hiv Die schlaflose Nacht
Zum Welt-Aids-Tag: Wer die Seuche wirksam bekämpfen will, die Afrika und Asien verheert, muss viel mehr für die Gleichberechtigung der Frauen tun
In diesem Herbst passiert es mir, dass ich nachts plötzlich aufwache. Wenn ich weit vor der Morgendämmerung im Dunkeln die Augen aufschlage, frage ich mich, was mich aus dem Schlaf gerissen hat. Doch ich brauche nicht lange nachzugrübeln. Ich weiß die Antwort. Es ist das Gefühl einer großen Bedrohung, das mich zwingt, zur Oberfläche des Bewusstseins hochzusteigen. Nichts ist abstrakt oder fragmentarisch wie im Traum. Es ist eine bei klarem Verstand erlebte Bedrohung, die mich weckt.
Ich befinde mich auf einem Schlachtfeld und frage mich, wo meine Waffen hingekommen sind.
Der Feind ist unsichtbar.
Ich habe keinen Waffenträger.
Das Schlachtfeld scheint sich die ganze Zeit auszuweiten.
Ich sehe keine Grenzen.
Bedrohung ist auch nicht der ganz korrekte Ausdruck. Ich will eigentlich sagen, dass ich wach werde und Angst habe. Ich gebe gern zu, dass mich manchmal Furcht erfüllt. Menschen, die von sich sagen, sie hätten nie Angst, sind entweder zynisch oder reden wider besseres Wissen.
Ich spreche von Aids. Dass ich nachts wach werde, hat mit meiner Angst davor zu tun, dass die Menschen in der westlichen Welt das Ausmaß der Epidemie, die um den Erdball geht, nicht begreifen. In Gedanken und Reden wird die gefürchtete Krankheit in den Kategorien von »wir« und »sie« behandelt. Aber wenn es um Aids geht, gibt es keine solche Aufteilung. Sie ist ein Betrug gegenüber dem Bewusstsein und gegenüber der Wirklichkeit. Es gibt kein »sie«, es gibt nur ein »wir«. Auch wenn wir im reichen Teil der Welt bis auf weiteres von einer unkontrollierten Epidemie glücklich verschont geblieben sind. Die steigende Anzahl Aids-Infizierter ist noch nicht so außer Kontrolle geraten wie eine Koppel durchgegangener Pferde. Außer in kleineren Enklaven wie gewissen Teilen des von uns so genannten Osteuropas. Aber noch nicht in Westeuropa. Noch nicht.
So sieht die Welt aus, in all ihrer brutalen Nacktheit. Wir im Westen stehen ganz vorn in der Schlange, wenn es um den Zugang zu den neuesten antiviralen Medikamenten geht, die uns im Zusammenwirken mit unserem sowieso schon guten Immunsystem länger leben lassen, selbst wenn wir das HI-Virus in uns tragen sollten. Ich liege im Dunkeln und denke darüber nach, dass wir die Welt jetzt mit Hilfe einer neuen Terminologie aufteilen können. Früher haben wir von Armen und Reichen gesprochen, von Entwickelten und Unterentwickelten. Jetzt können wir von den chronisch Kranken und den tödlich Kranken sprechen. Das ist keine absolute Wahrheit. Doch für die Mehrzahl der HIV-Infizierten in den reichen Enklaven der Welt kann Aids als eine chronische Krankheit gelten, die sich einigermaßen kontrollieren lässt. In armen Ländern kommt der Befund einer HIV-Infektion einem Todesurteil gleich. Nur wenige erhalten einen Aufschub oder die Umwandlung des Urteils zum Status derer, die zufällig im wohlhabenden Teil der Welt geboren wurden.
So sieht die Welt aus in diesem Herbst 2005. Im Dunkeln liege ich mit offenen Augen da und denke zurück. 1985 sah ich einen jungen Mann aus einem überfüllten Bus aussteigen. Es war in Kabompo, hoch oben in der nordwestlichen Ecke von Sambia, an der Grenze zu Angola. Er war jung, sehr mager, er hatte Wundmale im Gesicht und stürzte nach ein paar taumelnden Schritten zu Boden. Familienangehörige, die gekommen waren, um ihn abzuholen, trugen ihn ins Krankenhaus, in dem zwei niederländische Ärzte vergeblich versuchen sollten, ihm zu helfen.
Im Kampf gegen HIV herrschte Arroganz vor, wo Demut gefragt war
Einige Tage später war er tot. Er war der erste Mensch, den ich an Aids hatte sterben sehen, doch wahrlich nicht der letzte. Dies war vor zwanzig Jahren. Es war am Anfang der großen Epidemie.
Ein guter Freund von mir, ein schwedischer Aids-Arzt und brennender Enthusiast, der noch im hohen Alter durch die Welt reist, sich für AidsKranke einsetzt und dafür kämpft, dass so viele wie möglich nicht erkranken, erzählte mir von einem Gespräch, das er im Herbst 1981 beim Abendessen mit seiner Frau geführt hatte. Sie war gerade von einer Konferenz über sexuell übertragbare Infektionen bei der amerikanischen Infektionsschutzbehörde in Atlanta zurückgekommen. In den Pausen hatte sie beim Kaffee und in den Korridoren von einer Reihe eigentümlicher Erkrankungsfälle in den USA reden hören. Es war das erste Mal, dass mein Freund von der später als Aids bekannten Krankheit hörte.
