roman Das Glück, allein zu sein

Reinhard Jirgls Roman »Abtrünnig« ist eine aufregende Heimkehr zu uns selbst

Großartig. Dieser Roman spielt nicht in Kuba, in Magnitogorsk, in der Bildungsmandschurei. Er spielt auch nicht in den kinderfrohen Siebzigern, im bürgerstolzen 18. Jahrhundert. Wir haben mit der deutschen Literatur in diesem Herbst schon viele Flugkilometer zurückgelegt, sind auf den Flickenteppichen aus fleißig zusammengetragenen Lesefrüchten in ferne Zeiten gereist und haben im Schlepptau des literarischen Erlebnistourismus manche Weltgegend verachten gelernt. Mit dem neuen Roman von Reinhard Jirgl sind wir endlich in der Gegenwart angekommen, dort, so heißt es gleich zu Beginn, wo »es nicht aufhört wehzutun«: Berlin, Spätsommer 2000 bis Spätherbst 2004. Es ist eine schwierige, eine aufregende Heimkehr zu uns selbst.

Reinhard Jirgl, 1953 in Ost-Berlin geboren, in der Altmark aufgewachsen, an der Berliner Volksbühne jahrelang als Beleuchtungstechniker in der Versenkung verschwunden, besetzt seit seinem unglaublichen Erfolg bald nach der Wende, nach seinen Romanen Hundsnächte und Abschied von den Feinden, im literarischen Theater das Rollenfach des genialen Bösewichts. Dieses Fach, einst prominent besetzt mit Autoren wie Heinrich Heine, Bertolt Brecht, Heinrich Mann, ist inzwischen aus der Mode gekommen. Der böse, unversöhnliche Blick auf die Welt ist ein Fossil aus den alten Tagen der Gesellschaftskritik, das heute vielleicht bei Günter Grass sein holzgeschnitztes Gnadenbrot frisst oder bei Peter Rühmkorf im Sektkelch schwimmt. In den Romanen von Reinhard Jirgl erlebt dieses Fossil eine machtvolle Wiedergeburt.

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Es geht um unser Leben. Eingefangen in den Köpfen zweier deutscher Männer, eines Hamburger Journalisten, den die Liebe nach Berlin treibt, wo er zum Schriftsteller und Amokläufer avanciert, und eines ostdeutschen Grenzbeamten aus Frankfurt an der Oder, der aus nämlichen Gründen sein unverdientes Ende als Berliner Taxifahrer findet. Spiegel- und Doppelfiguren wie so oft im Werk Reinhard Jirgls, die fleischgewordene Hoffnung, dass der Mensch nicht ganz allein ist unter Feinden, sondern irgendwo einen vielleicht lebenslang unerkannten Freund auf Erden hat.

Es geht um die Liebe. Sie ist groß, unbedingt und »sonder Vorbehalt« – wie Uwe Johnson, auch er ein ostdeutscher Schwerst-Moralist, zu sagen pflegte. Sie gilt Sophia, der Hamburger Therapeutin, der Immobilienmaklersgattin, die bald in Zehlendorf in falschem Prunk und Protz residiert und die Berliner Kulturpudel bei sich zu Gast hat. Und sie gilt Valentina, der ukrainischen Unschuld und Germanistikstudentin, die bald in Berlin-Mitte den Neuberliner Pavianen zu Willen ist. Und sie scheitert, wie nicht anders möglich. Erstens an ihrer eigenen Idee, die höher ist als alle Vernunft und damit fürs Leben ungeeignet. Zweitens an Baudelaire, der behauptet, dass »dies Geschmeiß, wie eiserne Maschinen unverwundbar, niemals, sommers nicht noch winters, die wahre Liebe je gekannt« hat, ein keinesfalls historisch gewordener Befund, auf den Jirgl mehrfach zurückkommt. Und drittens daran, woran sie meistens scheitert, an dem Panzer aus Gewöhnlichkeit, Selbstbezogenheit und Schwäche, aus dem wir nicht dauerhaft herauskommen und an dem dieses Buch wütend zerrt.

Die Enttäuschung über das Scheitern der Liebe und der Freundschaft bricht aus den Figuren heraus, die alle von der wortgewaltigen und wortspielerischen Weltkommentaritis ihres Erfinders angesteckt sind. Das ertönt in einer musikalischen, expressiven Kunstsprache, für die es in der Gegenwartsliteratur keinen Vergleich gibt – und zu der auch eine kunstvolle Sonderorthografie gehört, nach der die Schreibweise jedes Wortes neu verhandelt wird (daraus entstehen erhellende Bedeutungsverschiebungen wie beim »Schurnalisten-Hohn-oh-rar«). Wie ein großer Gesang aus vielen Mündern erhebt sich die volltönende Klage über die Enge und Mutlosigkeit unseres Lebens, über die Herzenskälte, den unausrottbaren Untertanengeist, den ferngesteuerten Intellekt, die standardisierten Gefühle. Eine Klage, beinahe nicht mehr gebunden an eine besondere Rede- und Figurenperspektive, sondern welt- und menschenumspannend, tragödial, jenseits aller besonderen Verhältnisse. Berlin im Jahr 2004 ist da nur eine beliebige Unterabteilung des allgemeinen Weltverhängnisses, das heute in Berliner Redaktionsstuben, gestern in der DDR, vorgestern bei der eindringlich beschriebenen Hetzjagd der Celler Honoratioren auf entflohene KZ-Häftlinge seine widerwärtige Fratze zeigt.

