entführungen Der Freund als Feindbild

Immer wieder werden westliche Kriegsgegner im Irak Opfer von Dschihadisten – das ist kein Zufall

Es ist immer wieder die gleiche Frage: Warum trifft es ausgerechnet die Mutigen, die Engagierten, die Wohlwollenden? Warum entführen die Terroristen im Irak zunehmend gerade erklärte Helfer und Freunde des irakischen Volks?

Im September 2004 wurden die beiden italienischen Pazifistinnen Simona Pari und Simona Torretta in Bagdad als Geiseln genommen. Sie konnten durch Lösegeldzahlungen, die niemals offiziell bestätigt wurden, befreit werden. Noch im gleichen Monat traf es Kenneth Bigley, einen britischen Ingenieur, der bei zivilen Aufbauprojekten arbeitete. Bigleys Hinrichtung inszenierten die Terroristen als Vergeltung für Guantánamo: Der Ingenieur mußte einen orangefarbenen Anzug tragen wie die dortigen Häftlinge. Er wurde vor laufender Kamera geköpft, das Video ins Internet gestellt. Im Oktober 2004 verschwand Margaret Hassan, die Büroleiterin der humanitären Organisation Care in Bagdad. Sie wurde im November, ebenfalls vor laufender Kamera, durch Genickschüsse hingerichtet. Im Januar 2005 wurde die französische Reporterin Florence Aubenas entführt, die für die Tageszeitung Libération aus dem Irak berichtete. Und schon im Februar folgte die Italienerin Giuliana Sgrena, die unter anderem auch für die ZEIT schreibt. Beide Reporterinnen kamen nach langen Verhandlungen frei. Inoffiziell war von hohen Lösegeldzahlungen die Rede.

Anzeige

Sgrena und Aubenas hatten sich mit ihren Reportagen als scharfe Kritikerinnen der amerikanischen Kriegsführung und des Besatzungsregimes profiliert. Die »beiden Simonas« waren berühmt für ihre selbstlose Hilfe in den Slums von Sadr City. Margaret Hassan, verheiratet mit einem Iraker, konvertierte Muslimin und Besitzerin eines irakischen Passes, wurde von den Irakern regelrecht verehrt, weil sie selbst unter Bedingungen des UN-Embargos die ganzen neunziger Jahre über im Land geblieben war und Hospitäler aufgebaut hatte. »Sie mag einen britischen Namen haben«, gab einer ihrer früheren Patienten einem Reporter der New York Times zu Protokoll, »aber sie gehört mehr zum Irak als viele von den Irakern.«

Auch die deutsche Archäologin Susanne Osthoff, deren Name seit vergangener Woche der schrecklichen Reihe hinzugefügt wurde, identifiziert sich seit langem mit dem Land und den Menschen, denen sie unter hohem Risiko zu helfen versucht (siehe Seite 2). Das lässt ihre Entführung, genau wie die der anderen Helfer, so irrational, grausam und erschreckend erscheinen.

Den Geiselnehmern ist es gelungen, NGOs aus dem Land zu treiben

Ist dies die Absicht der Terroristen? Die Helfer bieten sich auch deshalb an, weil sie oft wissentlich ungeschützt arbeiten. Doch sie sind nicht nur eine leichte, sondern auch eine besonders lohnende Beute. Nicht nur wegen der Möglichkeit, große Geldsummen zu erpressen.

