Knüppel zwischen die Beine
Gerhard Schröder wird vielleicht ein wenig stolz darauf sein, dass seine Irak-Politik immerhin von der Wissenschaft einen Stempel bekommt: Soft Balancing - verhaltener Gegendruck - ist der Begriff, auf den einige Politologen das Verhalten von Staaten gegenüber der Übermacht Amerikas bringen wollen, nur um darauf den Widerspruch mancher Zunftkollegen zu ernten.
Der jüngste und bisher gründlichste Schlagabtausch findet in der neuen Ausgabe der Zeitschrift International Security statt, herausgegeben vom Belfer-Zentrum für Naturwissenschaft und Internationale Beziehungen der Harvard-Universität, das schwergewichtigste Organ wissenschaftlicher Diskussion all dessen, was heute Sicherheit heißt. Unter dem Gesamttitel Balance-Akte streiten acht zumeist namhafte Professoren - ein Einziger, T. V.
Paul, nicht Amerikaner - darüber, ob und wie der Rest der Welt dem kruden Unilateralismus der ersten Amtszeit von George W. Bush Paroli geboten hat. Am Ende werden die Soft Balancer von jenen nach Punkten geschlagen, die dartun, dass der schöne Begriff wenig taugt.
Hintergrund des Streits ist das wissenschaftliche Konzept vom Gleichgewicht der Kräfte und die Frage, wieweit es noch auf die Bedingungen einer unipolaren und globalisierten Welt passt. In der internationalen Anarchie, so das Konzept, geht es jedem Staat nur um die eigene Sicherheit. Und wenn sich irgendwo einer von ihnen anschickt, andere zu dominieren, dann schließen sie sich zu Gegenallianzen zusammen, das Gleichgewicht ist wiederhergestellt.
Nur: warum war dies lange nicht zu beobachten, nämlich seit mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion die USA zum zentralen Pol internationaler Macht geworden sind?
Alle an der Debatte Beteiligten sind sich in einem einig: Hard Balancing, etwa indem andere Staaten gegen Amerika aufrüsten oder dauerhaft Antibündnisse schließen, ist weder zu registrieren noch sinnvoll. Dafür sind der Abstand zu Amerikas Macht und das Interesse an Zusammenarbeit mit ihm zu groß. Aber wenigstens Soft Balancing seitens der sich bedrängt Fühlenden müsste es doch geben. Robert A. Pape von der Universität Chicago und T. V.
Paul definieren dies ähnlich: mit nichtmilitärischen Maßnahmen die Aktionen der Supermacht verzögern und verteuern. Eben wie Gerhard Schröder, Jacques Chirac und Wladimir Putin in der Irak-Krise gegenüber den USA.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 49/2005
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