ehrung Mut zu Verrücktheiten
Im Namen Marion Gräfin Dönhoffs: Preisverleihung im Hamburger Schauspielhaus
Die Ähnlichkeit der Preisträgerin mit der Stifterin des Preises ist frappant und hat etwas Beglückendes. Es sind die hellwachen Augen, das schöne alte Gesicht und die Kraft, die Menschen verströmen, deren Reden, Handeln und moralische Maxime eins sind. Ruth Pfau, Ärztin, Ordensfrau, 76 Jahre alt, kommt gerade aus Pakistan, wo sie in den vergangenen 45 Jahren 157 Lepraambulanzen aufgebaut hat. 38 sind nun vom Erdbeben zerstört worden. »Ich wollte eigentlich nicht kommen, ich war nicht in der Stimmung, gar nicht«, sagt sie, als sie am Sonntagmorgen auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses steht, um den Marion Dönhoff Preis zu empfangen. Der Preis für »Menschen, die wissen, worum es geht«, wie die Gräfin die Ruth Pfaus dieser Welt nannte, sei aber sinnvoll, sagt die Ärztin, weil er zu den wenigen gehöre, die danach fragten, was die Welt brauche, um etwas heller und heil zu werden.
Wie schafft man das mit einer Arbeit, die unsereinem unvorstellbar schwer erscheint? »Man muss sich im Leben auf etwas konzentrieren«, und so, indem man sich einer Sache ganz widme, könne man das Leben auch genießen – das wolle schließlich auch sie, »denn auch ich habe ja nur ein Leben«. Stehend und etwas wackelig auf den Beinen durch eine Krankheit, improvisiert Ruth Pfau ihre Rede im lästigen Scheinwerferlicht, und das Publikum dankt ihr mit Standing Ovations.
In Rupert Neudecks Laudatio (nachzulesen bei ZEIT online; er war vor zwei Jahren erster Preisträger) findet sich ein schönes Wort von Ruth Pfau: »Wozu ist das Christentum gut, wenn wir Christen nicht den Mut zu Verrücktheiten haben? Wenn wir nur noch fragen, wozu ist das nützlich?, und nicht mehr – mit Christus oder Kant: Wozu ist das gut?«
In einer anderen Welt tummeln sich die Gewinner des Marion Dönhoff Förderpreises, das Junge Klangforum Mitte Europa. MusikerInnen aus Polen, Deutschland und Tschechien spielten in Térésin (Theresienstadt) und werden demnächst in Kreisau zusammenkommen, um Versöhnung zu praktizieren – ganz im Sinne der ostpreußischen Gräfin. Richard von Weizsäcker, Schirmherr wie Václav Havel und Lech Wa¬Ωsa, lobte sie dafür.margrit gerste
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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