lässt, weil der Großmarkt billiger ist, jeder Bankkunde, der sich aus Kostengründen die Dienste der Angestellten spart, kann, wenn er ein bisschen nachdenkt, begreifen, dass er Arbeitsplätze vernichtet, am Ende gar seinen eigenen. Geiz ist nicht geil, sondern schäbig und schädlich.
Auch Konsumenten haben Macht. Sie haben die Möglichkeit, jene Unternehmen, die Anstand vermissen lassen, durch Enthaltung zu strafen. Und wer am Jahresende zufrieden auf die gestiegene Gewinnbeteiligung seiner Lebensversicherung oder auf das Wachstum seines Investmentfonds blickt, der sollte sich vor Augen halten, dass dieses Plus anderswo ein Minus verursacht hat. Paradox gesprochen: Die allgemeine Ökonomisierung des Denkens geht nicht weit genug. Das wahre ökonomische Denken müsste die eigenen Kosten ebenso in Rechnung stellen wie die gesellschaftlichen, es müsste vom Augenblicksvorteil die nachwirkenden Verluste abziehen. So gesehen, ist das Gemeinwohl – und mithin der Anstand – eben doch eine ökonomische Tugend.
Von dieser idealen Volkswirtschaft sind wir weit entfernt. Wie sie praktisch aussehen könnte, ist einstweilen gänzlich unklar. Aber wir dürfen nicht warten, bis die Verhältnisse einen neuen Marx oder Bakunin zwangsläufig erzeugen. Wir sollten es dem Allzweckargument »Globalisierung« nicht länger gestatten, uns in eine intellektuelle Resignation zu treiben. Die soziale Marktwirtschaft war der letzte funktionierende Gesellschaftsvertrag. Er hat lange gehalten und die Gesellschaft befriedet. Nun ist er am Ende, und wir müssen die Debatte über einen neuen Gesellschaftsvertrag beginnen, bevor der Friede zerbricht. Je offener, streitlustiger sie geführt wird, je mehr an ihr teilnehmen, umso besser für uns alle.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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Dem Text ist kaum mehr was hinzuzufügen - vielleicht zwei Anmerkungen noch:
1. Anstand als moralische Forderung ist in der Tat ein sehr schwaches Motivationsmoment für Manager, die von einem Quartalsbericht zum nächsten leben - und überleben müssen. Das auf die lange Sicht ein "anständiges" Unternehmen die besseren Überlebenschancen hat, interessiert einen Manager auf dem Weg nach oben herzlich wenig. Zwei oder drei Jahre später ist er oder sie ja sowieso schon nicht mehr im Unternehmen - bekommt also die Folgen seines kostensparenden Personalabbaus nicht mehr zu spüren. Wie können Manager langfristig für ihre Entscheidungen verantwortlich gemacht werden?
2. "Das wahre ökonomische Denken müsste die eigenen Kosten ebenso in Rechnung stellen wie die gesellschaftlichen, es müsste vom Augenblicksvorteil die nachwirkenden Verluste abziehen." schreiben Sie. Von hier aus ist es nicht mehr weit zu der Erkenntnis, dass nicht das immer wieder geforderte Wachstum der Weisheit letzter Schluss sein kann. Was soll Wachstum in einem endlichen System sein, wenn man von den Augenblicksvorteilen die nachwirkenden Verluste abzieht? Müssen wir Wachstum nicht völlig neu definieren - als qualitatives Wachstum, als Weg zu einer Welt, die wir uns wünschen? Der wirtschaftliche Leitstern kann nur Nachhaltigkeit heißen. Wir müssen zunächst einmal sicher stellen, dass wir mit unserem Wirtschaften nicht mehr zerstören, als wir aufbauen. Wachstum kann dann nur heißen, immer besser zu werden in diesem nachhaltigen Wirtschaften und damit auch unserem Ziel einer gerechteren Welt immer näher zu kommen.
