Befremdliche Thesen
Hans-Ulrich Wehler: Was bleibt von Schröder?, ZEIT Nr. 47
Der Artikel kann nicht unwidersprochen bleiben. Es gibt manche mit Recht umstrittene Punkte in Schröders Außenpolitik - aber man sollte sich in seiner Kritik nicht so weit hinreißen lassen, dass man die Proportionen verschiebt.
Wie kann man als Historiker ernsthaft behaupten, dass die Befürwortung eines Beitritts der Türkei zur EU weltmachtpolitische Ambitionen habe und ein klassischer Anfall von wilhelminischer Großmannssucht sei, deren Vokabular allenthalben an das Schwadronieren von 1914 erinnerte.
Ganz abgesehen davon, dass Schröder für jedermann nachlesbar bei jeder Gelegenheit betont, dass Deutschland eine europäische Mittelmacht sei und als solche zu handeln habe, ist es mir unerfindlich, wie man den gänzlich unpathetischen Redestil dieses Bundeskanzlers in die Nähe der in der Tat von Großmannssucht geprägten pompösen Auftritte Wilhelms II. rücken kann. Wer die Türkei näher an Europa heranführen möchte, reitet deswegen noch nicht durch das Damaskustor in Jerusalem!
Ebenso anfechtbar ist Wehlers Darstellung der Schröderschen Irak-Politik.
Diese war kein allein unter dem Primat der Wahlentscheidung konzipierter Alleingang eines schroffen Neins, sondern eine in enger Verbindung mit Frankreich als Führungsmacht im Sicherheitsrat verfolgte Strategie zur Abhaltung der Bush-Regierung von ihrer zu Alleingängen neigenden Großmachtpolitik im Nahen Osten.
Man kann darüber streiten, ob dieser Kurs Schröders genügend abgesichert war, aber isoliert worden ist Deutschland dadurch nicht in der Welt - und schon gar nicht in Europa, wo die großen Demonstrationen im Vorfeld des Irak-Krieges in London, Madrid, Rom und vielen anderen Städten gezeigt haben, dass die Bevölkerung nicht im Schlepptau Amerikas sein wollte.
PROF. RUDOLF VON THADDEN GÖTTINGEN
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 49/2005
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