Als ich im Frühjahr dieses Jahres die USA verließ, gingen die Anhänger der Demokraten in Sack und Asche. Viele meiner amerikanischen Freunde konnten sich kaum überwinden, überhaupt noch die Nachrichten einzuschalten oder die Zeitungen aufzuschlagen. Ihr eigenes Land war ihnen fremd geworden; sie verabschiedeten mich wie einen, der sich in die noch verbliebenen Gefilde der Zivilisation absetzte, die neuerdings an den östlichen Ufern des Atlantiks lagen.

Das dubiose Fotofinish, nach dem George W. Bush im Herbst 2000 zum Sieger der Präsidentschaftswahlen erklärt worden war, war noch zu verwinden gewesen. Damals hatte der Mann aus Texas dem demokratischen Kandidaten Al Gore den Sieg mit Hilfe des Supreme Courts in Florida schlicht und einfach gestohlen – diese Meinung hatte sich auch in der seriösen Presse durchgesetzt. Bushs Wiederwahl im Herbst 2004 jedoch hatte aus dem Dieb einen veritablen Präsidenten gemacht. Amerika hatte sich zu Bush und seiner radikalen Agenda bekannt.

Diesen zweiten Sieg empfanden diejenigen meiner Freunde, die sich bis zum letzten Tag in einer nie dagewesenen Mobilisierung für den demokratischen Kandidaten eingesetzt hatten, als eine historische Katastrophe. Vergleiche dafür fanden sie eher in der europäischen als in der amerikanischen Geschichte. Ihre Kommentare begannen häufig mit dem Halbsatz: »Ich möchte jetzt keinen Vergleich mit der Weimarer Zeit anstellen, aber…«

Das Land, ja die amerikanische Demokratie, so schien es, war von einer genial geführten Putschistentruppe aus Neokonservativen, »wiedergeborenen Christen«, gewieften Mehrheitsbeschaffern und Sponsoren aus dem Big Business (von den Republikanern liebevoll the base genannt) entführt worden, deren Ziel kein geringeres war, als die Republikanische Partei zur ewigen Regierungspartei zu machen. Soziale und politische Fortschritte, die seit Jahrzehnten unumstößlich schienen – die staatliche Rentenversicherung, das Recht auf Abtreibung, das Folterverbot, die Trennung von Staat und Religion –, wurden von den republikanischen Revolutionären infrage gestellt. In der New York Times las ich düstere Artikel, die vom Ende des Zeitalters der Aufklärung sprachen.

Als ich die Vereinigten Staaten im Oktober wieder bereise, ist die düstere Stimmung keineswegs verflogen – doch der Horizont hat sich aufgehellt. Die dunklen, bisher unbesiegbaren Ritter des rollback, Vizepräsident Dick Cheney und Präsidentenberater Karl Rove, sind in politische Skandale verstrickt; in den bisher geschlossenen Reihen der Republikaner tobt der Streit; vor allem aber hat sich die Stoßrichtung der Kritik an Bush und seinen Leuten verändert. Die neuen Kampfparolen gegen die Regierung heißen »Inkompetenz« und »Korruption«. Den Anstoß dazu gab keine Neubesinnung der Demokratischen Partei, sondern eine Naturkatastrophe: der Hurrikan Katrina.

In Harvard sitze ich dem achtzig Jahre alten, immer noch unermüdlich lehrenden und schreibenden Historiker Stanley Hofman gegenüber. »Welcher europäischen Regierung«, sagt er, »wäre es passiert, den Umstand zu übersehen, dass 27 Prozent der Einwohner von New Orleans über kein eigenes Auto verfügten und gar nicht die Möglichkeit hatten, sich in Sicherheit zu bringen?«