strom Hilfe, es schneit!
Das Münsterland in Nordrhein-Westfalen erlebt den schwersten Stromausfall der Geschichte. Wie ist das möglich?
Münsterland
Das Schlimmste sei die Kälte, sagt Kamilla Brickmann. Nur noch sechs Grad Wohnungstemperatur! Seit Tagen harrt sie mit Mann und Kleinkindern in der Stadthalle Ochtrup aus, gemeinsam mit anderen Menschen, deren Zuhause kalt und dunkel ist. »Zuerst war es ja ganz romantisch, Candle-Light-Dinner und so, aber jetzt habe ich die Schnauze voll.« Viele Leute in der Stadthalle sind enttäuscht und wütend. Auf die Schuldigen am Stromausfall, die sie nicht kennen. Auf die Nachbarn, die mit Notstrom versorgt werden: »Ist das wirklich notwendig, dass Geschäfte ihre volle Beleuchtung anmachen? Dass die Leute eine Maschine nach der anderen waschen? Und wir sitzen im Kalten und Dunklen.«
Im Münsterland hat eine viertel Million Menschen das erste Adventswochenende unfreiwillig bei Kerzenschein vor dem Kamin verbracht. Orte wie Borken, Coesfeld, Ochtrup und Steinfurt künden von gebrochenen Strommasten, von Leitungen ohne Saft, vom größten Stromausfall in der Geschichte der Bundesrepublik.
In den Ställen von Michael Hewing nahe Ochtrup brüllen 250 Muttersäue und 1500 Ferkel nach Futter, Wasser, Luft und Wärme. Strom fehlt, um Wasser aus dem 40 Meter tiefen Brunnen zu pumpen; ohne Wärme erfrieren die Ferkel; ohne Elektrizität ist der Stall nicht belüftet, fällt die Futteranlage aus. »Blanke Existenzangst« hat Hewing schon am Freitag dazu getrieben, per Traktor – das Auto war eingeschneit – Notstromaggregate zu organisieren, die er später vorsorglich einmotten will.
»Mit dem Vieh verlieren die Landwirte ihr Kapital«, weiß man bei RWE Energy, dessen Tochter Westfalen-Weser-Ems die Region bei gutem Wetter mit Elektrizität versorgt und dieser Tage rund um die Uhr an der Wiederherstellung des Normalzustandes arbeitet. Fließt der Strom erst wieder, sollen die unzähligen Helfer belohnt und »Schadens-Härtefälle aus Kulanz« abgefunden werden – das ist bislang die Krisenstrategie des Versorgers.
Ein »singuläres Wetterereignis« sei die Ursache, sagt ein Meteorologe
Wie hatte es so weit kommen können? Ein »singuläres Wetterereignis« sei die Ursache, sagt Joachim Schug, Meteorologe bei Jörg Kachelmanns Wetterdienst meteomedia. Zum ersten Mal seit 80 Jahren sei das Münsterland binnen kürzester Zeit im Schnee versunken. Zwölf Stunden lang schneite es ununterbrochen – nicht leichte Flocken, sondern wässerigen Matsch. Eine weitere Klimakapriole – die erste Novemberhälfte war sehr warm – hatte vielen Bäumen die Blätter gelassen. Nun lagerte sich der Schneematsch darauf ab und ließ die Bäume über Straßen und Stromleitungen zusammenbrechen.
Schlimmer noch war, dass mehr als 50 Strommasten dasselbe Schicksal wie die Bäume ereilte. Zentimeterdicke Eismäntel vervielfachten das Eigengewicht der jeweils zwischen den Masten gespannten Leitungen. Der anhaltende Sturm brachte die eisummantelten Kabel zum Tanzen, bis sie sich aus ihren Befestigungen lösten und im Sturz die Mastspitzen mit sich rissen.
Zugleich kam auch der Verkehr zum Erliegen. Fahrzeuge mit Sommerreifen, stecken geblieben im 50 Zentimeter hohen Neuschnee, verursachten kilometerlange Staus und trieben den Hoteliers der Region verfrorene Gäste zu, die »mit wenig zufrieden waren«, wie Heidi Weitkamp erzählt, die am Rande von Ochtrup ein Hotel und einen Kiosk betreibt. Unterdessen hat die Suche nach den Schuldigen begonnen. Hätte RWE das Stromnetz auf das Unwetter einstellen müssen? Schließlich hatte das Unwetteramt schon 36 Stunden vor der Wetterkatastrophe die rote, zweithöchste Warnstufe ausgegeben: Starkschnee! Die Meteorologen kündigten präzise an: Nassschnee bis zu 20 Zentimeter in sechs bis zwölf Stunden. Litten die Masten und Leitungen im Westfälischen womöglich an Materialermüdung? Im RWE-Konzern weist man alle Vorwürfe zurück. Es bestehe »kein Optimierungsbedarf«, sagt Herbert Janssen, Leiter des Regionalzentrums Nordhorn der RWE Westfalen-Weser-Ems. Schließlich habe es in hiesigen Netzen noch nie eine solche Störung gegeben.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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