Wirtschaftsethik Manager ohne Moral?Seite 4/4

Die Deutsche Bank empfiehlt Investoren in einer jüngst veröffentlichten Studie, sich besonders solchen Unternehmen zuzuwenden, die ihre Arbeitskosten deutlich senken. Zehn Prozent niedrigere Ausgaben für das Personal bedeuteten 40 Prozent mehr Profit, heißt es in der Analyse. Was daraus folgt, zeigt der Gewinnanteil am deutschen Volkseinkommen, der seit fünf Jahren ebenso rapide steigt, wie der Anteil der Löhne fällt. Auch dies hat negative Folgen für die Gesamtwirtschaft: Stagnierende Lohneinkommen lasten auf dem Konsum – und damit auf dem Wachstum. Neben die Frage, ob es eine moralische Grenze des Renditestrebens gibt, tritt also die nach den volkswirtschaftlichen Konsequenzen. »Als Manager zu sagen: Ich bin den Finanzmärkten und der Globalisierung ausgeliefert, ist zu wenig«, sagt der Unternehmer Ulrich Hemel, der auch Autor eines Buches über Unternehmensethik ist: »Viele Chefs sehen sich subjektiv einem hohen Druck ausgesetzt. Sie haben aber eine Wahl, können nein sagen.« Zu radikalen Schnitten gebe es fast immer sozialverträglichere Alternativen.

Selbst unter Topmanagern grummelt es, doch die meisten halten still – aus Angst um ihren eigenen Job, berichten Insider. Hemel konstatiert in deutschen Unternehmen »eine Kultur mangelnder Zivilcourage«. Geld beruhige oft das schlechte Gewissen, sagt ein anderer Kenner der Verhältnisse auf den Chefetagen – Geld, das oft genug umso mehr fließt, je besser die Unternehmensaktie läuft. Losgelöst von Moral und Anstand, würden dann eben Bestände runtergefahren, Menschen entlassen und Prozesse gnadenlos optimiert.

Manager wie Conti-Chef Wennemer gelten dabei als Vertreter einer ausschließlich von der Wall Street geprägten Weltanschauung, für die der Standort Deutschland irrelevant ist und die am Fundament der Gesellschaft rüttelt. »Wenn das Beispiel Wennemer Schule macht, kann die Regierung reformieren, wie sie will – sie wird verlieren«, warnt ein Manager. »Der Kapitalismus verliert an Legitimation.«

Aber kann ein System, dessen Prinzipien sich nicht an moralischen Kategorien orientieren, mit moralischen Appellen ins Lot gebracht werden?

Auf dem Podium in Bad Homburg sitzen Alexander Dibelius, der Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs, und Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen. Geladen hat das Pharmaunternehmen Altana, eine Dax-Firma in Familienbesitz, die das Renditestreben der Börse kritisiert. »Gerade in schwierigen Zeiten gilt: Unternehmerischer Erfolg bedeutet mehr als nur Börsenerfolg«, heißt es in einer laufenden Altana-Anzeigenkampagne. Es ist der Freitagabend der vergangenen Woche. 150 Zuhörer warten auf den Schlagabtausch zwischen Politiker und Banker. Mit im Publikum: Johanna und Stefan Quandt, die Großaktionäre von BMW. Als BMW 2004 Rekordgewinne machte, wurde den Arbeitnehmern nicht nur Urlaubs- und Weihnachtsgeld gezahlt – sie bekamen auch zusätzlich eine Erfolgsbeteiligung von 1,5 Monatsgehältern.

Der Politiker Koch fragt den Investmentbanker Dibelius, ob es gerechtfertigt sei, dass manche Unternehmen das Weihnachtsgeld strichen, »nur um die Eigenkapitalrendite von 15 auf 18 Prozent zu steigern«. Ob man nicht für ein paar Jahre auf ein oder zwei »Pünktchen« verzichten solle, des Zusammenhaltes der Gesellschaft wegen. Dibelius nuschelt. Der Moderator fragt nach. Dibelius winkt ab. Macht dann klar, dass er davon nichts hält. Redet vom »Weltenbürgertum«.

