Desaster in Serie

Keiner wird in dem Buch so häufig zitiert wie Jürgen Erich Schrempp, und dennoch dürfte der scheidende Chef von DaimlerChrysler über das Buch seines badischen Landsmanns Jürgen Grässlin nicht besonders amüsiert sein. Schon der Titel, Das Daimler-Desaster, macht die Stoßrichtung deutlich. Der Autor Grässlin, in Personalunion Sprecher der Kritischen AktionärInnen DaimlerChrysler, hat nochmals die großen Versprechungen und Ankündigungen zusammengetragen, die Schrempp seit 1995 als Daimler-Chef gemacht hat - und bewertet das Resultat regelmäßig als Desaster. Gleich, ob es um die Übernahme von Chrysler, den Einstieg bei Mitsubishi Motors, die Entwicklung der Qualität von Mercedes oder die Defizite der Kleinwagenmarke Smart geht - immer blieb die Realität weit hinter den geweckten Erwartungen zurück. Auch wenn derzeit an einigen Fronten wieder mal positive Entwicklungen gemeldet werden. Ähnlich desaströse Entwicklungen beschreibt der Autor für den Aktienkurs, die Rendite oder die Vorgänge um die Rücktrittsankündigung Schrempps im Juli diesen Jahres.

Grässlin, der sich gern als härtesten Kritiker des Daimler-Chefs titulieren lässt, bewegt sich nicht auf fremdem Terrain, schließlich hat er vor einigen Jahren schon mal eine Biografie Schrempps vorgelegt, in der durchaus auch noch ein Teil Bewunderung - etwa für den Chrysler-Coup - mitschwang. Von Letzterer ist nichts geblieben.

Anzeige

Neu sind all diese Erkenntnisse freilich nicht, die Fakten und Zitate waren praktisch durchweg schon in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen nachzulesen. Vielleicht mit einer Ausnahme: Besonders ausführlich widmet sich Grässlin den Graumarktgeschäften, bei denen Mercedes-Pkw unter Umgehung der offiziellen Vertriebswege ins Ausland verschoben wurden. Deren Ausläufer beschäftigen bis heute die Justiz. Während Grässlin seine Kritik ansonsten überwiegend auf Schrempp und dessen Duzfreund, den langjährigen Aufsichtsratschef Hilmar Kopper zuspitzt, stellt er in diesem Kapitel auch die Integrität des designierten Schrempp-Nachfolgers Dieter Zetsche infrage.

Grässlins Verdienst, die vielen unerfüllten Versprechungen von Jürgen Schrempp nochmals zusammengetragen zu haben, wird aber leider an mancher Stelle durch seinen Hang zu überspitzten Formulierungen entwertet. Vom faktenorientierten Sachbuchton verfällt der Berufskritiker unversehens in einen mit sprachlichen Gags überladenen Kommentarstil. An solchen Stellen macht er sich angreifbar.

Die jüngsten Ereignisse wie etwa der Verkauf der letzten Mitsubishi-Anteile bestätigen Grässlins These vom Scheitern der Welt AG, lassen aber auch Zweifel an einigen Behauptungen aufkommen: So wurden die durch Grässlins Hinweise ausgelösten Ermittlungen wegen angeblicher Insidergeschäfte gegen zwei Daimler-Manager im Umfeld der Schrempp-Rücktrittsankündigung gerade von der Staatsanwaltschaft eingestellt.

Jürgen Grässlin: Das Daimler-Desaster

Vom Vorzeigekonzern zum Sanierungsfall? - Droemer Verlag, München 2005 - 304 S., 19,90 e

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service