Das Letzte
Ahoi und herzlich willkommen in der Hansestadt! Wir freuen uns aus ganzem Herzen, dass die Deutsche Bahn AG in Berlin ihre Koffer packt und zu uns nach Hamburg an die Elbe zieht. Wir Hanseaten haben es immer gewusst: Die Eisenbahn gehört ans Wasser, denn bei den ständigen Verspätungen kann man hier sehr schön aufs Schiff ausweichen. Überhaupt müssen wir an dieser Stelle ein gutes Wort für Bahnchef H. Napoleon Mehdorn einlegen. Er macht unseren Hauptstadt-Mythos-Glanz kaputt!, rufen Berliner und recken die Fäuste. Erst sägt er das Dach vom Eins-a-Hauptstadtbahnhof kurz und klein, dann haut er ab. Wie steht die Berliner Republik nun da? Liebe Berliner, wir sagen es euch: Sie steht im Regen. Es war Herrn Mehdorns gutes Recht, sein eigenes Bahnhofsdach persönlich zu gestalten. Natürlich haben sich die Architekten darüber beschwert, denn was sollten sie in der Kürze auch machen? Doch hat ein Wurstfabrikant jemals seinen Kunden verklagt, weil der seine Wurst an zwei Enden abgeschnitten hat? Die zweite Wagenklasse hält jetzt in Gottes freier Natur, während die erste ihre Schäfchen sofort ins Trockene bringen darf. Was dagegen? Keiner ist gezwungen, die zweite Klasse zu benutzen.
Niemand muss Brot essen, wenn es auch Kuchen gibt. Der soziale Bahnstaat kann den Bürger nicht vor Regen schützen. Soll er auch noch den Wind verbieten?
Alle reden vom Wetter, wir nicht. Herr Mehdorn hat Recht. Er liebt die wilde Natur, und darin kommt der Vollkasko-Fürsorgestaat mit Regenschutz nicht vor. Die Natur kennt keine Heizung. Darum hat Herr Mehdorn auch Limburg-Süd gebaut. Kennen Sie Limburg-Süd, die Rache der Bahn am verwöhnten Kunden? Errichtet auf freiem Feld, die Temperaturen am Gefrierpunkt. Kein Aufenthaltsraum, nur Eiseskälte. Limburg-Süd, die größte Unverfrorenheit in der ruhmreichen Geschichte der Bahnhofsarchitektur. Türen ohne Quetsch-Schutz, Haus ohne Hüter. Vorsicht im Schwenkbereich! Eltern haften für die Finger ihrer Kinder. Schalter wird geschlossen. Achtung, eine Durchfahrt! Von der Bahnsteigkante zurücktreten! Wenn ein Zug hält, dann aus Mitleid. Limburg-Süd. Ende der Welt. Wüste ohne Dornbusch. Das große Nichts am Nullpunkt. Nur ein Caféautomat (vorübergehend außer Betrieb). Ganz ruhig bleiben und an Großvater denken: Du bist Deutschland. Auch in Limburg-Süd.
Danke, Herr Mehdorn. Willkommen im Norden. Und schön warm anziehen! Finis
Audio: www.zeit.de/audio
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 49/2005
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren