Indien Oh Wunder!

Jeden Winter wogt durch Südindien einer der gewaltigsten Pilgerströme der Welt. Ziel ist der Waldtempel von Sabarimala. Hier thront die Statue des Hindu-Gottes Ayyappa

Wie alt mag der Mann sein? Siebzig, achtzig? Woher nimmt er seine Kraft? Über zweihundert Kilometer hat er hinter sich, aus dem Süden Tamil Nadus kommend, getragen nur von seinen nackten Füßen, seinen dünnen Beinen und seinem Glauben. Nachts hat er am Wegrand geschlafen, tagsüber ist er durch Indien gegangen. Jetzt steht Imbhudu Salai am Fluss von Pampa, ein schaukelndes Skelett unter brüchiger Haut. Schwarz sieht er aus, mattschwarz. Sein Gesicht, sein nackter Oberkörper. Erst als er näher kommt, sind seine Augen zu sehen. Zwei trübe Brunnen, und doch tritt ein Glanz aus ihnen.

Salai sagt etwas in Malayalam, einer südindischen Sprache, die rau und hart klingt und deren Worte so lang sind wie Lianenstränge. Er müsste wissen, dass der Weiße, der vor ihm steht, in seinen Turnschuhen, seinem nass geschwitzten Hemd, nichts versteht. Aber Salai wiederholt seine Worte. Zweimal, dreimal, leise und ruhig. Er will kein Geld. Er will auch nichts zu essen, obwohl er das gut gebrauchen könnte. Salai ist nun sehr nah, und erst jetzt versteht der Weiße. Er versteht erst, als er Salais Atem spürt, ihm direkt in die Augen blickt, die Furchen im Gesicht sieht und an ausgetrocknete Flussbetten denkt; er begreift erst, als der greise Salai seinen knöchrigen Arm ausfährt, dem Weißen seine Hand auf den Kopf legt, ihn segnet und lächelt: Salai will geben, nicht nehmen.

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Dabei ist Salai kein Heiliger. Salai kommt aus einem kleinen Dorf, wo er eine Frau hat, neun Kinder, siebzehn Enkel, eine Hütte und ein kleines Reisfeld. Salai ist Bauer, aber jetzt ist er hier. Einer von zigtausend Südindern, die den Weg in die keralischen Westghats gefunden haben, denn dort oben, in den grün verschlungenen Wäldern des Kardamomgebirges, wohnt ihr größter Gott: Ayyappa. Salai will ihn einmal sehen, ihm ein einziges Mal ins Antlitz schauen und beten.

Achtzig Millionen Menschen strömen im Jahr zur Gottfigur des Ayyapa. Die meisten zwischen November und Januar, in dieser Zeit öffnet der Waldtempel von Sabarimala täglich seine Pforten, danach nur fünfmal im Monat. Es ist einer der größten Pilgerzüge weltweit. Keine Sekte, sagt man, erlebt derzeit einen größeren Zulauf, jedes Jahr kommen eine Millionen Gläubige hinzu. Hunderttausend oder zweihunderttausend mögen es sein, die sich heute die heiligen Berge hinaufschieben. »Powerful God«, sagt Salai mit altersmilder Stimme, zeigt in Richtung Dschungel, faltet die Hände und geht los.

Es ist voll hier unten in Pampa am Fluss. Aus allen Himmelsrichtungen kommen die Pilger in ihren orangefarbenen Hüftgewändern, und sie schreien und singen immer wieder, bis es die Ohren nie wieder vergessen: »Swamiyee Sharanam Ayyappan« – Beschütze uns, großer Gott Ayyappa! Mittendrin Polizei, Elefanten, Pferde, Ochsen und Motorrikschas, dazu die Ramschhändler, die Plüschaffen und Plastikhubschrauber verkaufen. Pampa ist eine schattige Vorwelt, ein stinkendes, vor Feuchtigkeit dampfendes Dschungelkaff und eines von zwei Sammelbecken, bevor der Urwald beginnt. Von Pampa aus zieht sich der Hauptstrom zur Heiligenfigur hinauf, und alle müssen sie durch den Wald. Der Dschungelmarsch gilt den Pilgern als symbolische Reise durch die irdische Finsternis, bevor die Erleuchtung über sie kommt. Noch fünf Stunden sind es jetzt bis hinauf zum Tempel. Fünf Stunden Lärm und Menschengeruch, Weihrauch und Wadenschmerzen.

Zwei Brüder, die eben aus den Bergen zurückkehren und sich Mister und Mister Kata nennen, sprechen gutes Englisch, sie kennen die Sage um Ayyappa, und sie erzählen sie gern. Mister und Mister Kata sind in schwarze Dhotis gehüllt, knielange Gewänder, sechsfach um die Hüften geknotet – nur die Allergläubigsten dürfen sie tragen.

Eines Tages, lange vor aller Zeit, spazierten die beiden männlichen Megagötter Shiva und Vishnu durch die Pinienwälder, und da begab es sich, dass Shiva Lust verspürte und Vishnu überredete, ihm in seiner weiblichen Form Mohini zu erscheinen. Vishnu wurde schwanger und gebar einen Sohn durch den Oberschenkel. Ein göttlicher Trick, diese Wandlung zum Weib, denn hinter der Lust zweier Männer hätte nur der Teufel stecken können. So wurde Ayyappa geboren, aus der Zusammenkunft zweier Riesengötter, die dem Satan ein Schnippchen schlugen.

Eine wundervolle Geschichte. »No! Miracle! Miracle!«, rufen Mister und Mister Kata. Ein Wunder! Dann heben sie die Arme und singen und fordern den Weißen auf, ebenfalls zu singen. Schließlich wünschen sie ihm Glück und Frieden auf dem Weg zu Ayyappa.

Ayyappa ist in den vergangenen zehn Jahren populär geworden. Es heißt, er hat die Kraft, alles Teuflische zu besiegen, und er öffnet jedem, der sich ihm ergibt, die Türen ins Paradies. Inzwischen kennt der halbe Subkontinent die Story. Das Internet erzählt sie, das Fernsehen, die Zeitungen. Die Anhänger nennen sich Ayyappas. Sie brennen Kerzen auf den Jeeps nieder, bauen auf den Motorhauben ihre Schreine auf, mit Blüten und Girlanden; sie campieren an den Flüssen, schlafen in Bussen oder ungeschützt in den Tälern während des wochenlangen Sogs zu ihrem Allerbarmer, der im Winter ganz Südindien erfasst. Die Allergläubigsten wie Mister und Mister Kata pilgern zu Fuß. Exakt 41 Tage lang müssen sie fasten und marschieren, denn die Vier steht für Vishnu, die Eins für Shiva, und nur beides in der göttlichen Vereinigung macht die Wanderung zum himmlischen Unterfangen.

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