Roland Koch sagt noch, dass es zu Ludwig Ehrhards Zeiten für die Politik leicht gewesen sei, liberale Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu schaffen. »Damals galt: Geht es der Wirtschaft gut, geht es auch den Menschen gut.« Heute laute die Gleichung bei immer mehr Menschen: »Je besser es der Wirtschaft geht, desto schlechter geht es mir.«

In Hannover hat Conti-Schichtleiter Kai Mike Rößing zuletzt noch freiwillige Sonderschichten am Wochenende gefahren, im Oktober hat er ohne einen freien Tag durchgearbeitet. Jetzt sieht Rößing sich nach einem neuen Job um. »Notfalls als Chauffeur.«

 
Leser-Kommentare
  1. Alle drei Monate muss jeder Manager, ob im unteren oder oberen Management, Zahlen liefern über seinen Arbeit. Sicher sinnvoll und doch hat es zur Folge: Nur nichts unternehmen, was meinen Zahlen schadet! So ist es für uns Angestellte "normal" geworden, nur noch kurzfristig zu denken.
    Bei Rekordgewinnen Arbeitsplätze zu verlagern, um noch höhere Gewinne zu erwirtschaften, bringt, meiner Meinung nach, nur kurzfristigen Gewinn, denn bei dieser Managementstrategie wird außer Acht gelassen, dass wir alle Kunden sind. Und Kunden können ihre Kauflust bewußt auf andere Firmen umlenken. Auch wird übersehen, dass Arbeitslose weniger konsumieren werden.
    Kunden können auch den betreffenden Firmen mitteilen, warum sie die Produkte auf Weiteres nicht mehr kaufen wollen.

  2. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt deutlich, dass die Eigenkapitalrendite das nahezu ausschliessliche Kriterium für wirtschaftliches Handeln geworden ist.
    Wir haben eine enorme Welle von Firmenfusionen erlebt, d.h. immer mehr wirtschaftliche Macht konzentriert in immer kleineren Zentren, der Druck auf Arbeitnehmer wächst ständig während die Unternehmensrenditen steigen.
    Dieser Prozess hat in den letzten Jahren mit einer Hemmungslosigkeit an Schwung gewonnen, dass mir oft der Gedanke kommt, der alte Mann aus Trier hat nicht so ganz unrecht gehabt. Insbesondere die letzten Jahre zeigen, dass die Wirtschaft ihrer Verantwortung gegenüber dem Allgemeinwohl freiwillig nicht nachkommt ( das gilt nicht nur für Deutschland ).
    Weiterhin immer meh Liberalisierung zu fordern in der vagen ( oft zerstörten )Hoffnung, die Konzerne würden in Arbeitsplätze investieren, ist der falsche Weg, die Geschichte hat es bewiesen.

    Nein, ich möchte nicht die DDR wiederhaben, aber der Staat hat die Pflicht, zum Wohle aller regulierend einzugreifen. Im Zeitalter der Globalisierung ist auch internationale Zusammenarbeit auf diesem Gebiet nötig.
    Das hat nichts mit Bevormundung und mehr Bürokratie zu tun, eher etwas mit Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich.

  3. 3. Nein!

    Es ist viel schlimmer...sie haben sich selbst verloren!
    Die Einsamkeit und die rüden Umgangsmethoden herrschen
    in ihrem Umfeld und beherrschen auch sie selbst.

    Das erklärt ihren Gefühlsverlust und den unendlichen
    Kampf ihren falschen Heiligenschein zu bewaren.

    Die Verlierer werden sie sowieso sein. Wer einmal sein
    Selbstwertgefühl auf wackeligen Beinen errichtet hat
    wird im Alter am Stock gehen. Ich habe mehr Mitleid als
    Verachtung für diesen Managertyp, der seine Seele auf
    Zeit verkauft. Wirkliche Unternehmer haben Rückgrat,
    zeigen Verantwortung und meiden diese Netzbeschmutzer.

    Geld und Macht besitzen... ist das Eine.
    Aber damit umgehen können... das ist ein schweres Geschäft.

