Wissenschaft Suche nach dem verlorenen Sinn
Geistesdisziplinen in der Krise
Am 21. November entsteht in Essen das Netzwerk Geistes- und Kulturwissenschaften in NRW. Die Geisteswissenschaften wirkten als »Gedächtnis der Kultur«, sagen die Initiatoren.
Die Volkswagenstiftung ruft die Initiative Pro Geisteswissenschaften ins Leben. Die Geisteswissenschaften leisteten »Orientierung für die Gesellschaft«, sagen die Organisatoren.
In der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wird am 25. November das Manifest Geisteswissenschaften vorgestellt. In ihnen begreife sich »die moderne Welt in Wissenschaftsform«, sagen die Autoren.
In Form aber sind die Geisteswissenschaften nicht. In Disziplinen und Unterdisziplinen zersplittert, haben sie sich von den großen Sinnfragen ab- und dem kleinstmöglich Fragbaren zugewandt. Ihre Forschungsperspektive ist oft rückwärts gerichtet, ihr Wissenschaftsbegriff zwangsläufig ungeklärt. Sie haben sich auf eine verhängnisvolle Suche nach dem eigenen Nutzen eingelassen, die sie zu Reparaturwissenschaften der Natur- und Wirtschaftswissenschaften degradiert, zu Ethiklieferanten und Orientierungsdienstleistern.
Die neuen Initiativen zu ihrer Stärkung könnten als selbstbewusster Aufbruch gedeutet werden, aber manche leider auch als hilfloses Aufbäumen. Die Vorschläge der fünf Manifest- Autoren sind dort, wo sie nicht vage bleiben, sogleich umstritten. Sollen sich die Geisteswissenschaften in der Form amerikanischer Institutes of Advanced Study organisieren? Die Grenzen zwischen den Disziplinen würden fallen. Doch diese Institute möchten die Autoren am liebsten an den Akademien ansiedeln. Damit würden sie den Universitäten gerade die spannenden und gesellschaftlich relevanten Fragen – und Antworten – entreißen. Wo sie (Vorbild: Collège de France) eine weithin sichtbare nationale Einrichtung der Geisteswissenschaften fordern, scheitert die Idee spätestens am fehlenden Geld. Früher aber vermutlich noch an Eitelkeit und Eifersucht der Beteiligten.
Wie die Rettung aussehen könnte, zeigt Christoph Markschies, frisch gewählter Präsident der Humboldt-Universität. Der Theologe will die Lebenswissenschaften auf seinem Campus zu »Integrationswissenschaften« ausbauen, zu denen Philosophie, Geschichte oder Theologie ganz selbstverständlich gehören. So lässt sich die Misere vermutlich am ehesten überwinden. Denn die Krise der Geisteswissenschaften ist vor allem eine Krise ihres Selbstbewusstseins.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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Ich halte es für einen Irrtum, wenn man annimmt, dass Geisteswissenschaften eine Orientierung für die Gesellschaft sein können.
Genauso halte ich es auch für einen Irrtum, wenn Geisteswissenschaften irgend etwas wie zum Beispiel "die Gesellschaft" erklären könnten. Das, was Geisteswissenschaften anbieten, sollten Vorschläge fürl Lösungsmöglichkeiten für Konflikte (z. B. Moralphilosophie) oder Erklärungsmodelle für komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge (z. B. Warum sind wir in der Krise?) sein.
Dabei handelt es sich aber bestenfalls immer nur um Vorschläge oder Angebote, aber keine Lösungen. So etwas konnte die Philosophie nie lösen genau so wenig wie Historik oder Soziologie, da es sich bei diesen Fächern nach wie vor um theoretische Fächer handelt, bei denen das Denken nicht nur das Handeln ersetzt werden kann.
So gesehen befinden sich die Geistesdisziplinen nicht in der Krise, weil sie sich nicht in der Krise befinden können, so lange man nicht von ihnen verlangt, Ergebnisse zu liefern, die sie gar nicht liefern können.
Und in der Stoa vom ollen Platon ging's garantiert nicht weniger chaotisch zu als heutzutage.
was ist denn das entscheidende problem der geisteswissenschaften heute ? das problem ist doch, dass die geisteswissenschaften - vor allem im vergleich mit den anderen wissenschaften - nicht behaupten koennen wissenschaften zu sein, denn sie sind methodisch voellig rueckstaendig. einer meiner philosophieprofessoren hat zu gadamers hauptwerk einmal gesagt, es muesste eigentlich heissen: wahrheit ohne methode. und das ist das problem. das, was sich jahrzehntelang als methode der geisteswissenschaften geriert hat, die hermeneutik, haelt allem was es heute an wissenschaftlichen standards gibt, nicht stand. und: welche alternativen methoden haben die geisteswissenschaften ? es sieht bescheiden aus, sehr bescheiden.