Gerade weil sie Gutes bringen und die Freund-Feind-Logik des Krieges unterlaufen, müssen die Helfer aus dem Weg geräumt werden. Sie sind ein Ärgernis für die Dschihadisten, in deren Propaganda alle Westler »Zionisten und Kreuzzügler« sind. Die selbstlosen Helfer sind lebende Widerlegungen dieser irrsinnigen Lehre, die den Irak zum Schauplatz eines apokalyptischen Endkampfes erkoren hat. Durch die grausame Ermordung Margaret Hassans ist es den Terroristen denn auch gelungen, viele NGOs mit der Schockwelle dieses Verbrechens aus dem Land zu treiben. Susanne Osthoff, die auf eigene Rechnung und ohne Netzwerk arbeitet, hat sich von diesen Morden nicht beeindrucken lassen. Das ist umso bemerkenswerter, als die Schreckenstat an Margaret Hassan ganz offensichtlich eine kalkulierte doppelte Grenzüberschreitung darstellte. Man hatte sich bis dahin damit beruhigt, dass Frauen von den Entführern meist verschont oder jedenfalls nach einer Weile freigelassen wurden. Und zusätzlich schien Margaret Hassan dreifach – durch ihre Ehe mit einem Iraker, als konvertierte Muslimin und als eingebürgerte Irakerin – geschützt.

Leser-Kommentare
  1. Wie der Fall des im Mai 2004 im Irak vor laufender Kamera geköpften Nick Berg nahelegt, gibt es auch eine viel simplere Erklärung: Es gibt eben auch „Dschihadisten“, die mit der US-Armee zusammenarbeiten. Der 26-jährige Berg war engagierter Kriegsgegner und installierte im Irak Satellitenschüsseln. Er wurde im März 2004 von US-Truppen inhaftiert. Im April reichten seine Eltern in den USA eine Klage gegen die Regierung ein wegen Freiheitsberaubung. Anfang Mai wurde er in Baghdad auf freien Fuss gesetzt, mietete sich in einem Hotel ein und wurde drei Tage später geköpft aufgefunden.

    • Mzungu
    • 04.12.2005 um 13:43 Uhr

    Ein Video sagt mehr als 1000 Worte:
    http://de.indymedia.org/2... (Quicktime)
    http://indypeer.org/show_... (andere Formate)

    Der inzwischen zu trauriger berühmtheit gelangte Film stammt ursprünglich von der Seite www.aegisIraq.co.uk. Er zeigt in mehreren Sequenzen immer die selbe Sicht aus dem Fond eines Wagens rückwärtsgewandt auf die "route irish", die Bagdad mit dem Flughafen verbindet. Fahrzeuge, die sich von hinten nähern, werden ohne Vorwarnung beschossen.

    Versetzen Sie sich in einen Iraker hinein, der seine Familie verloren hat. Und es gibt ca. 150000 "Befreiungsopfer" deren Verursacher Immunität genießen. Ohnmächtige Wut, Zorn, Rache +keine Zukunft sowieso – mir wär mein Leben egal und ab in den Widerstand. Resistance gegen die illegale Besetzung wie in den 40iger Jahren die Franzosen, Polen, Serben usw. gegen die Nazis.

    "Dschihadisten", "Terroristen", aus sicherer Entfernung läßt sich leicht urteilen.

  2. Der Artikel bringt die Logik politisch motivierter Geiselnahmen und Hinrichtungen auf den Punkt. Allerdings haben die angesprochenen Hilfsorganisationen nicht nur eine symbolische Bedeutung, die das Weltbild der Dschihadisten potentiell verdrehen. Mit ihren Maßnahmen, aktiv die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern, unterstützen und stabilisieren sie im Nebeneffekt auch die jeweilig amtierende Regierung. Ziel der Dschihadisten oder irakischen Nationalisten ist jedoch die Destabilisierung des gegenwärtigen politischen Systems. Dafür müssen mit allen Mitteln auch die letzten Hilfsorganisationen aus dem Land gejagt werden. Diese Strategie ist aus Sicht der Dschihadisten bisher erfolgreich aufgegangen.

    • Rolfus
    • 03.12.2005 um 18:55 Uhr
    4. Logik

    Für Fanatisten mit Alleinvertretungsanspruch muss einfach gelten: Der Freund meines Freundes ist mein Feind. Das ist auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar, bei genauerem Betrachten leider nur konsequent.

