Interview»Man braucht Rückgrat«

Auch wenn eine Firma Gewinne schreibt, kann es legitim sein, sich von Mitarbeitern zu trennen, sagt Managerlegende Helmut Maucher von Brost/Storn

DIE ZEIT: Herr Maucher, viele Unternehmen melden Rekordgewinne – und entlassen trotzdem Mitarbeiter. Fehlt unseren Managern der Anstand?

Helmut Maucher: Das hat nichts mit Anstand zu tun. Ein Unternehmen muss immer versuchen, so wettbewerbsfähig wie möglich zu sein. In einer Marktwirtschaft sind die Gewinne von heute ja nicht für alle Zeit gesichert. Irgendwann kommt ein Konkurrent, der das gleiche Produkt viel günstiger anbietet oder ein viel besseres Produkt liefert. Dagegen muss ich mich als Manager wappnen. Ich muss rationalisieren, ich muss mein Unternehmen effizienter machen – auch wenn die Gewinne bereits hoch sind. Und wenn das bedeutet, dass man sich von einigen Mitarbeitern trennt, dann ist das zwar hart, aber immer noch besser, als langfristig den ganzen Laden dichtmachen zu müssen, weil ein Konkurrent kommt, der einen vom Markt fegt.

ZEIT: Also ist Jobabbau ein legitimes Mittel, um die Rendite zu steigern?

Maucher: Nein, und genau das ist das große Missverständnis. Ich spreche vom Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Das kann durchaus bedeuten, dass das Management viel Geld in neue Maschinen investiert oder ein anderes Unternehmen zukauft, also Dinge unternimmt, die kurzfristig den Gewinn – und damit die Rendite – drücken können. Was ich scharf kritisiere, sind die Renditefetischisten unter den Unternehmensführern, denen es nur darum geht, kurzfristig alles zu tun, um den eigenen Aktienkurs nach oben zu treiben. Diese trennen sich nicht von Mitarbeitern, weil es dem Unternehmen langfristig nützt, sondern weil die Börse das goutiert.

ZEIT: Gibt es eine Obergrenze für Rendite?

Maucher: Solange ich als Manager das Geld fremder Leute verwalte – nämlich das Geld meiner Aktionäre –, muss ich den Investoren natürlich etwas bieten. Eine gute Rendite ist für die Aktionäre wichtig, sie muss mindestens über dem Zins liegen, der sich mit langfristigen und vergleichsweise sicheren Anlagen erzielen lässt, und wenn die Aktionäre glauben, dass man eine vernünftige Arbeit macht, dann zieht man auch neue Aktionäre an. Wenn einige Manager heute also eine immer höhere Rendite propagieren, hat das entweder mit ihrer eigenen Eitelkeit oder mit ihren Aktienoptionen zu tun, und sie wollen womöglich nur kaschieren, dass sie den Aktionären keine vernünftige langfristige Unternehmensstrategie bieten können.

ZEIT: Viele Manager sagen, sie müssten die Rendite nach oben treiben, weil das Unternehmen sonst feindlich übernommen werden könnte.

Maucher: Das kann ich zum Teil verstehen. Aber solange wir eine freie Marktwirtschaft haben, können Firmen auch übernommen werden. Eine Übernahme zu verhindern darf nicht das erste Ziel des Managements sein.

ZEIT: Wird eine langfristig orientierte Unternehmenspolitik denn überhaupt vom Kapitalmarkt honoriert? Investmentbanker und Analysten haben doch eine ganz andere, viel kurzfristigere Perspektive.

Maucher: Das stimmt teilweise. Aber solange ein Unternehmen gute Gewinne macht und ich als Manager dafür sorge, dass der Aktienkurs auf lange Sicht in Ordnung ist, kann ich die kurzfristigen Ausschläge verkraften. Dazu brauche ich das nötige Rückgrat. Doch daran scheint es heute einigen meiner aktiven Kollegen zu fehlen. Wer eine sinnvolle Investition unterlässt, weil sie kurzfristig den Gewinn – und damit den Aktienkurs – drücken könnte, der versündigt sich am Unternehmen.

ZEIT: Sie sagen, Stellenabbau sei nicht verwerflich, wenn ein Unternehmen damit wettbewerbsfähig bleiben will. Erklären Sie das mal den Menschen, die ihren Job verlieren.

Maucher: Wenn ein Unternehmen, das Gewinne macht, Stellen abbaut, kommt es ganz entscheidend auf das Wie an. Man kann das über einige Jahre verteilen, man kann auch die natürliche Fluktuation nutzen. Wenn einem das Wasser nicht bis zum Hals steht, muss man ja nicht radikal vorgehen. Das Wichtigste aber ist, dass die Manager ihren Mitarbeitern erklären, was da gerade passiert. Dass es darum geht, das langfristige Überleben des Unternehmens zu sichern. Es ist ja auch nicht im Sinne der Mitarbeiter, eine solche Maßnahme ganz zu unterlassen. Dann haben alle zusammen noch ein oder zwei Jahre eine schöne Zeit. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem das ganze Unternehmen dafür büßen muss.

ZEIT: Sprechen Manager und Malocher überhaupt noch die gleiche Sprache?

