porträt Der Fremde
Seine Fluchten nach Amerika irritieren. Seine Trainingsmethoden auch. Dabei soll er mit seinen Spielern den Weltmeistertitel holen. Wer ist Jürgen Klinsmann?
Flughafen Frankfurt am Main, Gate B 26, kurz nach neun Uhr morgens: »Ihr Lufthansa-Flug LH 456 nach Los Angeles ist jetzt zum Einsteigen bereit.« Für Jürgen Klinsmann geht wieder ein Deutschland-Besuch zu Ende. So hat er es in den vergangenen Monaten immer gehalten, Länderspiel um Länderspiel. Am Morgen danach bestieg der Bundestrainer sein fliegendes Fluchtmobil und ließ ein Fußball-Deutschland zurück, das mal zufrieden, häufig aber irritiert, oft empört und selten dankbar war.
So haben Klinsmanns persönliche transatlantische Aufbrüche sein Aufbruchsignal für den deutschen Fußball beim Amtsantritt im Juli 2004 immer wieder übertönt. Zwar schien der Aufbruch zunächst geglückt, der Trainer verordnete seinen Leuten unkontrollierte Offensive, doch dann, im vergangenen Herbst beim Spiel gegen China, schienen alle neue Tugenden vergessen.
Ungerührt setzte sich Klinsmann auch dann am nächsten Morgen wieder ins First-Class-Abteil der Maschine nach L.A. und ließ das deutsche Jammertal weit hinter sich. In solchen Momenten wuchs die Distanz zwischen dem Trainer und der Fußballnation über die 10000 Kilometer hinaus, die zwischen Frankfurt und dem Westküstenstädtchen Huntington Beach liegen.
Kopfschüttelnd blickten die Fans Klinsmann hinterher. Selbst wohlmeinende Kommentatoren fürchteten auf einmal ein gestörtes Verhältnis des Bundestrainers zu seinem Job. Seit mittlerweile 18 Monaten im Amt, gibt der Coach der deutschen Öffentlichkeit immer wieder Rätsel auf. Selbst enge Vertraute gestehen, den Freund nicht wirklich gut zu kennen. Teammanager Oliver Bierhoff will einen »unglaublichen Fleiß« bei Klinsmann entdeckt haben. DFB-Chef Theo Zwanziger lobt ihn als »absolute Führungspersönlichkeit«. Fragen nach der Gefühlswelt des Trainers weichen beide lieber aus. Andere empfehlen eine Spurensuche in Klinsmanns amerikanischer Parallelwelt.
Der Bundestrainer, ein Phantom?
Frankfurt am Main, im September , Aufnahme der Spur: Gate B 26, 9.15 Uhr, Flug LH 456 nach Los Angeles. Zehn Flugstunden, die der Coach nutzt, um Hunderte von E-Mails in alle Welt zu schicken. Jeder will etwas von ihm, seit feststeht, dass er es bei der WM 2006 für Deutschland richten soll. Klinsmann liebt den E-Mail-Verkehr. Er kann diese zwischenmenschliche Zugbrücke nach Belieben hochziehen. Er bestimmt, wann er antwortet – und wem. Bis zum Frühjahr 2004 war es vor allem die elektronische Post seiner amerikanischen Geschäftspartner, die auf Klinsmanns Laptop aufleuchtete.
Dann kam die Zäsur, das Ereignis, an das sich deutsche Fans nur mit Schaudern erinnern: Europameisterschaft in Portugal im Jahr 2004, die deutschen »Rumpelfußballer« blamieren sich bis auf die Knochen. Vollständige Kapitulation. Die Mannschaft um Kapitän Oliver Kahn ist dem Gegner körperlich, taktisch und technisch unterlegen. Selbst der unbedingte Wille zum Sieg – über die Jahre als verlässliche deutsche Tugend gepriesen – ist nicht mehr zu erkennen.
Fußball macht den Deutschen plötzlich keinen Spaß mehr. Der Job des über Nacht zurückgetretenen Rudi Völler liegt auf der Straße, und keiner hebt ihn auf. Europameister Otto Rehhagel winkt ab. Auch Ottmar Hitzfeld will sich das nicht antun. Und das zwei Jahre vor der WM. Durch sie soll das Bruttoinlandsprodukt 2006 real um 0,3 Prozent wachsen. Die Postbank errechnet: Durch sie wachsen die Investitionen im Land um sechs Milliarden Euro. Der private Konsum steigt um zwei, drei Milliarden, die Exporte um eine Milliarde. Nicht auszudenken, die Nationalelf hielte da sportlich nicht mit.