Danke für diesen mutigen Artikel!
raezz
Die Demokratie lebt vom gesunden Mittelstand. Je mehr die Unmoral der Unternehmer zunimmt, um so mehr nimmt der noch von Moral getragene bürgerliche Mittelstand ab. Die Folgen sind verheerend. Ich werde vermutlich mit meinen 84 Jahren die allgemneinen Straßenschlachen nicht mehr erleben, wie ich sie als Kind noch aus den Jahren 1930/1931 vor unerem Hause erlebt habe.
Aber wie soll ich wissen, welche Firmenchefs in der im Artikel angesprochenen Weise ihren Betrieb führen? Sofort würde ich mich im Einkauf danach richten, auch wenn es nur ein winziges Mittelchen ist. Kater
Ein neues Gütesigel "Made in Germany" könnte Abhilfe schaffen. Gesetzlich müßte geregelt werden, dass alle verarbeiteten Einzelteile - bis zur kleinsten Schraube - in Deutschland produziert worden sein müßen, damit das Produkt im Regal dieses "Gütesigel" tragen darf. Der Konsument könnte dann gleich im Laden sehen, ob er asiatische oder osteuropäische Arbeitsplätze finanziert und ob sein Geiz gerade wirklich geil ist.
Für alle übrigen Produkte könnte "Zutaten"-Liste verordnet werden: Chip aus Thailand, Elektromotor aus China, Display aus China, Akku aus Japan, Schrauben aus Pakistan, ...
Wichtig ist daneben aber auch, die Globalisierung nicht als "Gewinnmaximierungsstrategie" zu verstehen, sondern als "Wohlstands-Ausgleich": Die Arbeiter in der chinesischen Chip-Fabrik erarbeiten nicht ihren eigenen Wohlstand, sondern unseren ("Geiz ist Geil") und den ihrer Nachfahren [wie die Arbeiter des Zeitalters der Industrialisierung hierzulande, die auch nicht viel vom Leben hatten, und deren erbe wir so gesehen gerade "verbraten"]. Die Frage die sich dabei stellen muß lautet: geht es dem Arbeitslosen hierzulande wirklich so schlecht im Vergleich mit dem chinesischen Industriearbeiter?
Wer macht denn "unseren" Arbeitslosen das Leben schwer und warum? Der chinesische Vorstandsvositzende doch wohl kaum.
Wer sich den 3. DVD-Player und das 5. Handy einreden läßt und sich minderwertig fühlt, weil er keinen großen BMW fährt hat eigentlich selbst schuld.
Weniger Fernsehen, mehr Selbstachtung.
Wenn es an der Zeit ist, von Anstand zu reden, dann auch für die Arbeitslosen, sich selbst gegenüber.
Warum wird das Verhältnis Unternehmen - Mitarbeiter immer nur betrachtet, wenn es um Entlassungen geht? Das Verhältnis beginnt bei der Einstellung.
Warum wird der Unternehmer nicht genauso dafür gelobt, dass er Mitarbeiter einstellt, wie er dafür gesteinigt wird, wenn er jemenden entlässt ??
"Schicksal der Anbefohlenen.." ? Lachhaft! Keiner wird gezwungen, bei einem Unternehmen anzuheuern. Es ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen!
"Für den erzielten Gewinn jenen zu danken, die ihn erarbeitet haben.. " Lächerlich. Der Mitarbeiter erhält den vereinbarten Lohn. Das ist die Gegenleistung für seine Arbeit.
da bin ich gern und sofort dabei. Wie wäre es mit einer neuen NGO, die sich von ATTAC auch dadurch unterscheidet, dass sie - ähnlich Greenpeace - öffentlichkeitswirksame Aktionen durchführt. Seit ca. 15 Jahren ist wirtschaftliche Ethik und Globalisierung eines der Themen, die ich jungen Leuten (und auch einigen Älteren) versucht habe nahezubringen. Die Jungen fingen nämlich damals bereits in den Berufsschulen an, in Projektgruppen die Geldvermehrung durch Aktien-Investitionen zu lernen und waren begeistert. Viele davon haben dann in den Folgejahren auch richtig viel Geld damit verdient. Einige von ihnen sind dann die Opfer ihrer Unterstützung für solche Unternehmen geworden, indem sie heute bedauernswerterweise zu dem Heer der Hartz-IV Empfänger gehören. Die meisten meiner damaligen Azubis allerdings haben das Spiel verstanden und sind sowohl aufgestiegen in Management-Positionen als auch vermögend geworden. Soziale Bindungen haben sie oft wenig, glücklich kann man sie auch nicht nennen, aber sie halten sich für erfolgreich. Eigentlich traurige Beispiele. Aber nicht untypisch.