    Und das junge Management sieht sowieso den Wald vor
    lauter Bäumen nicht mehr, Hauptsache ein Titel und
    großspuriges Getue! Armselig.

    Selbst Deutsch fällt ihnen schwer. Denglisch soll's richten!
    Auslandsaufenthalte dienen auch eher der Verzierung.
    Wer im eigenen Land etwas nicht zustande bringt - dem
    wird es draußen schon garnicht gelingen.

    Selbst Fachleute kriegen graue Haare wenn sie in die
    globale Fremde gehen, wenn man sie durch "Beratung"
    dorthin gelost hat. Die Scharlatane sind überall, aber
    in der globalen Welt kommen Mentalitätsprobleme hinzu.

    Im gesamten Internet werden sie keine echten Zahlen
    der gescheiterten globalen Versuche finden.

    Was nicht organisch gewachsen ist - hat keine Zukunft!
    Und die Globalisierung trägt zu viele kranke Züge.

    Hinweis: ...lesen Sie eine Erklärung gleich nebenan!
    Die verlorene Generation! Von Prof. Fredmund Malik

    • SL7
    • 01.12.2005 um 20:30 Uhr
    4. \N

    Hier treffen wir auf das Problem des "Leistungslosen Geldes",
    welches auch durch solche Herren in großer Menge produziert wird.
    Wie diese berühmten Reiskörner auf dem Schachbrett.

    Die Zahlen werden immer beeindruckender,die grüne Papierflut
    gewaltig.Mangels Unterbringungsmöglichkeit muß die große
    KAPITALVERNICHTUNGSMASCHINE (heiß o. kalt?) angeworfen werden.

    Auferstanden aus Ruinen....
    landen wir dann doch vielleicht beim "Reichskaiser" des
    Horst Mahler.
    Es soll niemand sagen er hätte nichts gewußt.

  4. Da soll man nun nicht jammern! Dieser Artikel beschreibt genau jene Zusammenhänge, die unter dem Pseudonym "Globalisierung" wirklich jedem schon einmal untergekomemn sind, und zwar ohne dass die Tragweite in Bezug auf die eigenen Lebensumstände dabei unbedingt sofort und ganz zu erfassen gewesen wären. Vor allem jedoch, ohne dass man an der absolut logisch verlaufenden Entwicklung auch nur das Geringste ändern könnte. Es sei denn, man würde sich trotz fehlenden Geldes um den Verstand kaufen - oder man wäre breit, sich als Aktionär an dem ganzen Wahnsinn aktiv zu beteiligen. In diesem Fall hätte man zwar auch nichts geändert, man hätte aber wenigstens was davon gehabt.

    Nichts gegen die gute alte Solidarität. Es ist scheinheilig, von Moral zu reden, wenn man die menschenwürdige Behandlung lediglich den eigenen Landsleuten gönnt. In sofern sollte man mit der Kritik an den "Fluchten" des Kapitals in aufstrebende Drittwelt- oder Exostblockländer vorsichtig sein. Die dort geschaffenen Arbeitsplätz bietet schließlich die Möglichkeit einer Gewinnmaximierung nur deshalb, weil parallel dazu neue Absatzmärkte geschaffen werden. Die Bevölkerung in Ungarn, China oder Mexiko bekommt dank unserer Großkonzerne endlich - nein, noch lange keinen fairen, aber immerhin den doppelten Lohn für ihre Arbeit. Bislang hat diese Art der "Weltverbesserung" denn auch ganz prima funktioniert. Die Probleme nämlich, die in den "Heimat"-Ländern der Unternehmen durch die Produktionsauslagerung entstanden sind, sind bislang mittels der (in früheren Zeiten erwirtschafteten bzw. bankfinanzierten) sozialen Sicherungssysteme halbwegs abgefedert worden. Man hat sozusagen von seiner Speckschicht gelebt. Nun allerdings ist der Speck dahingeschmolzen und der Staat ist demüht, sich "sozialverträglich" aus der Verantwortung für den "Unternehmensnachlass" zurückzuziehen. Die Folge davon wird vermutlich sein, dass perspektivisch niemand, der nicht wenigstens so gut arbeitet, wie der billigste Indonesier, mehr Einkommen zur Verfügung hat, als eben jener fleißige und gebildete Indonesier.