In der Stunde der Not reist – auf Vermittlung von Berti Vogts – DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder mit kleiner Delegation in die USA, um Jürgen Klinsmann das Amt des Bundestrainers anzudienen. Die Herren treffen sich in einem New Yorker Hotel. Klinsmann erinnert sich später: »Das Amt angeboten zu bekommen war eine große Ehre für mich. Mein persönliches Glück aber hing nicht davon ab.«
Vorteil für ihn. Er kann der DFB-Delegation seine Bedingungen direkt in das Vertragspapier diktieren. Sein Plan für eine mehr oder weniger friedliche deutsche Fußballrevolution: radikale Verjüngung des Teams, Konzentration auf die körperliche und geistige Fitness unter Aufsicht externer Experten, Austausch wichtiger Figuren im Umfeld von Mannschaft und Verband, alleinige Verfügungs- und Entscheidungsgewalt des Bundestrainers und seiner Vertrauten.
Und nicht zuletzt: Sein Wohnort bleibt Amerika, er möchte das Dasein eines Pendlers führen.
Landung in Los Angeles , noch 45 Minuten bis Huntington Beach, einem schmucklosen Küstenort an einer vierspurigen Schnellstraße. Straßencafés, Steakhäuser, eine Promenade, dahinter der Strand mit Scharen unermüdlicher Surfer in dunklem Neopren. Ein wenig spektakulärer Ort, an dem Klinsmann nicht einfach zu finden ist. Hier kennt niemand den deutschen Fußballbundestrainer. In einer orientierenden E-Mail hat er geschrieben: »10 Uhr in Huntington Beach geht in Ordnung. Treffpunkt wäre das Hotel Hyatt Regency Resort and Spa.« Am Ende der Mail der euphorisierende Zusatz »(maximal 2 Std.)«.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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Warum eine Rückreise zum eigenen langjährigen Lebensmittelpunkt eine Flucht sein soll, daß erklärt der Autor leider nicht. Irritiert sind wohl alle die, die tief in der großen Zufriedenheit des seit vielen Jahren sehr rückständigen deutschen Fußballs verstrickt sind. Jasager und Mitläufer.
Wenn Klinsmann der Vorstandschef eines deutschen Konzerns wäre, dann würde ich verlangen, daß er am Standort seines Abeitsplatzes wohnen würde. Für ein Projekt Nationalmannschaft bzw. WM 2006 tut der Abstand zum Gemenge der Bundesliga eher gut. Die Reisezeiten gehen doch allein zu Lasten von Klinsmann.
Klar ist doch, daß es im Bereich der deutschen Fußball-Nationalmannschaften schwerwiegende Defizite gegeben hat. Für diese Defizite standen zuletzt Völler, Skibbe und Mayer-Vorfelder. Niemand hat sich aufgeregt, als Völler mit seinem Team gro0e Mühe in der Qualifikation hatte und während der EM nicht überzeugen konnte. Rudi Völler ist heute noch enorm beliebt, obwohl er die EM in Portugal so voll vergeigt hat, wie Merkel den Bundestagswahlkampf der CDU.
Fakt ist, daß Klinsmann mit einem überflüssigen, schrecklichen Provinzialismus konfrontiert wird, der von einer Reihe von kleingeistigen Journalisten gepflegt wird. Ebenso ist es wohl schwer für die Fach-Journalisten zu verstehen, daß die Trainingsmethoden in der deutschen Bundesliga zum Teil veraltet sind bzw. moderne, vorteilheafte Methoden nicht genutzt werden. Offensichtlich hinken die Journalisten auch hier hinterher.
Ich wünsche Klinsmann und seinem Team einen guten Erfolg bei der WM 2006. Dumme Nörgler wird er wohl ertraqen können. Trotzdem wäre es hilfreich, wenn die Presse auf eine verständnisvolle, innovative Unterstützung umschalten könnte. Dazu sollte es doch eigentlich reichen. Oder?
Auch wenn Jürgen Klinsmann immer wieder in der Kritik steht: mit seinen Trainingsmethoden wird er das deutsche Team voranbringen.
Jedoch aus durchscnittlichen Spielern Weltfußballer machen: Das wird ihm wohl nicht gelingen können. Deshalb ist Teamarbeit gefragt.