    • orplid
    • 03.12.2005 um 11:51 Uhr

    "Die selbstlosen Helfer sind lebende Widerlegungen dieser irrsinnigen Lehre, die den Irak zum Schauplatz eines apokalyptischen Endkampfes erkoren hat."
    Lieber Autor, bitte lernen sie differenzierter zu denken – wenn sie dazu nicht in der Lage sind, tun Sie das Beste, was Ihnen übrig bliebe: SCHWEIGEN!

  3. 6. Terror

    Der Autor des Artikels identifiziert eine "Abgestumpftheit des westlichen Mediennutzers" und trägt doch selber wie soviele seiner Kollegen zur geistigen Stumpfheit dieser Mediennutzer bei.

    Westliche Journalisten definieren Terror ausschließlich als irakischen Terror, wie sollte es auch anders sein! Dabei ist es der Terror der Besatzer, welcher die meisten Opfer gefordert hat und fordert, unter ihnen viele Frauen und Kinder.

    Mit welchem Recht spricht der Westen es den Irakern ab, sich gegen diese Besatzung im eigenen Land zu wehren? Gegen eine US-amerikanische Besatzung, welche versucht, sich nicht nur die Ölreserven des Iraks unter den Nagel zu reißen, sondern auch noch die irakischen Bauern in die Abhängigkeit von multinationalen Konzernen und genmanipuliertem Saatgut von zu treiben.

    "USA veranlassen Gesetz zur Kontrolle von Saatgut und Ernte
    im Irak"
    http://www.umweltinstitut...

    Wenn man schon von einer "Abgestumpftheit des westlichen Mediennutzers" spricht, dann in allererster Linie, weil sich kaum noch jemand für die Hintergünde und Ursachen von Explosionen, Entführungen, Ermordungen etc. im Irak interessiert. Es ist eben der übliche Terror.

    • orplid
    • 04.12.2005 um 16:26 Uhr

    Gerade auch mein Mitgefühl mit den Entführungsopfern lässt gleichzeitig mein Entsetzen, ja, auch meine Wut gegen Besatzung, Machtgier, Geldgier, Ölgier, Ergattern von strategisch wichtigen Regionen, Mord, Krieg, "Kolateralschäden", Mißachtung jeglicher Menschlichkeit größer und größer werden. All das geschieht im Land im Zeichen von "Terrorbekämpfung", im Zeichen von "Demokratie". Ja, ich bin Kriegsdienstverweigerer und inzwischen habe ich dazu gelernt. Wenn mein Land angegriffen würde, besetzt würde, wenn die Besatzer derart wüten würden wie es jetzt im Irak geschieht, wäre ich im Widerstand – auch bewaffnet. Nun haben die Entführer nicht unbedingt etwas mit Widerstand zu tun – vielleicht haben sie sogar etwas mit den Besatzern zu tun? Ich weiß es nicht. Doch "Vorbilder" haben sie jedenfalls genügend gehabt – und zwar zuhauf!

    • Mzungu
    • 03.12.2005 um 16:02 Uhr

    Faktor M, eON, Siemens… nachzulesen hier:
    Leider hat Faktor M (Arbeitgeber) ihr Mitarbeiterprofil vom Web genommen (warum nur?) - aber das Webarchiv speichert eben alles.

    http://web.archive.org/we...

    Meineserachtens hat Frau Osthoff zu sehr mit ihren Beziehungen geprotzt. Da wollen ein paar einheimische Kleinkriminelle auch profitieren. Ein normaler deutscher Staatsbürger würde auch nicht so liebevoll von der deutschen Botschaft umsorgt (s.u.) – das weiß ich aus eigener bitterer Erfahrung.

    Mal sehen wie lang dieser Beitrag von der ZEIT geduldet wird ;-)

    Zeitkommentator Jörg Lau schreibt: "Susanne Osthoff, die auf eigene Rechnung und ohne Netzwerk arbeitet, […]." Das darf ich bezweifeln und lade den geneigten Zeitleser ein, sich selbst ein Bild zu machen!

