Durchschnaufen, weiterschauen

Der Osten regiert das Land und nun auch die Literatur

Jetzt also auch noch die Literatur. In der Politik ist viel geredet worden über den speziellen Pragmatismus, den sich die beiden Parteivorsitzenden Merkel und Platzeck angewöhnt haben in all den Jahren in der DDR - in der Popmusik war das Erfolgsgeheimnis von Bands wie Rammstein oder Wolfsheim eine konsequent neudeutsche Attacke auf alle BRD-biedermeierlichen Selbstgewissheiten - im Theater sind es ostdeutsche Regisseure und Intendanten wie Hasko Weber, die auf der Bühne so tun, als habe es die Postmoderne nie gegeben, und damit jetzt zum Beispiel Stuttgart überraschen - in der Kunst sind es die malenden Melancholiker aus Leipzig, die deutsche Themen wie Wald, Sehnsucht und mythische Verworrenheit wiederverwerten und für die Gegenwart umdeuten - und jetzt, so scheint es, w ill der Osten dem Rest des Landes auch noch das Schreiben beibringen.

Wie der Osten gewann, das hat jetzt auch der ewige Peter Schneider im Spiegel entdeckt, halb bewundernd, halb ängstlich. Ingo Schulze also und Thomas Brussig und Uwe Tellkamp? Und dann noch die Meldung, dass beim Open Mike in Berlin die Hälfte der 18 Finalisten am Leipziger Literaturinstitut ausgebildet wurde, was so etwas ist wie die heimliche Heimat der geschliffenen und polierten und zusammengezimmerten, der, so heißt das dann immer, handwerklich gelungenen Texte.

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Zum Frühstück zweimal Johanniskraut, einmal Multivitamin und eine Aspirin zur Blutverdünnung, dazu Espresso mit viel Milch und Zigaretten ohne Zusatzstoffe, so beginnt die diesjährige Siegergeschichte von Lucy Fricke, Klammer auf: Leipzig/Berlin, und Klammer zu.

Und was in der Politik gilt, das gilt tatsächlich in diesem Fall auch für die Prosa. Es ist der Pragmatismus, der sich durchsetzt, weniger eine besondere Geschichtstiefe, eine Verletzlichkeit oder Traurigkeit - es ist die Verlässlichkeit der Sprache, die hier getestet und einer Wirklichkeit gegenübergestellt wird, die bröckelt wie Ruinen in Chemnitz - es sind die Wörter, die wie Bausteine aufeinander gesetzt werden, Stück um Stück, und damit eine Welt nachbilden sollen, die sich doch nicht vermessen lässt mit dem Lineal - es ist eine Bescheidenheit im Auftreten in beiden Ber eichen, der Politik und der Literatur, eine dranglose Neutralität fast, die deshalb irritiert, weil doch mehr dahinterstecken dürfte und sollte als jene schulterzuckende Selbstverständlichkeit, mit der Angela Merkel ihre Statements abgibt und manch er Schriftsteller seine Texte. Was fehlt, ist das Risiko, das Feuer, die Dringlichkeit.

Nun kann man sagen, danke, bestens, genau das wollen wir. Durchschnaufen, weiterschauen, Zwischenzeit. Schon richtig: Wovon der Osten profitiert, das ist eine Ermattung des Westens, der sich verloren ging, als er auf dem Höhepunkt schien.

All die Kleiderschränke und Plattensammlungen, all die scheinbar allzu gegenwartstrunkenen Selbstfeiern, das zeigt sich jetzt, waren tatsächlich kleine Abschiede von der Gegenwart. Wenn die Politik also jetzt die Mehrwertsteuer erhöht, dann sorgen sich die Literaten um die Grundversorgung.

 
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