reform Geld gibt es genug

Ärztestreik, Koalitionsgerangel – Union und SPD verpassen in der Gesundheitspolitik eine Chance

In Berlin streiken die Krankenhausärzte, sie protestieren gegen schlechte Bezahlung und lange Arbeitszeiten, ähnliche Proteste in anderen Städten sollen folgen. Gleichzeitig schwelt innerhalb der gerade erst vereidigten neuen Regierung der erste Streit – und das ausgerechnet über die Gesundheitspolitik. Ein Zufall – oder hat beides doch miteinander zu tun?

Auf den ersten Blick geht es um völlig unterschiedliche Dinge. Der Groll der Mediziner ist zumindest teilweise verständlich. Der geforderte Lohnaufschlag von 30 Prozent ist vermessen, die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen ist es nicht. Schon im Jahr 2000 und dann noch einmal 2003 haben Urteile des Europäischen Gerichtshofes den Klinikmedizinern Recht gegeben – doch die Bundesregierung erklärte die Umsetzung des Urteils erst ab 2007 zur Pflicht. Das ist eine Zumutung für Mediziner und Patienten.

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Gleichzeitig rangeln die Gesundheitspolitiker von Union und SPD um die Auslegung des Koalitionsvertrages. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat die Vereinbarungen zur Neuordnung der Ärztehonorare großzügig interpretiert. Nun fürchtet der Koalitionspartner, sie wolle die Einführung der für die Union inakzeptablen Bürgerversicherung durch die Hintertür.

Beide Vorgänge gemeinsam lehren zweierlei. Erstens: Wenn SPD und Union sich noch lange mit ihren ideologischen Reibereien über die richtige Finanzierung des Gesundheitswesens gegenseitig provozieren und blockieren, schaden sie dem Gemeinwohl. Jenseits der Grundsatzdebatte um Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie sind – siehe Klinikärzte – unzählige Einzelprobleme zu lösen. Dabei drängt die Zeit. Der Grundsatzstreit ist, das nur nebenbei, ohnehin nicht mehr aktuell: Die Gesundheitsprämie der Union kann es gar nicht mehr geben. Dafür fehlt das Geld, die benötigte Mehrwertsteuer ist schließlich längst anderweitig verplant.

Zweitens zeigt der Streit der Klinikärzte einmal mehr, wo die Probleme des deutschen Gesundheitswesens liegen. Weder Ärzteschaft noch Kliniken haben grundsätzlich zu wenig Geld. Doch die Mittel kommen nicht an den richtigen Stellen an. Die Einkommensunterschiede innerhalb der Ärzteschaft sind riesig, und sie hängen nicht in erster Linie von der Leis-tung der Betroffenen ab. Hausärzte sollten mehr verdienen, bei den Fachärzten sollte die Honorierung stärker an Qualitätsstandards gekoppelt werden. Und in den Kliniken herrschen gleichzeitig Mangel und Verschwendung, auch wenn die meisten Krankenhäuser momentan viel unternehmen, um effizienter zu wirtschaften.

Dem deutschen Gesundheitswesen fehlt es nicht an Geld, aber das Geld ist häufig nicht dort, wo es gebraucht wird. Schuld daran ist, dass im Gesundheitssystem viel zu oft das Interesse von gut organisierten Einzelgruppen dominiert. Mehr als alle Vorgängerregierungen hätte die Große Koalition die Chance, sich dem zu widersetzen. Für die Regierung Merkel kommt es nicht mehr auf jede Einzelstimme an. Dafür müssten sich die Regierungsparteien allerdings mehr an den Lobbyisten und weniger aneinander reiben. Elisabeth Niejahr

 
Leser-Kommentare
  1. Warum ist die Forderung um 30% Lohnerhöhung vermessen? Das Gehalt von Assitenzärzten in Deutschland ist zwischen 1998 und 2003 um 7,5% gefallen- und davor seit Ende der 70er Jahre nicht mehr wesentlich gestiegen. Mir ist keine andere Berufsgruppe bekannt der ähnlich übel mitgespielt wurde.

