Der Mann mit der Pudelmütze, der vor Tor 2 des Conti-Werks steht, demonstriert Mitgefühl. "Arbeitskampf ist angesagt", steht in ungelenken Buchstaben auf den beiden Pappen, die er sich umgehängt hat. Die Arbeiter, die zum Schichtende aus dem Werk strömen, würdigen ihn kaum eines Blickes. BILD

Endzeitstimmung in Hannover-Stöcken. Ende 2006 werden hier 320 Jobs verloren gehen. Die Arbeit wird dann in Osteuropa erledigt. Wut? Eher wechselt die Stimmung vor Tor 2 zwischen Verdrängung und Resignation.

Am 31. Dezember 2006 läuft die Produktion von Pkw-Reifen in Hannover-Stöcken aus, das hat Continental-Chef Manfred Wennemer vergangene Woche verfügt. Obwohl das Werk durchaus profitabel ist und Conti beim Gewinn das vierte Rekordjahr in Folge ansteuert. Obwohl die Conti-Aktie seit Jahren zu den Besten im Dax gehört. Und obwohl erst im Juli eine Betriebsvereinbarung in Kraft trat: Die Arbeiter in Hannover-Stöcken verzichteten auf ihre Lohnerhöhung, auf ihre Einmalzahlung und ihre bezahlten Pausen. Knapp 10 Prozent weniger haben sie damit in der Tasche. "Überlegen Sie mal", sagt der Conti-Betriebsratsvorsitzende Wilfried Hilverkus, "9,7 Prozent weniger Geld!"

Manfred Wennemer sagt, Rekordgewinne und Arbeitsplatzabbau hätten "überhaupt nichts miteinander zu tun".

Wie Wennemer argumentieren auch andere Unternehmenslenker in Deutschland. Wie der Conti-Chef schreiben sie die besten Zahlen seit Jahren – und setzen dennoch Leute auf die Straße.

Die Deutsche Telekom will 32.000 Stellen abbauen, obwohl der Konzerngewinn allein im letzten Quartal bei 2,4 Milliarden Euro lag. Henkel verzeichnete 2004 ein Rekordjahr – und streicht 3000 Arbeitsplätze. IBM verdiente im vergangenen Jahr so gut wie nie, trotzdem verlieren 620 Programmierer ihren Job – die Kollegen in Ungarn und Tschechien sind billiger. Bei AEG in Nürnberg kämpfen 1750 Beschäftigte um den Erhalt ihrer Fabrik. In Hamburg schloss der norwegische Konzern Norsk Hydro ein hochrentables Aluminiumwerk mit 440 Mitarbeitern. Bei der Allianz stehen bis zu 8000 Jobs auf der Kippe. Und die Deutsche Bank hält daran fest, dass 6400 Beschäftigte gehen müssen, obwohl das Geldhaus auf einem rasanten Erfolgskurs fährt. "Wir haben keine Alternative", sagt Vorstandschef Josef Ackermann.

Jetzt, im Winter, bewegt sich die Arbeitslosenzahl in Deutschland wieder auf die Fünf-Millionen-Marke zu. Gleichzeitig wird die Mehrzahl der deutschen Konzerne das Jahr erneut mit Rekordgewinnen abschließen. Die Aktionäre profitieren, die Beschäftigten haben Angst. So macht sich ein bitteres Gefühl breit: dass die Manager nur auf Aktienkurse und Renditen schauen – und nicht mehr auf das Land und die Menschen, die in ihm leben. Es ist das Gefühl, dass da etwas nicht mehr zusammenpasst.

Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) nennt es die "Unersättlichkeit" der Wirtschaft und ihrer Lobbyisten. Und verärgert fordert Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) von den Unternehmen mehr Engagement für "Arbeitsplätze in Deutschland".

Fehlt es Deutschlands Managern also an Moral – und an Patriotismus?

"Nicht vom Wohlwollen der Metzger, Bäcker und Brauer erwarten wir das, was wir zum Leben brauchen, sondern weil diese ihre eigenen Ziele verfolgen", schrieb vor 250 Jahren Adam Smith. Individueller Egoismus, so der Urvater der Marktwirtschaft, treibe die Wirtschaft voran – und nütze damit allen. "Alle", das waren in der guten alten Zeit der Bundesrepublik vor allem die Deutschen. Was Siemens oder Bosch oder Daimler oder Thyssen diente, davon profitierte auch die Republik.

Vorbei. Die globalisierte Wirtschaft hat den lange abgeschotteten deutschen Binnenmarkt aufgebrochen; der Wettbewerb – um Produkte, Märkte und Jobs – ist rau geworden. Heute konkurrieren nicht mehr allein die Unternehmen aus den alten Industriestaaten. Billiger hergestellte Waren aus China, Indien oder Osteuropa überrollen den Markt.