Also, wie stellt man etwas Tragendes auf die Beine, das die Menschen wahrnehmen und ihnen eine Möglichkeit bietet sich einzubringen und Veränderung aktiv und ohne Angst mitzugestalten. Ich fände es toll, wenn DIE ZEIT oder Herr Greiner hierbei als Koordinator fungieren würde. Ich höre ... und freue mich auf Reaktionen und Aktionen. Viele Grüsse Madeva
Fakt ist, Deutschland ist ein Hochlohnland!
Fakt ist, um konkurrenzfähig zu sein müssen die Kosten runter!
Fakt ist, Mitarbeiter werden entlassen um Kosten zu sparen!
Wovon aber keiner spricht ist, dass die Löhne in Deutschland so hoch sind, da auch die Lebenshaltungskosten in Deutschland hoch (teilweise sehr hoch)sind.
Eine Phantasie:
Alle Kosten die einem Arbeitnehmer entstehen könnten werden halbiert. Dann ist es dem Arbeitnehmer möglich seine Arbeitsleistung zum halben Preis, sprich zum halben Gehalt / Lohn anzubieten.
Man muss zugeben, dass das nicht nur den Unternehmer betrifft sondern natürlich auch Vermieter usw.
Aber schreiten wir in meiner Phantasie mal fort und unterbreiten dem Unternehmer ein Angebot.
Das Angebot an den Unternehmer:
Senkung der Produktpreise für die Endverbraucher um 50%, gleichzeitig ein 50% Lohnverzicht der Arbeitnehmer !
Würde er das tun?
Meiner Meinung nach Nein!
Er würde die Preise auf gleichem Niveau belassen und durch die Ersparnis seine Gewinnmarge drastisch erhöhen.
Außerdem hat er trotz extrem gesunkener Lohnkosten immer noch das Druckmittel der Produktionsverlagerung ins Ausland. Irgendwo auf dieser Welt wird es wahrscheinlich immer noch Personen geben die ihre Arbeitsleistung billiger anbieten als ein Arbeitnehmer in Deutschland. Dieses Spiel wird solange funktionieren bis auf der ganzen Welt das gleiche Lohnniveau herrscht. Die vermeintlich reichen Industrieländer und ihre Bevölkerung werden ärmer, die armen Länder inkl. Bevölkerung werden reicher. Man wird sich irgendwann in der Mitte treffen.
Danke vielmals für diesen Artikel! Ich habe ihn soeben begeistert gelesen. Dass der Verfasser quasi vorbeugend von einer "Polemik" spricht, ist durchaus nachvollziehbar ;-) Doch ist eine solche nicht vonnöten, um zu derartigen Themata eindeutig Stellung beziehen? Dass ein Zeit-Redakteur diesen Schritt nun unternommen hat, begrüße ich herzlichst. Denn wenn schon eine renommierte Wochenzeitung tiefgreifende Wandlungen in der ökonomischen Struktur unseres Landes fordert, sollte allmählich auch bei der neuen Regierung die Erkenntnis eintreffen, dass mit "kleinen Schritten" hierzulande nichts getan ist! Weg mit den Heuschrecken! *mitderfaustaufdentischklopf*
Der Beitrag ist gut. An einigen Stellen könnte noch schärfer formuliert werden. Leider kommt der Artikel mindestens 5 Jahre zu spät.
Ludger Spellerberg
Wuppertal
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