In fremden BettenHotel Kärtnerhof, Wien

Das Hotel liegt gleich hinterm Stephansdom von Morché

©

Es ist einfach, sich in ein Hotel mit fünf Sternen zu verlieben. Viel schwieriger und auch schöner gestaltet sich die Liebe zu einem Hotel, dessen Brüche offensichtlich sind. Ein solches Hotel ist der Kärntnerhof in Wien. Es liegt im "Bermudadreieck", so wird jene Gegend in der Altstadt Wiens auch gern genannt, weil hier in den Bars und Szenelokalen zwischen Salzamt, Blutgasse und Bäckerstraße immer wieder Menschen zeitweise der Welt abhanden kommen. Hier also, in absolut zentraler Lage, direkt hinter dem Stephansdom im I. Bezirk, versteckt sich der Kärntnerhof in einer kleinen, stillen Sackgasse, der Grashofgasse 4. Schon die gelbe, fünfziger-Jahre-Neonschreibschrift des Hotelnamens über dem Eingang gehört entweder ins Designmuseum oder in eines der moribunden Bühnenbilder von Anna Viebrock. Möge dieses Leuchtschild nie ausgewechselt werden! Es flimmert dort seit 1956. Seitdem ist das stattliche Bürgerhaus aus dem späten 19. Jahrhundert ein Hotel. Familie Nagel betreibt es seit 1980 gemeinsam mit der guten Seele des Hauses, dem Direktor Heinrich Kastner.

Anzeige

Der Kärntnerhof hat 80 Betten, verteilt auf 44 Zimmer, alle mit Bad/Dusche/WC und Kabel-TV. Und weil wir in Wien sind, gibt es hier kein Personal, sondern Bedienstete, 22 an der Zahl. Lotte Nagel blitzt noch mit fast 70 Jahren jenes süße Wiener Mädel aus den Augen, das Arthur Schnitzler einst beschrieb. Ihr Direktor Kastner hingegen könnte auch im Film Der Dritte Mann eine kleine Rolle gespielt haben. Ja, es ist der Charme, die typisch wienerische Melange aus morbidem Jugendstil und jugendlicher Morbidität, die an diesem Hotel garni bezaubert. Hier will nichts mehr scheinen, als es ist. Man lebt mit dem Nebeneinander aus brutalen Brandschutztüren und einem hübschen Fahrstuhl der Gründerzeit; mit Kronleuchtern und den kleinen Plastikeimerchen für Tischabfälle. Das alles muss nicht, aber es kann miteinander harmonieren, sogar dann, wenn es, wie hier, oftmals in viel zu helles Licht getaucht wird. So ist man im Kärntnerhof herzlich und bescheiden, und so beschreibt man selbst die hübschen Biedermeierzimmer schlicht als "freundlich, gemütlich". Den Haartrockner gibt es an der Rezeption, "aber der funktioniert nicht in der Steckdose vom Badezimmer", gibt Kastner dem Gast mit auf den Weg.

Viel lieber organisiert der Direktor und Theaterfan Konzert- oder Theaterkarten (ohne Aufpreis!) für seine Hotelgäste. Auch hierbei beweist der Herr Direktor Feingefühl: Niemals wird er jemandem, der in Wien einen Nestroy sehen will, ein Stück von Jelinek empfehlen. Niemals! Er wird niemals zu einem Besuch des Zentralfriedhofs anraten, wenn der Gast eher der Typ für den Prater ist. Man kann sich an dieser Rezeption seinen Aufenthalt in Wien planen lassen – aber man wird nicht verplant. Derjenige, der hier zum ersten Mal wohnt, spürt ebenso wie die vielen langjährigen Stammgäste die Liebe, mit der der Kärntnerhof in Wien betrieben wird. Liebe ist wichtiger als alle finanziellen Investitionen, obwohl auch die nicht gescheut werden. Im Februar und März will Lotte Nagels Sohn Peter renovieren. Der Mann ist ein Perfektionist. So mancher Duschvorhang im Badezimmer, der jetzt noch von Ikea stammt, wird dann durch eine Glastrennscheibe ersetzt sein; "Möbel, die müde wurden", werden gegen neue ausgetauscht; Stuck wird nachgearbeitet, Wände und Fassade gestrichen; ein Wintergarten soll Rezeption und Frühstücksraum vergrößern, und auf dem Dach sollen noch zwei Zimmer entstehen. Wie herrlich der Blick von dort auf die Türme der Universitätskirche ist, weiß man schon jetzt, denn es gibt eine kleine Dachterrasse, die aber auch beibehalten werden soll. Oh weh, der gierige Griff nach mehr Sternen? "Nein, ein Drei-Sterne-Hotel soll der Kärntnerhof bleiben", und "an den Preisen wird auch nichts geändert", verspricht Nagel junior und träumt seinen kleinen, persönlichen Hotel-Sacher-Traum, in dem es keine "müden Möbel" und auch keine Flecken auf der Tapete gibt. Heinrich Kastner aber, der sofort den Wunsch des Gastes erkennt, dass hier doch bitte, bitte alles beim Alten bleiben möge, ergänzt: "Den Stil und den ganz eigenen Charme dieses Hotels kann man gar nicht verändern." Er hat Recht, und das beruhigt.Pascal Morché

Hotel Kärntnerhof, Grashofgasse 4, A-1011 Wien, Tel. 0043-1/5121923, www.karntnerhof.com . EZ 68 bis 102 Euro, DZ 100 bis 152 Euro

Zur Startseite
 
  • Schlagworte Wien | Hotel | Ikea | Möbel
Service