Wirtschaftsethik Die verlorene Generation

Sie denken in Zahlen und glauben nur ans Geld: Warum viele Manager heute versagen

Von Ausnahmen abgesehen, fehlt es Managern nicht an Moral, sondern an der richtigen Ausbildung. Wer ein typisches amerikanisch geprägtes Programm zum Master of Business Administration (MBA) absolviert hat, ganz gleich, an welcher Universität, kommt mit den denkbar schlechtesten Voraussetzungen in eine Führungsposition. Kritische Reflexion hat in dieser in den vergangenen Jahren so populären Ausbildung keinen Platz, weil sie weder in den Theorien noch in ihrem didaktischen Vehikel, der Fallstudie, vorkommt. Die Frage, was richtig für die Unternehmen, für Manager und deren Aufgabe ist, wurde zuletzt nicht mehr gestellt; es genügte, dass etwas modern war. Eine ganze Managergeneration wird umlernen müssen.

Kern der Fehlentwicklung sind die beiden größten Irrlehren der Wirtschaftsgeschichte: Shareholder-Value und Wertsteigerung als oberste Zwecke und Ziele eines Unternehmens. In einem makabren globalen Eroberungszug haben diese Irrlehren die Köpfe vieler, vor allem auch jüngerer Führungskräfte erreicht. Nicht weil sie richtig wären – sondern weil sie die einzigen Managementtheorien waren, die auf Englisch verfügbar waren und noch immer sind.

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Selbst im deutschsprachigen Raum, der in wichtigen Punkten deutlich Besseres zu bieten hatte und in entscheidenden Aspekten der Unternehmensführung – der Corporate Governance – sehr viel höher entwickelt war, wurden die angelsächsischen Heilslehren bereitwillig übernommen. Die kritische Auseinandersetzung damit haben die Volks- und Betriebswirte in den neunziger Jahren mit wenigen Ausnahmen versäumt. Womöglich waren sie mit der Verbreitung der Irrtümer schon genug ausgelastet.

Nicht die Moral ist defekt, sondern es fehlt das richtige Wissen über Unternehmensführung. Dieser Mangel kann auch durch edelste Moral nicht kompensiert werden. Umgekehrt kann richtiges Managementwissen explizite Moral durchaus entbehrlich machen, weil sie nämlich darin bereits enthalten ist.

Der beste Beweis dafür sind die zahlreichen ausgezeichnet geführten Unternehmen Deutschlands, die immun gegen die amerikanischen Irrlehren waren, weil sie längst gezeigt hatten, dass sie es besser können. Dazu gehören praktisch alle unternehmerisch geführten Firmen, unabhängig von Größe, Branche, Rechtsform, Finanzierung und auch unabhängig davon, ob sie an der Börse gelistet sind oder nicht. Es sind Firmen wie BMW, Porsche, Boehringer Ingelheim, Otto, Würth, Haniel oder Stihl, ein Gutteil des Genossenschaftssektors, wie die Bausparkasse Schwäbisch Hall und viele andere. Ihre Maßstäbe sind kompromisslose Kundenorientierung und Wettbewerbsfähigkeit. In den Medien wird über diesen Unternehmenstyp kaum berichtet, weil er nicht für auflagenträchtige Schlagzeilen taugt. Durch einseitige Berichterstattung entsteht der – falsche – Eindruck, in Deutschland gebe es vorwiegend skandalgeschüttelte und von Managern ohne Moral geführte Firmen.

Ich wage die These, dass kein dauerhaft gut geführtes Unternehmen nach der Doktrin des Shareholder-Value geführt ist. Eine am Shareholder-Value ausgerichtete Unternehmensführung ist der systematische Weg in den Misserfolg. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit.

Der irrige Glaube an die Überlegenheit angelsächsischen Managements hat zu Fehlentwicklungen geführt, die heute als moralische Defizite wahrgenommen werden, aber etwas anderes sind. Diese Art der Unternehmensführung hat Personen an die Spitze großer Unternehmen gebracht, die früher keine Chance gehabt hätten und auch heute in den richtig geführten Unternehmen nicht in Spitzenpositionen sind. Es ist der Typus des geldgetriebenen Menschen, dessen Wirtschafts- und Weltverständnis durch die monetäre Quantifizierbarkeit von Businessplänen limitiert ist. Seine Maxime lautet: Man kann nicht managen, was man nicht quantifizieren kann. Dagegen steht: Management wird dort überhaupt erst gebraucht, wo man nicht mehr quantifizieren kann – und dennoch handeln muss.

Das medial ins Zentrum gerückte und daher als allgemein verbreitet wahrgenommene Phänomen ist materialistische Geldgier. Es gibt solche von Gier getriebenen Menschen, aber sie sind eher selten. Diesen ist Moral entgegenzuhalten, was sie allerdings selten überzeugt, und wenn, dann erst wie Hofmannsthals Jedermann am Ende der Tage.

