Wer kennt schon die SGT5-8000H? Kaum jemand. Dabei ist sie ein technologischer Superlativ. Den sperrigen Code haben Ingenieure des Siemens-Konzerns einer Errungenschaft verpasst, die ihresgleichen sucht. Eine "leistungsstärkere und größere" Gasturbine sei weltweit nicht zu haben, verkündete kürzlich Klaus Kleinfeld, der Vorstandsvorsitzende des Technologiekonzerns. Im oberbayerischen Irsching wird das Monstrum von 2007 an Dienst tun, in einem vom Stromkonzern E.on bestellten Kraftwerk. Das E-Werk wird die Power von 13 Jumbo-Jet-Triebwerken haben, eine Millionenstadt locker mit Strom versorgen können und gleichzeitig der Erdatmosphäre jährlich rund 40000 Tonnen klimaschädliche Treibhausgase ersparen. Schnell drehen sich die Rotoren der Windräder vor dunklen Regenwolken nahe dem brandenburgischen Jacobsdorf BILD

Während im kanadischen Montreal Diplomaten und Minister aus mehr als 150 Nationen um die Zukunft des Klimaschutzes und des Kyoto-Protokolls ringen, hat sich die Wirtschaft längst auf den Weg in die Zukunft gemacht. E.on, der größte private Energieversorger der Welt, will in den kommenden Jahren für knapp sechs Milliarden Euro technologische Höchstleistungen ordern. Anders als noch vor wenigen Jahren spiele dabei der geringe Ausstoß von Treibhausgasen eine wichtige Rolle, erklärt der für technische Grundsatzfragen bei der Münchner Tochter E.on-Energie zuständige Andreas Willeke: "Im Zweifel nehmen wir höhere Investitionsausgaben zugunsten besserer Effizienz in Kauf."

Das allein wird indes kaum reichen, die Erderwärmung in Grenzen zu halten. Denn die Bemühungen der Ingenieure, die gleiche Strommenge aus weniger Kohle oder Erdgas herzustellen, stoßen an die Grenzen des physikalisch Machbaren. Viel mehr als 60 Prozent der in den Bodenschätzen enthaltenen chemischen Energie in Strom umzuwandeln gilt schlicht als unmöglich. Diese Marke wird mit dem geplanten Siemens-Kraftwerk in Irsching aber bereits erreicht. Ihre High-Tech-Turbinen bescheren den Kraftwerksbauern deshalb zwar noch "historische Rekorde im Auftragseingang", wie Wolfgang Essig von der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbau (AGAB) sagt. Aber selbst aus der Wirtschaft wird der Ruf nach noch klimaverträglicheren Techniken laut. Es sei an der Zeit, den "Geschäftssinn auf die Entwicklung einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft" auszurichten, gab kürzlich BP-Chef Lord John Browne zu Protokoll.

Die Sehnsucht nach der postfossilen Ära kommt nicht von ungefähr. Denn während die Industrieländer nach wie vor die meiste Kohle, das meiste Öl und das meiste Gas verbrauchen, explodiert seit einigen Jahren auch die Nachfrage von Schwellenländern wie China und Indien – mit dramatischen geopolitischen und ökonomischen Konsequenzen. "Der Kampf um die Ressourcen wird härter", sagt E.on-Energie-Vorstand Bernhard Reutersberg.

Die wenig verheißungsvolle Aussicht, zusammen mit den wachsenden Klimagefahren, lässt die Industrie langsam umdenken.

"Wir verpflichten uns, bis 2010 doppelt so viel in Forschung und Entwicklung umweltfreundlicher Produkte zu investieren, und stocken das Budget von 700 Millionen Dollar auf 1,5 Milliarden Dollar auf." Nachzulesen ist diese Ankündigung nicht etwa im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, sondern in einem Strategiepapier des weltgrößten Technologiekonzerns, General Electric (GE). Die US-Amerikaner haben 17 Öko-Produkte – von der Energiesparlampe über Wind- und Fotovoltaiksysteme bis zur Flugzeugturbine – unter dem Namen Ecomagination gebündelt. Schon bis zum Jahr 2010 will das Unternehmen den Umsatz mit diesen vergleichsweise umweltverträglichen Produkten auf 20 Milliarden Euro jährlich verdoppeln, sagt Georg Knoth, GE-Vorstandsvorsitzender im deutschsprachigen Europa. Obendrein kündigt GE an, trotz des angepeilten Produktionswachstums seine eigenen Treibhausgasemissionen bis 2012 um einen Prozentpunkt zu senken.