Maucher: Wenn ein Manager ein zweistelliges Millionengehalt kassiert und dann Leute entlässt, wird das zu Recht nicht akzeptiert. Ein guter Unternehmer geht mit gutem Beispiel voran und mäßigt sich. Ich habe nichts gegen hohe Gehälter. Aber dazu gehört dann auch, dass man in guten Jahren die Mitarbeiter am Gewinn beteiligt und nicht nur die Aktionäre. Einige kurzfristig orientierte Karriereopportunisten, die alle paar Jahre das Unternehmen wechseln, können die ganze Marktwirtschaft in Verruf bringen.

ZEIT: Ist die soziale Verantwortung der Unternehmen, die viele Manager heute gern betonen, also nur ein Marketinggag?

Maucher: Nein, sie ist auch im langfristigen Unternehmensinteresse, weil das Image des Unternehmens positiv beeinflusst wird und die Mitarbeiter ganz anders motiviert sind. Ich selbst habe einmal eine ganze Fabrik verschenkt. Wir hatten bei Nestlé damals in England eine unprofitable Fabrik, in der Fische filetiert wurden. Wir hätten sie schließen müssen, aber dann hätten 500 Leute ihren Job verloren, und das in einer Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit. Verkaufen konnte man die unprofitable Fabrik auch nicht. Also habe ich sie kostenlos abgegeben – mit der Auflage, wenigstens einen Teil der Belegschaft weiter zu beschäftigen.

ZEIT: Wenn sich nun aber die Renditespirale immer weiter dreht: Verliert dann der Kapitalismus am Ende seine Legitimation?

Maucher: Nein. Wenn Wettbewerb funktioniert, steigt keine Renditespirale ins Endlose. Im Übrigen handelt es sich ja nur um wenige Fälle, die Anlass zur Kritik geben. Die meisten Unternehmer handeln sozial verantwortlich.

Die Fragen stellten Marc Brost und Arne Storn

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Leserkommentare
  1. Es gibt Artikel, die lösen sogar neben der wärmenden Heizung ein Frösteln des Körpers aus. Dieses Interview gehört dazu. So wie Herr Maucher argumentieren Technokraten der Macht. Der Mensch wird auf seine Eigenschaft als Produktionsfaktor reduziert. Der Topmanager wird zum wissenden Schöpfer hochstilisiert, dem sein Wissen um die bestmögliche aller Lösungen die Legitimation zu unumschränkter Entscheidungsgewalt zuweist. Gleich dem Kapitän, der das Rettungsboot durch die stürmische See navigiert.
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    <br />Doch genau an diesem Punkt wird die Logik des Herrn Maucher schiffbrüchig. Dem über Bord geworfenen Schwimmer im kalten Nordatlantik hilft es wenig, wenn ihm der Kommandant mit warmen Worten die chemische Zusammensetzung der Eisberge erklärt. Viele Manager müßten, so sie auf die Entscheidungslogik von Herrn Maucher verpflichtet würden, zuerst ihre eigene Entlassung in die Wege leiten. Anders als die Schiffe des Mittelalters, die ohne Kapitän und Navigator, dem sicheren Untergang geweiht waren, müßten die Beschäftigten nicht hilflos auf der See umhertreiben. Das Beispiel VW zeigt jedoch stellvertretend, daß auch starke Gewerkschaften die Regelmechanismen menschlichen Zusammenarbeitens nicht außer Kraft setzen können. Abseits aller moralischen Deckmäntelchen wird betriebliches Geschehen stets von Macht und Ohnmacht der Beteiligten bestimmt.
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    <br />Anders als der Kapitän auf hoher See riskiert der Wirtschaftskapitän nicht Leib und Leben - ja noch nicht einmal Vermögen - wenn er als Letzter von Bord geht, siehe Mannesmann. Das säuselnde Moralisieren der Entscheidungsträger ist lediglich das Opiat, mit dem die Belegschaften ruhiggestellt werden. Mit dem Rückzug auf die Notwendigkeit ihrer Entscheidungen wähnen sich die Entscheidungsträger in der gleichen Situation wie der Arzt bei der lebenserhaltenden Operation. Diese Darstellung ist infam und falsch. Die Argumentationskette der angeblich notwendigen Entscheidungen führt nicht in die nähe des rettenden Heilers, günstigenfalls in die Nähe eines taktierenden Generals. Denn mit dieser Art von Moral läßt sich vom Schreibtisch aus nicht nur ein Warenlager organisieren.
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    <br />Die betrieblich organisierte Zusammenarbeit von Menschen hat immer auch mit Vertrauen zu tun. Entlassungen sind notwendigerweise stets mit Vertrauensmißbrauch und Vertrauensverlust verbunden. Aber welch eine Welt! Inzwischen stellen die Abläufe im Wirtschaftsdschungel sogar die Erkenntnisse der Tierbeobachtung in Frage. Denn in der Tierwelt ist die Größe des Rudels der Maßstab für den Erfolg des Rudelführers. Nicht so in der pervertierten Welt der freien Wirtschaft. Dort scheint das Selbstvertrauen der verantwortlichen Manager mit jeder Entlassung exponentiell zu wachsen. Von einigen verwegenen Exemplaren wird die eigene Phantasielosigkeit sogar noch auflagetreibend als betriebswirtschaftliche Kreativiät verkauft.
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    <br />korfstroem
    <br />http://korfstroem.blogg.de

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  • Schlagworte Management | Kapitalanlage | Fonds | Betriebswirtschaft
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