Wirtschaftsethik Die verlorene GenerationSeite 2/2
Geldgetriebenheit ist nicht identisch mit Geldgier. Geldgetriebenheit ist die auf die scheinbar beste, international anerkannte, von Universitäten zertifizierte Ausbildung gestützte Auffassung, dass nur zähle, was in ökonomischen Größen, letztlich Geld, ausgedrückt werden kann. Es ist die durch MBA-Abschlüsse legitimierte Überzeugung, dass es außer monetären keine anderen Werte gebe, zuvorderst in der Wirtschaft, aber wegen deren überragender Bedeutung und scheinbaren Vorbildhaftigkeit und Effizienz auch in den anderen Bereichen der Gesellschaft.
Leben wird von solchen Leuten in Geld gemessen, nicht weil sie un- oder amoralisch sind, sondern weil sie das als ultimative Wahrheit in ihrer Ausbildung so gelernt haben. Sie haben durchaus eine Moral – die Moral des ökonomischen Reduktionismus, der so allerdings von keinem einzigen der echten liberalen Denker vertreten wurde, nicht von Friedrich von Hayek, Ludwig von Mises oder Wilhelm Röpke. Die Begründer des echten Liberalismus, die schottischen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts, waren erklärte Gegner eines solchen ökonomischen Denkens.
Es ist neoliberalem Halbwissen zuzuschreiben, dass die Wirtschaft in ihrem Grundbestand gefährdet wird. Echter Liberalismus verlangt nicht, dass alle Ziele der Wirtschaft unterstellt werden. Was der Liberalismus aber verlangt, ist, dass jeder für seine Handlungen einzustehen hat. Das muss auch für Manager gelten. Zahlreiche Positionen des Liberalismus wurden zuletzt ins Gegenteil verkehrt.
Es ist falsch, den Menschen zu predigen, dass die Marktwirtschaft ein wundervolles System sei. Die Marktwirtschaft ist ein schlechtes System. Das ist es auch, was der täglichen Erfahrung der meisten Menschen entspricht. Sie erleben den Markt als brutal, unbarmherzig, unmenschlich und ungerecht. Führungskräfte sollten die Marktwirtschaft zwar verteidigen, aber nicht lobpreisen. Auch sie wissen, dass die Marktwirtschaft schlecht und ineffizient ist. Sie wissen aber auch, dass alle anderen Systeme noch viel schlechter und ineffizienter sind.
Es ist naiv zu sagen, der Markt werde schon alles richten. Er führt keine wirtschaftliche Leistung herbei, er verhindert keine Fehler, sondern bestraft sie – nachdem sie passiert sind. Um die Schwächen des Marktes zu kompensieren, brauchen wir gut ausgebildete Manager, die Unternehmen nicht auf Aktionärsinteressen und die Maximierung der Gewinne reduzieren. Aber nicht aus moralischen Gründen – sondern weil wirksames Management einer anderen Logik folgen muss.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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Jede Zeit hat ihre eigene Dummheit, und Nachdenken war nie gefragt.
In den achtziger Jahren regierte der Vertrieb, man wollte Marktanteile, egal, ob sie Ertrag brachten. In den Neunzigern regierte das Marketing mit seinen Luftblasen, da wurde Produkte vorgestellt, die niemals in eine Entwicklungsabteilung gelangten. Nun haben wir die Strangulation durch die seelenlosen Finanzer, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennen, als nächstes werden wir von den Sicherheitsexperten erstickt werden.
Ohne Wissen geht es nicht. Ohne Moral est recht nicht Wissen hat Moral nicht von sich aus bei sich. Ách, wenn es nur so wäre! Moral ist das Vorzeichen, das Wissen quaklifiziert. Man könnte es mit einer mathematischen Formel beschreiben: +(Wissen) oder -(Wissen). Kater
Sehr geehrter Herr Malik,
halten Sie es für möglich, durch eine Änderung des Aktienrechts eine Abkehr vom Shareholder-Value-Denken zu erzwingen, z.B. durch eine Beschränkung des Stimmrechts auf langfristig orientierte Aktionäre?
Oder bleibt uns nichts anderes übrig, als die nächsten 20 Jahre lang auf besser ausgebildete Manager zu warten?
Im Grunde hat die "Elite" der BWL-Professoren versagt. Sie waren bzw. sind nicht in der Lage, den Studierenden und späteren Führungskräften zu vermitteln, dass Mitarbeiter kein Kostenfaktor sind, sondern das wertvollste Kapital, über welches ein Unternehmen verfügt. Produkte werden in immer kürzen Zyklen austauschbar oder veralten in immer kürzeren Abständen. Dem kann sich ein Unternehmen doch nur durch Ideen und deren Umsetzung entziehen. Das können aber nur die Beschäftigen leisten.