GE ist kein Einzelfall. Auch die Siemens-Tochter PowerGeneration (PG) erweitert ihr grünes Angebot. Gut 5500 Windmühlen in 20 Ländern mit insgesamt 3800 Megawatt Leistung hatte Siemens bis 2004 ausgeliefert. Dann übernahm der Konzern den weltweit fünftgrößten Anbieter von Windturbinen, die dänische Bonus Energy; hinzu kam kürzlich die Bremer AN Windenergie GmbH. Nun will Siemens schon 2005 den Jahresabsatz von Windturbinen verdoppelt haben und im kommenden Jahr noch einmal um zwei Drittel zulegen. Auf jeden Fall "schneller als der Markt" will das Münchner Unternehmen bis 2010 wachsen – und der wächst nach Expertenschätzung um jährlich stattliche 13 Prozent.

Gut möglich, dass viele der Siemens-Mühlen von E.on geordert werden. Bei der konventionellen Stromerzeugung hat E.on in Deutschland einen Marktanteil von 28 Prozent. Und mindestens dahin will es der Stromkonzern auch bei den erneuerbaren Energien bringen, sagt E.on-Energie-Technologieexperte Willeke.

Der Strompreis muss deshalb nicht einmal ins Uferlose steigen. Die Konkurrenz der Windanlagenbauer bewirkt vielmehr, dass Windstrom vermutlich schon in zehn Jahren nicht mehr teurer als konventionell erzeugte Elektrizität ist. Um mit der Windsparte von GE und Siemens mithalten zu können, suchen sich nämlich auch Mittelständler längst finanzstarke Partner. So kann der Hamburger Windanlagenbauer REpower künftig ein zweistelliges Wachstum im Ausland anpeilen – "weil der Nuklearkonzern Areva als strategischer Investor die Finanzierung erleichtert", wie Vorstandschef Fritz Vahrenholt sagt.

Zu den finanzstarken Investoren gehören auch die Ölmultis, deren Geschäftsstrategie notgedrungen langfristig ausgerichtet sein muss. Nach allerlei Umwelt-Katastrophen sahen sie sich schon vor Jahren gezwungen, ihren Ruf als umweltfreundliche Unternehmen zu polieren. Der niederländische Ölkonzern Shell investierte nach eigenen Angaben bisher 1,5 Milliarden Euro in Ökokraftwerke. Zwar werfe das grüne Geschäft noch keine Gewinne ab, sichere aber Anteile im Energiemarkt der Zukunft, heißt es bei Shell. Bis zum Jahr 2050 werden nach Shell-Prognosen erneuerbare Energien weltweit ein Drittel zum Energiemix beitragen – und auch dann wolle man noch zu den führenden Energieanbietern gehören.

Eine ähnliche Strategie verfolgt British Petroleum (BP). Der Multi verpasste sich selbst den Slogan Beyond Petroleum ("Jenseits des Erdöls"), implantierte eine Sonne ins Konzernlogo – und investierte öffentlichkeitswirksam in Sonnenenergie. Die weltweit zweitgrößte Ölgesellschaft mauserte sich auf diese Weise bereits zum drittgrößten Solarunternehmen der Welt. Das Geschäft mit der Sonne ist trotz jährlich zweistelliger Zuwachsraten aber vor allem immer noch eines: ausbaufähig. Im vergangenen Jahr steigerte BP zwar seinen weltweiten Umsatz mit Solaranlagen um fast ein Drittel auf 330 Millionen Euro – und das Unternehmen kündigte gerade an, binnen 10 Jahren rund 5 Milliarden Euro mit Alternativenergien umsetzen zu wollen. Der Umsatz im Kerngeschäft mit Öl und Gas belief sich 2004 allerdings allein in Deutschland auf rund 21 Milliarden Euro. Getrieben werden die Großen auch beim Solarstrom von der mittelständischen Konkurrenz, die erfolgreich starke Finanzinvestoren ins Boot holt. Jüngstes Beispiel: Der Solarmodulhersteller S.M.D. Solar-Manufaktur Deutschland gewann die Hannover Finanz Gruppe als Partner, "um internationales Wachstum zu forcieren". Noch in diesem Jahr sollen 25 Prozent mehr als im Vorjahr erwirtschaftet werden.