Ein Geschichtspessimismus, der tiefer geht als das übliche literaturfondsgeförderte Leiden am Kapitalismus, steckt in diesem Roman, der immer wieder bei demselben Refrain ankommt: So furchtbar ist und bleibt der Mensch, so falsch, so bösartig, so unwahrhaftig – »als sei eine Fettschicht über das-Leben-der-Menschen geschmiert, die das-Leben=selbst verseift«. Eine Zumutung ist das und zugleich eine schreckliche, eine rattenschwarze Vereinfachung. Aber kein Einwand gegen ein Kunstwerk, das sich mit Leidenschaft der Tragödie verschrieben hat, deren Kraft in der Radikalität und Blindheit gegenüber allen bürgerlichen Kompromissen und Einschränkungen liegt.

Das »Bestiarium alles Bürgerlichen-Lebens« verstößt den Tragödenhelden dann auch mit frostiger Unerbittlichkeit. Seine Artikel erscheinen nicht mehr, Redakteure unterwerfen sich dem Profitgedanken wie mittelalterliche Feudalherren dem Kaiser. Ein kleines Erbe vom Vater, einem gescheiterten wendländischen Bauern, verschwindet in der Gruppenkasse einer korrupten alternativen Lebensgemeinschaft. Den Rest verschenkt er in einem Akt grundloser Großzügigkeit (und nicht ganz ohne ein paar nach Anerkennung heischende Seitenblicke auf George Bataille und seine Theorie der Verausgabung) an seinen unbekannten Geistesbruder, den ostdeutschen Taxifahrer, der ihn einmal durch die Berliner Finsternis fährt.

Es geht um Berlin. Auch die Stadt agiert als große Tragödin, blendet und lärmt wie zu Franz Bieberkopfs Zeiten, wirft sich in die große Robe des »noi=erbauten Konkurs-Metropolen-Wahns« und geht doch nach jeder Feier im »großen Maskenverleihsystem der Stadt« wieder als das alte Aschenputtel nach Hause. In die Dunckerstraße, in die Schöneberger Hinterhöfe, wo das »Big Bißness« noch nie vorbeigesehen hat, in die unendlichen Weiten einer Stadtlandschaft, die ungeküsst vor sich hin dämmert.

Alle naselang erduldet Berlin »den Auftritt der Verkünder vom ›Überwinden der Talsohle‹, vom ›Aufschwung‹«, rollt ihnen den roten Teppich aus und bleibt als Betrogene am Ende mit dem Dreck wieder allein. Das neue Berlin ist noch immer das alte. »Katastrophische Ironie« nennt Jirgl das.

Es gibt keinen deutschsprachigen Roman, der so entschieden und furios an sämtlichen Voraussetzungen unserer Konsensgesellschaft zweifelt und sich an unserer Gegenwart Kopf und Sprache blutig schlägt wie dieser. Häufig übersehen wird dabei, dass die Kraft der Vernichtung, die Jirgls Romane auszeichnet, aus der Hoffnung kommt. Darin ist er konservativ. Und das unterscheidet ihn von der gemütlichen Traurigkeit des gängigen literarischen Desillusionismus, der an nichts mehr glaubt, am wenigsten an sich selbst.

Der Ursprung dieses großen Zerstörungskunstwerks ist die Utopie, dass es das richtige Leben gibt. Dieses Leben, man ahnt es, riecht nicht nach Windeln und Familienleben. Es lässt sich kaum verorten in den Standardangeboten handelsüblicher Lebensformen. Manchmal duftet es nach einsamen Wäldern. Manchmal sieht es aus wie das weite gerade Land mit leeren Alleen. Manchmal klebt an seinen Händen Blut. Manchmal ist es das Glück, allein zu sein. Manchmal nennt man es Eigensinn. Manchmal Freiheit.

Solche Träume sind gefährlich. Jirgls Held jedenfalls endet obdachlos, als Trinker und Mörder. Und Schriftsteller. Auf der letzten Seite bringt er sein fertiges Buch zur Post. Danach schreitet er kräftig aus und geht befreit in die offene Landschaft. Uns bleibt das Glück des Lesens.

AbtrünnigBelletristikRoman aus der nervösen ZeitReinhard JirglBuchHanser Verlag2005München25,90543
 
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