theater Gute Pleiten, schlechte Pleiten
Der Staat verkauft sein »Tafelsilber«. Und was machen die Bühnen? Sie bereiten sich auf die Plastiklöffelzeit vor und üben sich in Comedy oder Museumspflege. Ein Berliner Theaterwochenende mit Rolf Hochhuth, Bert Brecht und Bastian Pastewka
Das Theater steht im Schatten der Leitmedien. Es leidet unter der Übermacht von Film und Fernsehen und Videoclip. Die Theaterleute reden von kritischem oder subversivem Umgang mit dem Film, aber sie sind auch hilflos. Es wimmelt auf den Bühnen von TV-Parodien, aber die haben oft etwas Sehnsüchtiges. Der Theaterschauspieler spürt und zeigt, welche Deformation der Film, das dauernde Gesehenwerden, dem Menschen zufügt. Aber er ist auch verlegen, weil er selbst so wenig gesehen wird. Das Theater als der Ort ohne Kamera ist zugleich der Ort, an dem man die Kamera am meisten vermisst. Und hinter all den Attacken auf unsere TV-Sehgewohnheiten spürt man die verzweifelte Entschlossenheit der Theaterleute, selbst zu kommen in den Bedeutungssalon, in dem die Gefilmten sitzen und unser Handeln prägen.
Jedoch, manchmal passiert auch das Gegenteil: Große Gefilmte steigen herab und besuchen uns. Schauspieler der Soap-Opera Gute Zeiten, schlechte Zeiten (GZSZ) haben jetzt in Brandenburg ein Stück von Rolf Hochhuth uraufgeführt. Als Vorleistung hatte Hochhuth selbst in der Sendung einen klammen Achtsekundenauftritt absolviert.
GZSZ hat bis zu sechs Millionen Zuschauer. In ihrer Sendung, die kürzlich die 3333. Folge gefeiert hat, sind sie Könige: Wolfgang Bahro als der miese Staranwalt Jo Gerner, Hanne Wolharn als die Businessfrau Senta Lemke – und so weiter. Aber im Theater stehen sie da wie nackt: keine rettenden Schnitte, keine Werbeunterbrechung, keine Fatums-Musik, hinter der sie sich verbergen könnten. Die Einheit von Zeit und Raum drückt sie nieder.
Wir sind in Brandenburg an der Havel. Hier wurde der große Humorist Loriot geboren, aber man kann nicht behaupten, dass es mit der Stadt dann bergauf gegangen wäre. Brandenburg gilt seit der Wende als die ungeschickte, ausgeblutete Stadt, als die Stadt, die alles falsch macht. Brandenburg setzte auf Schwerindustrie statt auf Tourismus, auf Plattenbauten statt auf Altstadtsanierung, auf Korruption und Vetternwirtschaft statt auf transparente Strukturen. Die Zahl der Einwohner schrumpfte seit 1989 von 100000 auf etwas über 70000. Ein eigenes Sprechtheater gibt es hier auch nicht mehr, nur im Kongresszentrum wird noch gelegentlich gespielt. Wenn aus Berlin der Ruf erklingt, man müsse endlich das Tafelsilber verkaufen, so können sie darüber in Brandenburg nur trocken lachen.
Hochhuth hat schon sein letztes Stück, McKinsey kommt, in Brandenburg uraufführen lassen. Sein neues Stück heißt Familienbande und dreht sich um Korruption in Berlin. Da in Berlin aber keine Bühne ihn spielt (obwohl das Berliner Ensemble im Besitz der Ilse-Holzapfel-Stiftung ist, die Hochhuth gründete), beschimpft er die Hauptstadt aus der Ferne.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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