Durchstarten mit der Raketen-Kanzlerin

Es gibt im Himmel Wichtigeres als die Internationale Raumstation

Zu einem Ausflug in die Erdumlaufbahn hatte Anatoli Perminow, Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, Edelgard Bulmahn bei einem Moskau-Besuch eingeladen. Mehr als ein gequältes Lächeln konnte sich die deutsche Forschungsministerin als Dank nicht abringen. Wenig bis gar nichts hält sie von Ausflügen ins All - und es war bekannt, dass Perminows deutsche Kollegen sie dafür am liebsten auf den Mond geschossen hätten.

Seit Mitte der neunziger Jahre sinken die öffentlichen Zuschüsse für die Raumfahrt. Die rotgrüne Bundesregierung beschleunigte den Prozess. Um 20 Prozent ging in sechs Jahren der Umsatz der deutschen Raumfahrtindustrie zurück.

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Jetzt wittert die Branche Morgenluft. Vielleicht, spekuliert Hans-Jürgen Gante, der Geschäftsführer des Bundesverbands der Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), entpuppe sich Angela Merkel nach dem Autokanzler Schröder ja als Raketen-Kanzlerin. Kommt doch die Raumfahrt bereits im Gründungsvertrag der Koalition viermal vor und wird zu den besonders zukunftsträchtigen Bereichen der High-Tech-Strategie Deutschland gezählt.

Sechs Milliarden Euro will die neue Regierung in vier Jahren dafür zusätzlich springen lassen.

400 Millionen davon verlangt die Raumfahrtlobby als ersten Schritt - zur Hälfte für eine Erhöhung des Beitrags an der europäischen Raumfahrtagentur Esa, zur Hälfte für die Aufstockung des nationalen Förderprogramms. Während Frankreich und Italien zwei Drittel ihrer Raumfahrtausgaben in nationale Projekte leiten, liefert Deutschland 80 Prozent bei der Esa ab. Damit seien wir zwar Mustereuropäer, hätten aber nicht mehr genug Geld, um Bewerbungen für die technologisch anspruchsvollsten Esa-Aufträge vorzubereiten, meint Evert Dudok, Chef des deutsch-französischen Raumfahrtkonzerns EADS Space Transportation. Die Aufstockung möchte er für die Weiterentwicklung der in Bremen gebauten Oberstufe der Ariane-Rakete verwenden. Sonst müssten wir im März nächsten Jahres 200 hoch qualifizierte Entwicklungsingenieure entlassen, sagt er. Der Knowhow-Verlust wäre kaum wettzumachen. Dudok befürchtet, dass die Spezialisten umgehend vom Konkurrenten Airbus aufgesogen würden.

Ob die neue Bundesregierung das Problem auch so sieht, wird sich in der kommenden Woche zeigen. Dann trifft sich der Esa-Ministerrat in Berlin, um Höhe und Aufteilung des europäischen Raumfahrtetats für die nächsten Jahre zu beschließen. Den Vorsitz führt einer, dem die Raumfahrt völlig überraschend in den Schoß gefallen ist: Deutschlands neuer Wirtschaftsminister Michael Glos. Nur weil Edmund Stoiber mal als Superminister für große Teile des bisherigen Forschungsministeriums zuständig sein wollte, kam die Raumfahrt ins Wirtschaftsressort.

Zu suchen hat sie dort nichts. Von einer normalen Wirtschaftsbranche ist die deutsche Raumfahrtindustrie so weit entfernt wie die Erde vom Pluto. Die 4300 Beschäftigten haben 2004 zwar 1,1 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, aber 70 Prozent davon mit staatlichen Forschungsgeldern. Immerhin hat Europas Ariane-Rakete nach zwei Fehlstarts schnell die Marktführerschaft für kommerzielle Satellitenstarts zurückerobert. Aber das klingt beeindruckender, als es ist. Besteht doch der verfügbare Weltmarkt gerade mal aus 20 bis 25 Satelliten pro Jahr.

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