    Kine Panik: Von heute auf morgen wird diese Vision wohl nicht wahr werden. Allein schon deswegen nicht, weil die Unternehmen offenbar langsam mitbekommen, welche Umsatzeinbrüche ihnen drohen können, wenn die heimischen Märkte wegen Zahlungsunwillig- bzw. -fähigkeit geschlossen werden. Aber zu bremsen (nicht zu stoppen) ist die Globalisierung der Gewinne wahrscheinlich allenfalls mit der Einführung des täglichen Fahneneids in deutschen Grundschulen. Wenn wir nicht (wie die US-Amerikaner als Erfinder unseres Wirtschaftssystems es tun) bereits den ganz kleinen Kindern einhämmern, Deutschland sei das schönste, stärkste und geliebteste Land der Erde, dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn die lieben Kleinen als Erwachsene unser beklagenswertes Manager-Problem darstellen. Ein klein wenig schwanger kann man eben nicht sein.

  5. Wenn Ihnen das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht passt, dann ekelt doch die Unternehmen aus Deutschland raus. In ein paar Jahren werden wir dann sehen, wer den Wohlstand für Deutschland erwirtschaftet hat.

    • Hexel
    • 01.12.2005 um 11:34 Uhr

    Ein besonders krasser Fall zerstörerischer Unternehmensstrategie zeigen neben dem Reifenhersteller Continental auch die Hamburger Aluminiumwerke. Sie beabsichtigt ihren Betrieb in Hamburg zu schließen, obwohl er profitabel ist - und ein Käufer vorhanden war.

    Die Strategie, profitable Betriebe zu schließen, weil in anderen Ländern eine noch höhere Nettorendite zu erzielen ist, zeigt die Notwendigkeit einer Reform des europäischen Gesellschafts- und Mitbestimmungsrechts. Die von der willkürlichen Schließung betroffenen Kommunen und die Belegschaften müssen mehr Mitbestimmungsrechte erhalten. Derart weitreichende Entscheidungen für das Leben von Tausenden von Mitarbeitern und das Wohlergehen ganzer Kommunen darf nicht von einem Vorstand feudalistisch im Alleingang entschieden werden.

    Es muss deshalb drüber nachgedacht werden, das Schließen von profitablen Unternehmen auch vom Votum der betroffenen Belegschaften und Kommunen abhängig zu machen. Denkbar wäre auch das Erfordernis einer Zweidrittel-Mehrheit im Aufsichtsrat bei anonymen Kapitalgesellschaften.
    Kapitalunternehmen sind keine Privatangelegenheit einiger Weniger. Sie tragen Verantwortung gegenüber Kunden, Zulieferern, Belegschaften und den Bürgerinnen und Bürgern einer Wirtschaftsregion. Ein Unternehmen, das sich lediglich an immer mehr Rendite für die Aktionäre orientiert, verfehlt seinen eigentlichen wirtschaftlichen Auftrag. Unternehmen sollen gute Produkte und Dienstleistungen herstellen, einen Beitrag für die Zivilgesellschaft leisten und dabei gesund und profitabel sein. Über Vorständen, die anders handeln und die Unternehmen letzlich zerstören, sollte die "Sozial-Acht" - in Anlehnung an die Reichsacht verhängt werden. Solche Strategien müssen gesellschaftlich geächtet werden.

    Dietmar Hexel
    Mitglied geschäftsführender Bundesvorstand DGB
    Berlin

  6. Ihrem Autor isr voll zuzustimmen. Doch man denke das Szenarion einmal weiter: die entsprechenden ökonomischen Eliten bilden ein Machtkartell. Doch was passiert wenn die soziale Bombe platzt? Die Schuldenwirtschaft der USA ein abruptes Ende findet? Die Kaufkraft weiter einbricht. Mehr Stellenstreichungen ? Lohnkürzungen ? Wohl ein Rennen zum Abgrund in forcierten Tempo ... Ausgang ungewiss... wir gehen wohl sehr turbulenten Zeiten entgegen.

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