jazz Ein Romantiker implodiert

Der Pianist Brad Mehldau improvisiert sich durch Popsongs von Radiohead bis Nick Drake

Sollte das Beiheft die Wahrheit sagen, dann war der 13. März 2005 ein unglaublicher Tag im Leben des Brad Mehldau. An diesem Tag spielte er neun Stücke eines Albums ein, das vor Energie förmlich birst, am Tag danach den zehnten Titel, als Bachsche Lobpreisung der Beatles. Als bräche sich die gesammelte Romantik des feinfühligen Pianisten urplötzlich Bahn, als hätte er jahrelang diese Songs durchlebt und zerlegt, um jetzt endlich alle Bedenken fahren zu lassen und sich Paul Simons oder Nick Drakes völlig auszuliefern.

Nun hat der gute Brauch, Popsongs zu Jazz zu verarbeiten, Tradition. Und doch sind sie es, die gegenwärtig aus den neuen Alben quer durch die Lande hervorstechen: der Pianist Bobo Stenson etwa mit einer glasklaren Version von Send In The Clowns (auf Goodbye), Charlie Haden und Carla Bley mit This Is Not America (auf Not In Our Name) oder Tenorsaxofonist Charles Lloyd, der sich mit Ne Me Quitte Pas (auf Jumping The Creek) selbst überbietet. Als sei die Songdichte wieder Anlass zur Entäußerung, als gebe der Common Sense der Melodien dem Improvisator die Legitimation, sich sicher zu fühlen.

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Vollmundige Basstöne von Larry Grenadier eröffnen dieses Album, dann die rührigen Trommeln von Jeff Ballard, bis als Dritter im Bunde Brad Mehldau die ersten Töne der Radiohead-Komposition Knives Out anschlägt, als bleibe ihm nur dieser Tag. Martha My Dear zergliedert er in kontrapunktischer Konsequenz, lässt Raum für den Text im Kopf, während er in strenger Linearität die Melodie dicht an der Oberfläche hält.

Vielleicht liegt es am neuen Schlagzeuger, dass sich der 35-jährige Mehldau nach zwölf Alben so furios zeigt, vielleicht am Ruhepunkt New York oder seiner Frau und den zwei Kindern, dass der früher sich selbst stilisierende Romantiker samt Heroinsucht und deutscher Philosophiererei sich den Improvisationen so ausliefern kann und zugleich die Form wahrt. Manchmal spielt er für zwei, lässt die rechte Hand erzählen und die linke kommentieren, reagiert gedankenschnell und übermütig auf die eigenen Einfälle, konzentriert sie, wo er sie früher ausgebadet hätte. Wenn Improvisation der Sieg des Lebens über den Tod ist, dann war Brad Mehldau an diesem Tag sein Meister.

Day Is Done,Brad Mehldau TrioBuch
 
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    • Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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    • Schlagworte Jazz | Musik | Charlie Haden | Album | Pianist | Clown | New York | Siegen
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