Bei der vorhandenen Struktur der Bundesliga, 60-70 % Ausländer, hat Klinsmann eine viel zu geringe Auswahl. Noch dazu zählen diese Leute, bis auf wenige Ausnahmen, nicht zu den Leistungsträgern in Ihren Vereinen. Beispiel: Bester "deutscher" Torjäger vorige Saison erst an neunter oder zehnter Stelle. Noch dazu hat sich eine geistige Einstellung eingenistet, die den Erfolg der Nationalmannschaft fast unmöglich macht: Der Verein ist alles, ich muß das Verletzungsrisiko minimieren, ich darf nicht das Letzte aus mir herausholen. Frühes Ausscheiden aus einem Turnier bedeutet auch zwei Wochen länger Urlaub und Zeit zur Regeneration nach einer langen Saison. Daher ist der deutsche Nationalspieler immer einen Schritt zu kurz, zu spät und zu wenig nahe am Gegner usw. Mich erinnert dies stark an amerikanische Zustände beim Basketball und Eishockey, wo jahrzehntelang Olympia und WM nicht wirklich wichtig war.
\N
Zu: Klasse, Von GuentherPikos
Wie kann etwas "Klasse sein", wenn es tausende Menschen ablehnen? Die Globalisierung zerstört Familien, Traditionen uns lieb Gewordenes! Warum ist das so? Weil es einige so wollen und nicht den Menschen, sondern die Profite in den Mittelpunkt aller Bewegung stellen.
Herr Klinsmann ist ein Egozentriker, der nicht in unsere Zeit passt, aber leider angehimmelt wird. Hoffentlich kommen wir Menschen noch zur Vernunft!
Wer bezahlt die Flüge? Wer die Schäden an der Natur?
So nicht mit mir, Herr Guenther Pikos
Ich bin für Eigenverantwortlichkeit, aber es muss auch
"Menscheln" und das es "Menschelt" in der Bundesmannschaft geht über meine Vorstellungskraft! Es menschelt nämlich nicht! ... die Ergebnisse sehen wir im ganzen System der USA.
Jeder großaufgemachter Fakt aus den USA ist: Menschenverachtend!
\N
Jürgen Klinsmann hat bis jetzt alle positiven Erwartungen erfüllt.
Er ist genau der Richtige als:
- SPORTLICHES VORBILD: Selber schon alles gewonnen.
- MOTIVATOR: Verbreitet positives Denken und Patriotismus.
- INNOVATOR: Setzt auch mal unkonventionelle Mittel ein.
- PSYCHOLOGE: Ist in der Lage, auf die unterschiedlichen Spielertypen individuell einzugehen.
- AUTORITÄT: Hat feste Vorstellungen und hält unbeirrt an ihnen fest (damit vermittelt er Kontinuität und Verläßlichkeit).
- INTELLIGENZ: Zweifellos vorhanden (Erfolgreich auch im familiären und privat-beruflichen Bereich). Kann vor allem Wichtiges von weniger Wichtigem unterscheiden. Denkt analytisch und in größeren Zusammenhängen. Beurteilt die Fähigkeiten der eigenen Mannschaft realistisch und baut konsequent die vorhandenen Stärken aus.
- MENSCH: Charakterlich erstklassig. Beurteilt die Spieler fair nach Leistung (gerade in der Torhüterfrage zeigt er damit Mut). Hohe persönliche Risikobereitschaft -> setzt sehr stark auf die ganz Jungen und denkt damit auch über den Tellerrand der nächsten WM hinaus.
Die Summe all dessen ergibt das, was man gemeinhin als Charisma bezeichnet.
Auch ein Jürgen Klinsmann ist nicht GANZ perfekt (und vielleicht gerade deshalb DOCH perfekt?): Wir hätten gerne mal ein sportliches Vorbild, das im Lande bleibt (und auch hier seine Steuern bezahlt; ungestörte Privatsphäre hin oder her!). Ein wenig gemildert wird der Unmut hierüber aber durch sein starkes soziales Engagement (Kinderhäuser) auch in Deutschland.
Egal was nächstes Jahr "unten raus kommt" - wir haben den besten Trainer, den es zu haben gibt.
daß Herr Klinsmann sich der Meute entzieht.
Er geht dem unsinnigen Gruppendruck und zeigt ein
modernes Managerverhalten. Weltoffen, mit guten Manieren,
mehrsprachig, auch noch Unternehmer? Ein Vorbild für
modernes Management. Seine Berufserfahrungen sind bekannt.
Statt unsinniger Artikel zu schreiben sollte man seine
Lebens- und Arbeitsweise für die moderne Managerausbildung
zum Vorbild nehmen.
Weiter so, Herr Klinsmann! "Viel Feind - viel Ehr!
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