Die ersten Fälle, die nach und nach die Aufmerksamkeit von Forschern, Ärzten und Infektionsschutzbehörden auf sich zogen, traten vorwiegend unter homosexuellen Männern auf. Zunächst bestand große Unsicherheit darüber, was eigentlich vorging. Dass es der Anfang einer der furchtbarsten Seuchen war, die jemals die Menschheit befallen hat, glaubte damals kaum einer. Als das Virus dann identifiziert war und man zu verstehen begann, dass es sich um eine überaus gefährliche Epidemie handelte, die nicht nur Homosexuelle betraf, sondern alle Menschen mit einem aktiven Sexualleben in Gefahr brachte, Fixer wie Bluter, und die sogar beim Stillen von der Mutter auf das Kind übertragen werden konnte, gab es dennoch kaum jemanden, der sich vorstellte, dass die verheerende Wirkung der Krankheit das Ausmaß erreichen würde, das wir inzwischen kennen.
Wie sah die Welt aus damals, 1981? Es war schon über zehn Jahre her, dass wir einen Menschen auf dem Mond abgesetzt und lebendig zurückgeholt hatten. Wir befanden uns in der Einleitungsphase einer elektronischen Revolution, die die Welt auf vielleicht dramatischere Weise verändern sollte, als es die industrielle Revolution getan hatte, als sie agrarische und feudale Gesellschaftssysteme in die Schatten hinter den Kulissen schob. Bald würde wahrscheinlich das Rätsel des Krebs gelöst sein. Außerdem gab es Forscher, die im Kielwasser des erweiterten Wissens über die Konstruktion der menschlichen Gene und über die möglichen Konsequenzen dieser neuen Einsichten eine gigantische biologische Revolution voraussahen. Sollten wir da nicht in der Lage sein, einen neuartigen Typ von Virus aufzuhalten, der auf der menschlichen Bühne auftrat? Es dauerte jedoch eine Weile, bis man ernstlich einsah, dass dieses Virus keinem anderen bis dahin identifizierten glich. Es herrschte damals auf allen Seiten ein mehr oder weniger offener Übermut. Statt Demut dominierte Arroganz.
Heute wissen wir, was wir damals nicht wussten, und zwar vor dem Hintergrund von Millionen Toten, Millionen Kranken, Millionen von der Ansteckung Bedrohter. Wir haben einsehen müssen, dass das HI-Virus in seinen unterschiedlichen Formen eine gigantische Herausforderung für die gesamte Menschheit darstellt. Im Gegensatz zu anderen Viren, die uns befallen haben, seit die menschliche Rasse aus den Nebeln der Vorzeit heraustrat, ist dies ein Virus, das sich lebenslang in unserer Erbmasse einnistet. Das war vielleicht die dramatischste Einsicht: Wir müssen erkennen, dass wir dieses Virus vielleicht nie werden ausrotten können. Es ist gekommen, um zu bleiben. Wenn wir es nicht ausrotten können, müssen wir lernen, mit ihm zu leben, ihm Zügel anzulegen, alle Symptome zu bezwingen, die den Infizierten krank machen. Und obwohl wir Menschen nie aufgeben und immer hoffen, vernunftmäßig müssen wir doch davon ausgehen, dass auf absehbare Zeit weder Heilung noch Impfstoff in Sicht sind. Sicher gibt es Forscher und Institutionen, die ihre ganze Kraft daransetzen, die Mittel zu finden, mit denen die Krankheit sich aufhalten lässt. Doch die Wahrheit ist, dass es keinen triftigen Grund gibt zu glauben, Lösungen lägen in Reichweite.
Wir müssen lernen, mit Aids zu leben. Es muss uns klar werden, dass ich hier nicht von zukünftigen Herausforderungen schreibe, sondern von solchen, die schon jetzt über uns gekommen sind.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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Mankell hat sicher Recht mit seiner Einschätzung der AIDS-Situation in Afrika. Dennoch finde ich es schade, dass er im ersten Teil des Artikels den Fehler macht, einen Beitrag zu dem in den reichen Ländern Europas und Nordamerikas sich immer schneller verbreitenden Irrglauben beizutragen, dass AIDS hier, dank neuer Medikamente, nur noch eine "chronische Krankheit" sei. Noch ist kein einziger AIDS-Kranker geheilt worden. Noch bedeutet die medikamentöse Behandlung der HIV-Infektion für sehr viele Menschen das Einnehmen sehr vieler Tabletten nach einem mehr oder weniger strikten Zeitplan. Noch leiden viele der so behandelten unter starken Nebenwirkungen. Und noch weiß niemand, wie lange die Medikamente den Ausbruch von AIDS effektiv werden verhindern können, da sie dafür einfach noch nicht lange genug auf dem Markt sind. Ich warne davor, das HI-Virus auf die leichte Schulter zu nehmen, nur weil man zur Gruppe derer gehört, die relativ einfach Zugang zu den derzeit als wirksam geltenen Medikamenten hat. Sicher muss sehr viel mehr getan werden, um HIV und AIDS bei den Ärmsten dieser Welt zu bekämpfen - aber das darf nicht heißen, dass wir gegen die wieder steigenden Infektionsraten bei den Reichen nicht auch angehen müssen!
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