Geldgetriebenheit ist nicht identisch mit Geldgier. Geldgetriebenheit ist die auf die scheinbar beste, international anerkannte, von Universitäten zertifizierte Ausbildung gestützte Auffassung, dass nur zähle, was in ökonomischen Größen, letztlich Geld, ausgedrückt werden kann. Es ist die durch MBA-Abschlüsse legitimierte Überzeugung, dass es außer monetären keine anderen Werte gebe, zuvorderst in der Wirtschaft, aber wegen deren überragender Bedeutung und scheinbaren Vorbildhaftigkeit und Effizienz auch in den anderen Bereichen der Gesellschaft.

Leben wird von solchen Leuten in Geld gemessen, nicht weil sie un- oder amoralisch sind, sondern weil sie das als ultimative Wahrheit in ihrer Ausbildung so gelernt haben. Sie haben durchaus eine Moral – die Moral des ökonomischen Reduktionismus, der so allerdings von keinem einzigen der echten liberalen Denker vertreten wurde, nicht von Friedrich von Hayek, Ludwig von Mises oder Wilhelm Röpke. Die Begründer des echten Liberalismus, die schottischen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts, waren erklärte Gegner eines solchen ökonomischen Denkens.

Es ist neoliberalem Halbwissen zuzuschreiben, dass die Wirtschaft in ihrem Grundbestand gefährdet wird. Echter Liberalismus verlangt nicht, dass alle Ziele der Wirtschaft unterstellt werden. Was der Liberalismus aber verlangt, ist, dass jeder für seine Handlungen einzustehen hat. Das muss auch für Manager gelten. Zahlreiche Positionen des Liberalismus wurden zuletzt ins Gegenteil verkehrt.

Es ist falsch, den Menschen zu predigen, dass die Marktwirtschaft ein wundervolles System sei. Die Marktwirtschaft ist ein schlechtes System. Das ist es auch, was der täglichen Erfahrung der meisten Menschen entspricht. Sie erleben den Markt als brutal, unbarmherzig, unmenschlich und ungerecht. Führungskräfte sollten die Marktwirtschaft zwar verteidigen, aber nicht lobpreisen. Auch sie wissen, dass die Marktwirtschaft schlecht und ineffizient ist. Sie wissen aber auch, dass alle anderen Systeme noch viel schlechter und ineffizienter sind.

Es ist naiv zu sagen, der Markt werde schon alles richten. Er führt keine wirtschaftliche Leistung herbei, er verhindert keine Fehler, sondern bestraft sie – nachdem sie passiert sind. Um die Schwächen des Marktes zu kompensieren, brauchen wir gut ausgebildete Manager, die Unternehmen nicht auf Aktionärsinteressen und die Maximierung der Gewinne reduzieren. Aber nicht aus moralischen Gründen – sondern weil wirksames Management einer anderen Logik folgen muss.

 
Leser-Kommentare
  1. Jede Zeit hat ihre eigene Dummheit, und Nachdenken war nie gefragt.
    In den achtziger Jahren regierte der Vertrieb, man wollte Marktanteile, egal, ob sie Ertrag brachten. In den Neunzigern regierte das Marketing mit seinen Luftblasen, da wurde Produkte vorgestellt, die niemals in eine Entwicklungsabteilung gelangten. Nun haben wir die Strangulation durch die seelenlosen Finanzer, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennen, als nächstes werden wir von den Sicherheitsexperten erstickt werden.

  2. Ohne Wissen geht es nicht. Ohne Moral est recht nicht Wissen hat Moral nicht von sich aus bei sich. Ách, wenn es nur so wäre! Moral ist das Vorzeichen, das Wissen quaklifiziert. Man könnte es mit einer mathematischen Formel beschreiben: +(Wissen) oder -(Wissen). Kater

  3. Sehr geehrter Herr Malik,

    halten Sie es für möglich, durch eine Änderung des Aktienrechts eine Abkehr vom Shareholder-Value-Denken zu erzwingen, z.B. durch eine Beschränkung des Stimmrechts auf langfristig orientierte Aktionäre?

    Oder bleibt uns nichts anderes übrig, als die nächsten 20 Jahre lang auf besser ausgebildete Manager zu warten?

    • MAB
    • 01.12.2005 um 18:15 Uhr

    Im Grunde hat die "Elite" der BWL-Professoren versagt. Sie waren bzw. sind nicht in der Lage, den Studierenden und späteren Führungskräften zu vermitteln, dass Mitarbeiter kein Kostenfaktor sind, sondern das wertvollste Kapital, über welches ein Unternehmen verfügt. Produkte werden in immer kürzen Zyklen austauschbar oder veralten in immer kürzeren Abständen. Dem kann sich ein Unternehmen doch nur durch Ideen und deren Umsetzung entziehen. Das können aber nur die Beschäftigen leisten.

