H.-D. Dörbaum

Ein Bürgermeister bekämpft die Anglizismen in seiner Stadt

Mühlhausen

Das thüringische Städtchen Mühlhausen blickt voll Stolz zurück auf eine lange Geschichte revolutionärer Erhebungen. Rund fünfhundert Jahre ist es nun her, dass der Theologe und Bauernführer Thomas Müntzer dort wider das unteutsche Rom und die welschen Pfaffen agitierte - und mitsamt seinen Anhängern tragisch unterging.

Lang ist's her, doch der rebellische Geist lebt weiter und bricht nun hervor, um dem schrecklichen Kauderwelsch für immer Einhalt zu gebieten. Damit meint Oberbürgermeister Hans-Dieter Dörbaum Anglizismen und Amerikanismen und stellt sich an die Spitze der Bewegung gegen neudeutsche Gewohnheiten.

Sitten- und Sprachverfall sieht Dörbaum überall: Ein Back-Discount bietet Brötchen feil, ein Musikalienhändler wirbt für seine Music-Highlights, Shoes & more gibt es im Ausverkauf.

Kampf dem Denglischen also. Die öffentliche Verwaltung dürfe sich, befand der OB, dieser Aufgabe nicht verschließen. Deshalb trat die Stadt Mühlhausen kürzlich als erste deutsche Kommune dem Verein Deutscher Sprache bei, einer Interessenvertretung germanophilologischer Puristen, die alljährlich den Sprachpanscher des Jahres kürt. Dort lobt man Dörbaums Schritt als weltweit beispielgebenden Vorstoß. Zustimmung erfährt der parteilose Rathauschef auch von den Stadtratsfraktionen, die Lokalpresse feiert ihn.

Mühlhausen ist, so scheint es, auf dem richtigen Weg.

Nur unter der Unternehmerschaft der Stadt regt sich Widerstand. Jens Günzel, Spirituosenhändler und Vorsitzender des Mühlhausener Gewerbevereins, nennt das Ansinnen seines Stadtoberhauptes kleinkariert und hirnrissig. Als ob man es nicht schwer genug habe! Die schwache Nachfrage! Der verzweifele Kampf um die Kunden! Durch solche Aktionen, klagt das Gewerbe, wolle die Politik nur wieder von den tatsächlichen Problemen ablenken.

OB Dörbaum sollte die Warnung ernst nehmen. Thomas Müntzer ist sein Aufstand gegen die Mächtigen seiner Zeit am Ende schlecht bekommen. Er wurde geköpft.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 49/2005
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service