Interview »Manchmal ergreift mich der Zorn«
Der indische Energieforscher Rajendra Pachauri über selbstzufriedene Industriestaaten, Kriege um Ressourcen und die romantische Idee, der Süden könne die ökologischen Fehler des Nordens vermeiden
DIE ZEIT: Was bedeutet der globale Klimawandel für Indien?
Rajendra Pachauri: Indien wird mit Sicherheit eines der Länder sein, die sehr ernsthaft betroffen sind. Die Landwirtschaft wird leiden und das Wasser noch knapper, Fluten und Dürren können zunehmen, der Meeresspiegel steigt. Einige Indizien weisen darauf hin, dass diese Veränderungen schon im Gange sind. Auch die Gletscher im Himalaya ziehen sich zurück.
ZEIT: Sie haben deshalb angemahnt, die Weltklimakonferenz in Montreal dürfe nicht nur über den Abbau von Emissionen verhandeln, sondern auch darüber, wie man sich auf den Klimawandel vorbereiten kann. Was würde das, über einen verstärkten Katastrophenschutz hinaus, für Indien bedeuten?
Pachauri: In vielen Regionen, in denen arme Bauern bei der Bewässerung allein auf den Regen angewiesen sind, wird man die Anbauweisen komplett verändern oder gar die Landwirtschaft ganz aufgeben und neue Beschäftigungsmöglichkeiten organisieren müssen. Wir müssen das jetzt schon knappe Wasser anders bewirtschaften. Für jede Region müssen wir die Bedrohung untersuchen und Reaktionspläne entwickeln. Das kostet große Anstrengungen und viel Geld.
ZEIT: Sollte die Welt jetzt darüber reden, wer diese Umstrukturierungen bezahlt?
Pachauri: Das ist ja in Montreal Thema. Aber Entscheidungen dürften kaum fallen.
ZEIT: Indien muss die Menschen aus der Armut holen und folglich hohes Wirtschaftswachstum schaffen – doch das Milliardenvolk wird dann wie die Chinesen auch den Klimawandel vehement beschleunigen.
Pachauri: Noch lange werden Indiens Emissionen für die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre kaum eine Rolle spielen…
ZEIT: …sie werden sich laut Hochrechnungen in den nächsten 25 Jahren verdoppeln, dann würde jeder Inder etwa halb so viel Energie wie ein durchschnittlicher Wohlstandsbürger im Norden verbrauchen…
Pachauri: …und deshalb gilt weiter: Zunächst sind die Industrieländer dran. Für sie war der erste Schritt das Kyoto-Protokoll, und dieser Schritt war bisher nicht gerade erfolgreich. Erst dauerte der Beschluss lange, dann dauerte die Ratifizierung lange, und jetzt zieht sich die Implementierung hin. Einige Länder werden ihre Ziele nicht erreichen.
ZEIT: Halten Sie den Ansatz für richtig, maximale Emissionen pro Einwohner zu definieren, um dem Nachholbedarf des bevölkerungsreichen Südens gerecht zu werden?
Pachauri: Das schlagen die Entwicklungsländer, auch Indien, mit Recht vor, gemeinsam mit einigen NGOs in Industrieländern. Die Emissionen im Norden müssten dann so weit heruntergefahren werden, dass der Süden seine steigern kann.
ZEIT: Wo müssen sich die Industrieländer konkret mehr anstrengen?
Pachauri: Das kann man erst ableiten, wenn ausgehandelt wird, auf welchem Niveau wir die Zunahme der Treibhausgase insgesamt stoppen wollen. Die Welt muss sich dringend einig werden: Was definieren wir als Gefahr? Das ist keine klimawissenschaftliche Frage, da geht es um Gerechtigkeit. Für Europa sind die Bedrohungsperspektiven ganz andere als beispielsweise für kleine Inselstaaten. Alle Entscheidungen und Definitionen dazu dauern viel zu lange.
ZEIT: Wäre es angesichts der zähen Prozesse wirkungsvoller, dass einzelne Staaten voranpreschen?
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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