    • tomkat
    • 30.11.2005 um 17:08 Uhr

    Die Firma Siemens hat vor kurzem einen neuen Computertomographen (CT) vorgestellt (http://www.siemens.de/ind...)
    Das Gerät, das bestimmt einigen Menschen das Leben retten wird, hat Millionen Euro in der Entwicklung gekostet und Siemens wird es bestimmt nicht verschenken. (Sonst müssten sie zur Senkung der Kosten alle Mitarbeiter kündigen und auf € 1,- Basis wieder einstellen).
    Wenn jetzt ein Krankenhaus in dieses Gerät investiert, MUSS es sich rentieren. Wahrscheinlich werden die Kassen für eine Untersuchung mit diesem Gerät einen kleinen Zuschlag gewährleisten. Trotzdem wird das Krankenhaus überspitzt gesagt jeden Patienten schon bei der Aufnahme durch den CT schicken, damit sich der CT sich amortisiert!
    Dies ist ein übliches Vorgehen auch beim technisch gut ausgestatteten Fach- und Hausarzt.
    Und das treibt die Gesundheitskosten in die Höhe!
    Nicht die Gehälter für die PJs und das andere „niedere“ Personal, die Arbeitszeiten haben, bei denen jeder LKW-Fahrer sofort den Führerschein auf immer los wäre.

  2. ich kann meinem vorredner nur beipflichten. zumal charité-ärzte seit 2004 ohnehin noch einmal zusätzlich gehaltseinbußen von 10-15% hinnehmen müssen. zum teil begründet sich die forderung von +30% außerdem als ein vorabausgleich von unbezahlten überstunden. da die ärzte sich jahrelang alles haben gefallen lassen, kommt es natürlich jetzt zu dieser scheinbar immens hohen zahl.
    also ist dieser ganze streik nichts weiter als eine forderung, dass leistung gerecht entlohnt wird. was ist daran bitte "vermessen"? (es sei denn natürlich, man spart sich als journalistin eine tiefergehende recherche und reduziert diesen ganzen streik auf die "30%")

  3. 4. \N

    Es mag vielleicht zynisch klingen, aber ich wäre froh, wenn ich meinen alten Arbeitsplatz in der Klinik zurück haben könnte, und sei die Arbeit noch so schlecht bezahlt, die Arbeitsbelastung noch so hoch. Die wirtschaftliche Situation vieler niedergelassener Ärzte ist oftmals weitaus dramatischer, leider wird dies (auch von Klinikärzten) kaum erkannt. In guten Monaten bleiben mir als niedergelassener Facharzt für Kinderheilkunde am Ende des Monats ca. EUR 1600,- zum Leben, in schlechten Monaten bleibt oft nichts, ich muß dann meinen Bankberater um eine milde Gabe bitten. Ob ich mich dadurch noch weiter verschulde, ist mittlerweile unerheblich geworden, denn die Tage meiner Praxis sind mittlerweile gezählt.
    Die Vergütung in Deutschland ist heutzutage so grotesk niedrig, daß ich bei manchen Leistungen am Kassenpatienten unter Selbstkostenpreis arbeite. Die Politik fordert von den niedergelassenen Ärzten, daß sie aus "Kacke Bonbon" machen sollen, ein schon seit vielen Jahren untragbarer Zustand, der sich nun in den letzten Monaten dramatisch zugespitzt hat. Bevor ich mich in Deutschland bis ans Ende meiner Tage wirtschaftlich auslösche, gehe ich lieber ins Ausland.

  4. Ich habe mich im September 2005 im Aachener Uniklinikum einer Notoperation unterziehen müssen. An diesem Dienstag streikten die Ärzte, da sie in Stuttgart gegen ihre Arbeitsbedingungen demonstrierten. Trotz der Umstände haben sich alle wahnsinnig bemüht mir zu helfen. In den folgenden Tagen lernte ich den Krankenhausbetrieb etwas kennen und so mußte ich feststellen, dass alle dort schufften bis der Arzt kommt. Das Personal hat nicht einmal gemeckert. Im Gegenteil zu den Patienten. Nach einer Weile Fragte ich die Schwester, ob dieser Service auf Hotelniveau den seien müsste. Vor jedem Bett hängt ein Bildschirm mit allem Schnick-Schnack. Fernsehen, Radio, Teletext. Essen ohne Ende. Habe das alles gar nicht aufessen können. Cafe, Kuchen...das ganze Programm. Fehlte nur noch eine Minibar. Wer jemals in Frankreich, England oder USA im Krankenhaus gelegen hat denkt er ist im falschen Film. Der deutsche Patient ist äußerst verwöhnt und unerträglich. Die Kosten für diese übertriebenen Leistungen könnten ohne weiters auf das Personal umgelegt werden. Das wäre sinnvoll und fair den Menschen gegenüber, die diese verantwortungsvolle Arbeit erledigen sollen. Die Ärzte haben jahrelang(wenn auch auf Staatskosten) studiert, dafür sollen sie auch einen gerechten Lohn erhalten, der über dem Niveau eines Eisverkäufers liegt.

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