Man stelle sich nur vor, Mitarbeiter würden in einer Bilanz als Vermögen ausgewiesen. Die Entlassung von Mitarbeitern würde sich dann als Vermögensvernichtung (Abschreibung auf das Humkapital) darstellen. Da würden aber die hochtrabenden Renditepläne der nach persönlicher Einkommensmaximierung gierenden Managergilde arg gebeudelt werden.
Es wird Zeit das der Blickwinkel sich ändert. Sonst wird auch der Kapitalismus schneller eine Episode der Geschichte sein als wir heute ahnen.
Manager sind auch nur Menschen, diese Entschuldigung gilt nicht mehr. Sie arbeiten für den Fortschritt weniger und verwalten den Reichtum der Nationen nur noch miserabel. Denn sonst wären die USA trotz ihrer angeblichen Stärke nicht gleichzeitig auch Weltbettler um immer mehr Fachkräfte, die sie vor dem Ruin retten sollen.
Die Manager versagen nicht. Sie sind noch die Gewinner in diesem Spiel. Sie wissen oft nicht, dass sie nur über Halbwissen verfügen. Sie glauben tatsächlich, über die ultimative Wahrheit zu verfügen. Sie haben keinen Grund, an ihren Kenntnissen zu zweifeln, sie haben Erfolg, Anerkennung, Versorgungssicherheit, Macht.
Sie sind renditetauglich und bewerten ihre Mitarbeiter ausschließlich an der Renditetauglichkeit. Die Mitarbeiter haben zu funktionieren so wie der Manager auch funktioniert. Und sie bemühen sich auch, sie strengen sich an, viele verlieren den Verstand. Humankapital wird zum Wohlstandsmüll.
Der Arbeitsschutz hat ein neues Betätigungsfeld, die Krankenkassen beklagen den Kostenaufwand.
Diese Manager müssen nicht umdenken, sie können nicht umdenken. Sie waren nicht fähig oder nicht willig oder beides, ihre Lerninhalte kritisch zu reflektieren. Sie plagen keine Zweifel.
Ustinov behauptete: "Wer nicht zweifelt ist verrückt." Somit haben wir es mit Verrückten zu tun.
Malik: "Wirksames Management muss einer anderen Logik folgen" Doch welcher Logik? Und in welche Richtung wirksam?
Die Dominanz ökonomischer Wertmassstäbe muß kritisch überdacht werden, Denkanstöße werden zur Zeit in den Feuilletons, in Kultursendungen, von Geisteswissenschaftlern angeboten. Philosophen sind gefragt, kritisches Reflektionsvermögen, der eigene Verstand.
Felix
Es ist kein Zufall, dass sie so rar sind, die Manager die sich über mehr und anderes freuen können als über ihren eigenen Erfolg in EUR. Wenn ich an mein WIWI Studium zurückdenke: trist war es. Das halten nur Menschen aus, die nicht allzuviel Wert auf Lebendigkeit und Lebensfreude legen. Die Kreativen und ganzheitlich Denkenden brechen oft nach zwei Semestern das Studium ab.
Der Berufsweg eines künftigen Managers: unzählbare Überstunden lassen gar nicht den Gedanken aufkommen, dass es andere Werte im Leben geben könnte und wenn sich doch einmal so ein Gedanke anschleicht, sollte man ihn schnell verdrängen, bevor es einen Krank macht, die vielen schönen Aspekte, die das Leben auch noch bereit hält gar nicht leben zu können.
es lässt hoffen, dass die destruktiven Auswirkungen bereits in die Lehrinhalte gedrungen sind. Bleibt weiterhin zu hoffen, dass diese auch im Unternehmen gelebt werden können.
Die zur Zeit öffentlich geführte Diskussion ist wie alle Themen veraltet wenn sie erst in die Zeitungen gelangt sind. Für den in der Industrie tätigen, ob Manager oder einfacher Mitarbeiter ist das alles nicht neu.
Dennoch erscheint mir die öffentliche Behandlung unerlässlich. Allein um die Umdenker zu unterstützen und die fremdgetrieben mitlaufenden, willfährig ausführenden Opportunisten zu ächten. Denn diese dominieren immer noch die Führungsstile.
Die Geschichte bietet genügend Beispiele dafür, dass gerade die kleingeistigen Mitmacher, wenn sie denn Einfluss erhalten, den Untergang mit unzähligen Opfern beschleunigen.
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