blicken wir einmal zurueck in die geschichte der geisteswissenschaften. vor zweitausend jahren gab es das trivium: immerhin waren logik und grammatik darin eine respektable grundlage der artes liberales. und da die artes jeder studieren musste, der ueberhaupt studieren wollte, zaehlten logik und grammatik zu den grundlagen der wissenschaften ueberhaupt. heute hat die mathematisierung der logik und der linguistik dazu gefuehrt, dass gewoehnliche geisteswissenschaftler sich nicht mehr mit logik und grammatik beschaeftigen, weil sie diese disziplinen nicht mehr verstehen. schlimmer noch: gegen die mathematisierung dieser disziplinen wird aus philosophischen gruenden polemisiert. die mathematisierung sei ausdruck von verdinglichung und objektivismus usw. usw.
das ergebnis dieser verweigerung der heute zeitgemaessen methoden in logik und grammatik - die jahrtausendealten paradedisziplinen der geisteswissenschaften - fuehrt zur methodenlosigkeit in den geisteswissenschaten, und zur voelligen wissenschaftlichen marginalisierung der geisteswissenschaften. das haben die damen und herren geisteswissenschaftler selbst zu verantworten.
Philosophie und Denken-lernen sollten schon im Kindergarten, spätestens in der Grundschule, Bestandteil des Lehrplans sein. Nirgends zählt der Spruch "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" mehr. Da werden wichtige Weichen gestellt, die später vielleicht gar keinen Effekt mehr haben. Das Tolle daran ist, dass jeder in jedem Alter auch sofort selbst etwas davon hat. Einblick, Durchblick, Lust auf Mehr, Lust auf Wissen, Lust auf Lernen, Verständnis, etc., etc.
Hey Jungs (Wissenschaftler - sind leider meist immer Männer), geht in die Praxis, ins Leben, tut selber was - nicht nur schreiben und schlau daherreden. Das muss AUCH was zum Anfassen sein - und kann es auch sein.
Jede Disziplin muss sich an ihren Ergebnissen messen lassen - und es ist nun mal so, dass die letzten wesentlichen und fühlbaren Impulse der Geisteswissenschaften im gesellschaftlichen Diskurs der 68er enden, während seither Informatik und Biotechnologie aber auch andere Naturwissenschaften das Leben teilweise revolutioniert haben.
Die Naturwissenschaften haben es seither nicht nur geschafft sich ein (wenn auch fragwürdiges) halbwegs objektives Verfahren zur akademischen Gütemessung (=peer review Verfahren) zu geben - nein sie haben auch in nie zuvor dagewesener Weise komplexes eher akademisches Gedankengut in die allgemeine Nutzbarkeit überführt.
Das Wirken der Geisteswissenschaften (mal auf die gesellschaftsprägenden Disziplinen wie Jura, Philosophie, Pädagogik, Soziologie... bezogen) ist zur selben Zeit nun mal keine Erfolgsstory gewesen:
Krise staatlichen Handelns (Möglichkeiten und handwerkliches betreffend)
Reformpädagogik vs. PISA
Resozialisierung vs. Kriminalität
Multi-Kulti Idee vs. städtische Realitäten
u.v.m.
Sogar die Kanzlerin und der SPD Vorsitzende sind nicht mehr Lehrer oder Jurist
Sozialwissenschaften sind in der heutigen Gesellschaft, die geprägt wird duch starke Umwälzungen im sozialen und organisatorischen Bereich, wichtiger als jemals zuvor. Soziale und organisatorische Veränderungen verlangen nach Erklärungen und Interpretationen, die von den Sozialwissenschaften geliefert werden können. Das Problem der Sozialwissenschaft ist die mangelnde Transparenz ihres gesellschaftlichen Beitrags, verglichen mit den Naturwissenschafte, die entweder Artefakte oder verifizierbares Wissen produzieren. Sozialwissenschaften hingegen sind enger mit aktuellen gesellschaftlichen Vorgängen verbunden und liefern Wissen, dass dann im gesellschaftlichen Diskurs aufgegriffen wird. Genau darin liegt der Beitrag der Sozialwissenschaften. Gleichzeitig ist es aber auch der Grund für die mangelnde Transparenz des Beitrags, da der wissenschaftliche Diskurs immer nur einen Schritt vor den gesellschaftlichen Veränderungen sein kann (häufig auch einen Schritt dahinter). Dies läßt den Beitrag der Sozialwissenschaften kleiner erscheinen als er tatsächlich ist. Nichtsdestotrotz, wenn Forschung in den Sozialwissenschaften eng mit der Praxis durchgeführt wird, Fragen aufwirft und neue gesellschaftliche Phänomene interpretiert, ist der Einfluß nicht zu unterschätzen. Man braucht nur nach England zu schauen, um ein entsprechendes Beispiel zu finden. Blair's Idee des "Dritten Weges" wurde stark duch Anthony Giddens inspiriert.
Zitat:"Und in der Stoa vom ollen Platon ging's garantiert nicht weniger chaotisch zu als heutzutage."
Ein wenig Geisteswissenschaften könnte hier vielleicht helfen eine Wissenslücke zu schließen.
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