    Es empfiehlt sich überhaupt sich bei http://german-foreign-pol... über die deutsch-kurdischen Sonderbeziehungen schlau zu machen.

    Quellen:
    http://german-foreign-pol...
    http://www.freace.de/arti...

    Zitate:

    Bei den deutschen Irak-Exporten kommen hochbezahlte Mittler zum Einsatz, zu deren Aufgaben die operative Steuerung der Geschäftsbeziehungen in den Mittleren Osten gehört. Vor Ort werden Mitarbeiter mit Sprach- und Landeskenntnissen benötigt, die bei hoher Gefahrenlage ihr Leben riskieren - oft aus humanitärem Altruismus. Ähnliche Motivationen werden der entführten Susanne Osthoff zugeschrieben, die für eine Münchner Consulting-Agentur in Bagdad tätig war ("FaktorM"). Das Unternehmen gibt an, deutsche Firmen aus den Bereichen "Energieversorgung", "Gesundheitswesen" und "Öffentlicher Dienst" zu beraten, wobei "interkulturelle Kompetenz" beim Umgang mit Kunden aus arabischen Staaten vermittelt werde - ein Vorgang, der mittlerweile zum Standardrepertoire deutscher Firmen gehört und auf schwer überbrückbare Differenzen bei der westlichen Expansion in die islamischen Länder verweist.
    Business Opportunities
    Über Frau Osthoff sagt ihr Arbeitgeber, sie habe "Projekte zum Aufbau des Gesundheitswesens im Irak" initiiert, koordiniert und beraten.[6] Genau auf diesem Geschäftsfeld ist der Münchner Siemens-Konzern tätig.[7] Dr. Peter Bertsch, Vertriebsmanager im "Medical Department" bei Siemens Erlangen, berichtete auf der "Deutsch-Irakischen Wirtschaftskonferenz" im Juli dieses Jahres in München, dass "Siemens Medical Solutions" seit langem hochwertige medizinische Geräte in den Irak exportiere, darunter allein 33 Computertomographen.[8] Siemens befand sich auf der Wirtschaftskonferenz in bester Gesellschaft; die Liste der Konferenzthemen war lang: Firmenvertreter sowie hochrangige Repräsentanten der Bundesregierung und der bayerischen Staatsregierung diskutierten mit ihren irakischen Gesprächspartnern aus Regierung und Wirtschaft die Geschäftschancen auf fast sämtlichen Unternehmensfeldern. Deutsche Investitions- und Exportinteressen betrafen die Sektoren Infrastruktur, Bankwesen, Energieversorgung ("Oil and Gas"), Kommunikationstechnologie und Sicherheitssysteme ("Security Systems") sowie Wasserwirtschaft. Der zweite Teil der Konferenz war strategischen Fragestellungen vorbehalten: Zugang zum irakischen Markt ("Market Entry into Iraq"), Ausbildung von irakischen Fachkräften in Deutschland und potentielle Geschäftsfelder in Irakisch-Kurdistan ("Business Opportunities in Kurdistan").[9]

    --------

    Ein Geschäftspartner der Entführten, ein früherer Mitarbeiter der DDR-Botschaft namens Giermann hat auf N24 berichtet, Osthoffs Tätigkeit an einem Kulturprojekt sei "in Abstimmung mit der deutschen Botschaft in Baghdad" erfolgt. Was denn für ein "Kulturprojekt"?

    Laut Aussagen von Giermann soll Susanne Osthoff bereits einmal von US-Truppen im Irak "in Sicherheit" gebracht worden sein. Laut N24 erklärte Giermann: "Wir hatten sehr viel Zeit, um über diese Vorgänge zu reden. Sicher ist die Aktion der amerikanischen Truppen in Mosul, als sie für zwei Wochen festgesetzt wurde im späten Frühjahr, eine Aktion gewesen, wo man versucht hat, ich formuliere es mal vorsichtig, jemanden, der das Land gut kennt, der sehr viele Leute dort gut kennt, eventuell auch nutzen zu können, um Informationen zu sammeln."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service