    Man stelle sich nur vor, Mitarbeiter würden in einer Bilanz als Vermögen ausgewiesen. Die Entlassung von Mitarbeitern würde sich dann als Vermögensvernichtung (Abschreibung auf das Humkapital) darstellen. Da würden aber die hochtrabenden Renditepläne der nach persönlicher Einkommensmaximierung gierenden Managergilde arg gebeudelt werden.

    Es wird Zeit das der Blickwinkel sich ändert. Sonst wird auch der Kapitalismus schneller eine Episode der Geschichte sein als wir heute ahnen.

  4. Manager sind auch nur Menschen, diese Entschuldigung gilt nicht mehr. Sie arbeiten für den Fortschritt weniger und verwalten den Reichtum der Nationen nur noch miserabel. Denn sonst wären die USA trotz ihrer angeblichen Stärke nicht gleichzeitig auch Weltbettler um immer mehr Fachkräfte, die sie vor dem Ruin retten sollen.

  5. Die Manager versagen nicht. Sie sind noch die Gewinner in diesem Spiel. Sie wissen oft nicht, dass sie nur über Halbwissen verfügen. Sie glauben tatsächlich, über die ultimative Wahrheit zu verfügen. Sie haben keinen Grund, an ihren Kenntnissen zu zweifeln, sie haben Erfolg, Anerkennung, Versorgungssicherheit, Macht.

    Sie sind renditetauglich und bewerten ihre Mitarbeiter ausschließlich an der Renditetauglichkeit. Die Mitarbeiter haben zu funktionieren so wie der Manager auch funktioniert. Und sie bemühen sich auch, sie strengen sich an, viele verlieren den Verstand. Humankapital wird zum Wohlstandsmüll.
    Der Arbeitsschutz hat ein neues Betätigungsfeld, die Krankenkassen beklagen den Kostenaufwand.

    Diese Manager müssen nicht umdenken, sie können nicht umdenken. Sie waren nicht fähig oder nicht willig oder beides, ihre Lerninhalte kritisch zu reflektieren. Sie plagen keine Zweifel.
    Ustinov behauptete: "Wer nicht zweifelt ist verrückt." Somit haben wir es mit Verrückten zu tun.

    Malik: "Wirksames Management muss einer anderen Logik folgen" Doch welcher Logik? Und in welche Richtung wirksam?

    Die Dominanz ökonomischer Wertmassstäbe muß kritisch überdacht werden, Denkanstöße werden zur Zeit in den Feuilletons, in Kultursendungen, von Geisteswissenschaftlern angeboten. Philosophen sind gefragt, kritisches Reflektionsvermögen, der eigene Verstand.

    Felix

    • Simt
    • 08.12.2005 um 17:40 Uhr

    Es ist kein Zufall, dass sie so rar sind, die Manager die sich über mehr und anderes freuen können als über ihren eigenen Erfolg in EUR. Wenn ich an mein WIWI Studium zurückdenke: trist war es. Das halten nur Menschen aus, die nicht allzuviel Wert auf Lebendigkeit und Lebensfreude legen. Die Kreativen und ganzheitlich Denkenden brechen oft nach zwei Semestern das Studium ab.
    Der Berufsweg eines künftigen Managers: unzählbare Überstunden lassen gar nicht den Gedanken aufkommen, dass es andere Werte im Leben geben könnte und wenn sich doch einmal so ein Gedanke anschleicht, sollte man ihn schnell verdrängen, bevor es einen Krank macht, die vielen schönen Aspekte, die das Leben auch noch bereit hält gar nicht leben zu können.

  6. es lässt hoffen, dass die destruktiven Auswirkungen bereits in die Lehrinhalte gedrungen sind. Bleibt weiterhin zu hoffen, dass diese auch im Unternehmen gelebt werden können.
    Die zur Zeit öffentlich geführte Diskussion ist wie alle Themen veraltet wenn sie erst in die Zeitungen gelangt sind. Für den in der Industrie tätigen, ob Manager oder einfacher Mitarbeiter ist das alles nicht neu.
    Dennoch erscheint mir die öffentliche Behandlung unerlässlich. Allein um die Umdenker zu unterstützen und die fremdgetrieben mitlaufenden, willfährig ausführenden Opportunisten zu ächten. Denn diese dominieren immer noch die Führungsstile.
    Die Geschichte bietet genügend Beispiele dafür, dass gerade die kleingeistigen Mitmacher, wenn sie denn Einfluss erhalten, den Untergang mit unzähligen Opfern beschleunigen.

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