roman Das Glück, allein zu seinSeite 2/2

Es geht um Berlin. Auch die Stadt agiert als große Tragödin, blendet und lärmt wie zu Franz Bieberkopfs Zeiten, wirft sich in die große Robe des »noi=erbauten Konkurs-Metropolen-Wahns« und geht doch nach jeder Feier im »großen Maskenverleihsystem der Stadt« wieder als das alte Aschenputtel nach Hause. In die Dunckerstraße, in die Schöneberger Hinterhöfe, wo das »Big Bißness« noch nie vorbeigesehen hat, in die unendlichen Weiten einer Stadtlandschaft, die ungeküsst vor sich hin dämmert.

Alle naselang erduldet Berlin »den Auftritt der Verkünder vom ›Überwinden der Talsohle‹, vom ›Aufschwung‹«, rollt ihnen den roten Teppich aus und bleibt als Betrogene am Ende mit dem Dreck wieder allein. Das neue Berlin ist noch immer das alte. »Katastrophische Ironie« nennt Jirgl das.

Es gibt keinen deutschsprachigen Roman, der so entschieden und furios an sämtlichen Voraussetzungen unserer Konsensgesellschaft zweifelt und sich an unserer Gegenwart Kopf und Sprache blutig schlägt wie dieser. Häufig übersehen wird dabei, dass die Kraft der Vernichtung, die Jirgls Romane auszeichnet, aus der Hoffnung kommt. Darin ist er konservativ. Und das unterscheidet ihn von der gemütlichen Traurigkeit des gängigen literarischen Desillusionismus, der an nichts mehr glaubt, am wenigsten an sich selbst.

Der Ursprung dieses großen Zerstörungskunstwerks ist die Utopie, dass es das richtige Leben gibt. Dieses Leben, man ahnt es, riecht nicht nach Windeln und Familienleben. Es lässt sich kaum verorten in den Standardangeboten handelsüblicher Lebensformen. Manchmal duftet es nach einsamen Wäldern. Manchmal sieht es aus wie das weite gerade Land mit leeren Alleen. Manchmal klebt an seinen Händen Blut. Manchmal ist es das Glück, allein zu sein. Manchmal nennt man es Eigensinn. Manchmal Freiheit.

Solche Träume sind gefährlich. Jirgls Held jedenfalls endet obdachlos, als Trinker und Mörder. Und Schriftsteller. Auf der letzten Seite bringt er sein fertiges Buch zur Post. Danach schreitet er kräftig aus und geht befreit in die offene Landschaft. Uns bleibt das Glück des Lesens.

AbtrünnigBelletristikRoman aus der nervösen ZeitReinhard JirglBuchHanser Verlag2005München25,90543
 
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