Von Tag zu Tag
Mit 16 erfuhr Corinne O., dass sie an einer unheilbaren Nervenkrankheit leidet. Sie führt in vielen Fällen noch vor dem 40. Lebensjahr zum Tod. Heute ist Corinne 20 und versucht, sich eine Zukunft vorzustellen
Sie sitzt am Fenster und kaut ihre Nägel, der Lehrer sagt: Wer oder was bin ich in zehn Jahren? – Corinne sitzt und schaut vielleicht aus dem Fenster, nichts Neues da draußen, und die andern krümmen sich längst über die Hefte, sie schreiben, denkt Corinne O., über Haus und Geld, Mann, Beruf, nice und easy, wer oder was bin ich in zehn Jahren?
Sie ist sechzehn.
In ihr Tagebuch hat sie geschrieben: Mein Gesicht ist ganz nass, ich will nicht weinen. Was ist nur los? Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich bin ein Niemand. 8. Mai 2001.
Corinne lacht oft, sie ist laut und keck.
In ihrem Tagebuch steht: HELP ME!
Manchmal denkt sie: Warum bin ich anders?
Sie ist die Älteste, blond und schön, ihre Augen sind blau, und als Corinne klein war, fütterte sie die Schwäne in der Stadt, Touristen machten Fotos. Sie besaß ein hellgrünes Fahrrad, fuhr am See und sang dabei, wurde nicht müde. Einmal, sie war fünf, zog sie einen weißen Rock an und schritt mit dem Nachbarsbuben in die Kirche, zwei Puppen waren ihre Kinder, vor dem Altar versprachen sie sich ewige Treue. Und als vor dem Haus die Erde in hohen Haufen lag, weil man die Straße aufriss, spielte sie, wie im Fernsehen, mit ihren zwei Brüdern Power Rangers, der Jüngste war Jason, der Mittlere Billy, Corinne Trini – Florian, seltsam, fiel ständig hin.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren