Blick ins Ungefähre
Der Mahner und Warner behält immer Recht - wenn seine Hinweise und Befürchtungen nur allgemein genug gehalten sind, sodass mit dem Verlauf der Zeit zwangsläufig eintritt, wovor er gewarnt hat. Andreas Zumach, Korrespondent der taz bei den UN in Genf, gehört zu diesen Nachfahren der trojanischen Seherin Kassandra. Er ist gut informiert, beleuchtet das Geschehen auf der weltpolitischen Bühne durch schlaglichtartig eingesetztes Hintergrundwissen und verfügt obendrein über einen bombenfesten politischen Standpunkt: dass die UN, wenn man ihnen denn nur mehr Kompetenzen und Ressourcen gäbe, auf jeden Fall in der Lage wären, die drohende Katastrophe abzuwenden. Da Zumach sicher sein kann, dass dies nicht eintreten wird, geht er mit dieser Forderung auch kein Prognoserisiko ein. Umso ungestörter kann er die Katastrophenszenarien ausmalen, die er im Gefolge der US-amerikanischen Politik heraufziehen sieht.
Wenn Zumach vor kommenden Kriegen warnt, so hat er nicht den schnell fortschreitenden Staatszerfall in vielen Teilen der Welt, nicht die dort agierenden ebenso aggressiven wie korrupten Eliten und auch nicht die Unversöhnlichkeit fundamentalistischer Strömungen im Auge, sondern immer und überall stößt er bei seinen Konfliktbeschreibungen auf die USA. Es sind ihre militärischen Fähigkeiten, ihr wirtschaftlich-politischer Einfluss und vor allem ihr unersättlicher Hunger nach Energie, die eine sonst einigermaßen in Ordnung befindliche Welt immer wieder durcheinander bringen. Dementsprechend führen, so Zumach, die USA einen völkerrechtswidrigen Krieg nach dem anderen oder greifen mit geheimdienstlichen Mitteln in die inneren Verhältnisse anderer Staaten ein, destabilisieren Demokratien hier und verbünden sich mit autoritären Regimen dort - und das alles nur, um ihren verschwenderischen Lebensstil möglichst lange fortsetzen zu können. Man kann schwerlich bestreiten, dass Zumach mit jedem seiner Punkte etwas Zutreffendes festhält.
Aber das Bild, das er daraus zusammensetzt, ist nicht bloß einseitig, sondern grundsätzlich falsch. Es zeigt eine Welt, die sich friedlich über alle Probleme verständigen könnte, wenn es bloß den lästigen Aufseher nicht gäbe, der sich überall einmischt und dadurch die Konflikte erst erzeugt, die er anschließend beenden will.
Zu Recht warnt Zumach vor den Folgen der schrumpfenden Vorräte an fossilen Energien und der daraus erwachsenden Bedrohung für den Frieden. Und nicht weniger begründet warnt er vor der unbeherrschbaren Dynamik eines neuen nuklearen Wettrüstens, für das er vor allem die USA verantwortlich macht. In deren neuer Sicherheitsdoktrin werde der Präventivkrieg zum Dauerzustand.
Zumach schlägt den Europäern einen alternativen Weg vor, der in einer entschlossenen Stärkung der UN, einer drastischen Erhöhung der Entwicklungshilfe und einer sehr viel stärkeren Gewichtung des zivilen Elements bei Friedensinterventionen besteht. Davon, dass in den Kriegs- und Krisengebieten nicht nur auf Hilfe Wartende, sondern auch diese Hilfe für ihre Herrschaftszwecke kühl berechnende Akteure zugange sind, ist freilich nicht die Rede. Sollte das von Genf aus nicht zu sehen sein? Ein Besuch beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz hätte Zumach eines Besseren belehren können. Aber wer die politische Welt mit Sonne im Herzen anblickt, den grüßt sie ebenso zurück. Wichtig ist dabei freilich, dass man einen Sündenbock hat, den man verantwortlich machen kann, wenn sich in den Austausch von Freundlichkeiten und besten Grüßen mit einem Mal Schüsse mischen. Wetten, dass es für Zumach dann wieder einmal die USA waren, die damit angefangen haben?
Andreas Zumach: Die kommenden Kriege
Ressourcen, Menschenrechte, Machtgewinn - Präventivkrieg als Dauerzustand? -
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 49/2005
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